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Wittenberge : Ist das Perfekt des Präteritums Tod?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Theresa Tonagel vergleicht die Sprache von Grundschülern und Senioren – und wird dabei von Jahnschule und Bürgerzentrum unterstützt

„Was haben Sie ihrer Frau oder Freundin im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt?“ „Wann putzten Sie das letzte Mal ihr Haus?“ – Böse Fangfragen, mag sich manch einer der Senioren gedacht haben, die Theresa Tonagel für ihre Abschlussarbeit interviewt hat.

Die gebürtige Perlebergerin studiert an der Uni Rostock im achten Semester Deutsch und Spanisch auf Lehramt. Für die schriftliche Arbeit zum ersten Staatsexamen untersucht sie die gesprochene Sprache von Sechstklässlern und Senioren auf Unterschiede, insbesondere in Bezug auf die verwendeten Zeitformen. „In der Sprachwissenschaft gibt es reichlich Literatur, in der die Behauptung aufgestellt wird, dass das Präteritum in der Schriftsprache immer häufiger durch das Perfekt ersetzt wird und, drastisch formuliert, auszusterben droht. Untersuchungen zur gesprochenen Sprache fehlen bislang allerdings, und hier setze ich mit meiner Arbeit an.“

Um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, ob sich die Verwendung der Zeitformen zwischen verschiedenen Altersgruppen tatsächlich unterscheidet, befragt die 23-Jährige je 30 Probanden aus den beiden Altersgruppen. „So komme ich insgesamt auf 60 Interviews, eine Menge, aber so viele sind nötig, um einigermaßen belastbare Erkenntnisse vorlegen zu können“, sagt die junge Frau.

Die Fragen, die sie stellt, sind dabei auf das Lebensumfeld der Probanden, die sie bittet, in vollständigen Sätzen zu antworten, bezogen. „Einige der Fragen sind im Präteritum, andere im Perfekt formuliert, so will ich herausfinden, ob mein Gegenüber auf die Zeitform reagiert. Die Interviews zeichne ich mit einer Videokamera auf, um sie später verschriftlichen und auswerten zu können. Ich denke, dass die Arbeit am Ende deutlich mehr als die verlangten 60 Seiten haben wird“, sagt sie und muss lächeln. „Die ersten Erkenntnisse lassen übrigens darauf schließen, dass die Hypothese stimmt und das Präteritum tatsächlich mehr und mehr durch das Perfekt ersetzt wird.“

Die Idee, Schüler und Senioren zu befragen, lag im Vorhaben selbst begründet. In der Jahnschule und dem Wittenberger Bürgerzentrum fand Theresa Tonagel engagierte Unterstützer. „Mein Vater ist Sportlehrer an der Jahnschule, das hat es mir natürlich leicht gemacht, die Schule auf meine Seite zu bringen. Aber auch im Bürgerzentrum ging das ganz unkompliziert.“ Doreen Schulz, Leiterin des Hauses, freut sich ebenfalls über die Kooperation. „Besser ließe sich doch der Begriff ,Mehrgenerationenhaus‘ gar nicht leben. Ein Projekt, das Schulkinder und Senioren verbindet, da war es für uns klar, das zu unterstützen.“

In mehreren Kursen für Senioren habe sie daraufhin gefragt, ob sich der ein oder andere bereit erklärt, Theresa Tonagel als Interviewpartner zur Verfügung zu stehen. „Die meisten, die ich angesprochen habe, waren wirklich interessiert und gern bereit mitzumachen“, sagt Doreen Schulz.

Gewundert habe sie sich darüber allerdings kaum, denn die meisten Senioren, die das Bürgerzentrum besuchen, seien ohnehin neugierig, wollten etwas erleben und nicht nur zu Hause ’rumsitzen.

Einer von ihnen ist Ulrich Zumkowski. Der 74-Jährige absolviert an diesem Tag einen Computerkurs im Nebenraum und beantwortet in einer kurzen Pause die Fragen von Theresa Tonagel. „Wann ich das letzte Mal das Haus geputzt habe? Schwer zu sagen. Eigentlich macht das meine Frau“, sagt er und muss laut loslachen. „Das ist doch mal interessant, an so einer Sache teilzunehmen“, sagt er im Anschluss an die Befragung. „Und natürlich helfe ich gern, wenn ich kann.“

Mit dem ersten Staatsexamen nimmt Theresa Tonagel die erste wichtige Hürde auf dem Weg in den Lehrerberuf. „Dann geht’s ins Referandariat, das mit dem zweiten Staatsexamen abschließt. Und was dann kommt, werden wir sehen. Ich würde gern nach Brandenburg oder in die Prignitz zurückkehren.“

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erstellt am 21.Apr.2014 | 09:00 Uhr

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