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prignitzer landwirte : Investoren sind landhungrig

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Reinhard Jung vom Bauernbund spricht im Interview über „Heuschrecken“ in der Landwirtschaft und über eine falsche EU-Agrarpolitik

von
erstellt am 23.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Die EU-Agrarpolitik bis 2020 war Thema auf dem Bauerntag des Deutschen Bauernbundes. Welche Auswirkungen jüngste EU-Beschlüsse auf Prignitzer Landwirte haben und wie sie ihre Situation derzeit beurteilen, berichtet Landesgeschäftsführer Reinhard Jung aus Lennewitz im Interview mit Redakteur Hanno Taufenbach.

Herr Jung, Landwirten eilt der Ruf voraus, ewige Meckerer zu sein. Worüber haben Sie heute zu meckern?
Ich will nicht meckern. Für die Landwirtschaft sehe ich insgesamt gute Perspektiven. Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen steigt weltweit bei gleichzeitig sinkender Anbaufläche. Während andere Branchen angesichts der Finanzkrise ins Schlingern geraten, ist die Landwirtschaft stabil. Die Kehrseite: Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.
Welche sind das?
Auswärtige Kapitalanleger drängen auf den Bodenmarkt und kaufen ganze Betriebe. Besonders attraktiv sind die riesigen LPG-Nachfolgebetriebe, entweder wenn sie wirtschaftlich schwach sind oder wenn die Nachfolge ansteht und aus dem betrieblichen Nachwuchs niemand die Summen aufbringen kann, die von den ausscheidenden Führungskräften verlangt werden.

Mit der börsennotierten KTG Agrar in Putlitz und der Ruhe Agrar in Vehlow haben sich im Landkreis bereits zwei von den ganz großen „Heuschrecken“ festgesetzt, aber es sind auch viele kleinere Investoren unterwegs.
Warum haben die Investoren Erfolg mit dieser Strategie?
Weil sie über sehr viel Geld verfügen und sich von der Landwirtschaft eine sichere Rendite erhoffen. Und weil sie mit den hier vorherrschenden Großbetrieben auf genau die Agrarstrukturen treffen, die sie sich wünschen und die ihnen den Einstieg ermöglichen.

Unsere bäuerlichen Familienbetriebe sind erstens nicht so interessant, zweitens findet die Hofnachfolge in der Regel in der Familie statt, das heißt, Investoren haben überhaupt keine Chance, sich einzukaufen.
Welche Gefahr sehen Sie in dieser Entwicklung?
Für die aktiven ortsansässigen Landwirte, gleich ob Bauern oder Agrargenossen, wird es ungemütlicher. Wo Kapitalanleger mitmischen, steigt das Preisniveau auf dem Bodenmarkt. Teilweise beobachten wir, dass sie mit regelrechten Kampfpreisen rangehen, um möglichst viel Fläche zu sichern.

Andererseits gibt es zunehmend auch Verpächter, die sich nicht vom schnellen Geld blenden lassen und bewusst an ortsansässige Landwirte verpachten, von denen sie wissen, dass diese das Land nachhaltig bewirtschaften und damit im Wert erhalten. Für unsere Betriebe sehe ich deshalb gar nicht so schwarz. Was uns vor allem ärgert, sind die schlimmen Konsequenzen für den ländlichen Raum.
Aber die Investoren betreiben doch auch Landwirtschaft. Was ist der Unterschied zu anderen landwirtschaftlichen Betrieben?
Gerade jetzt, wo ländliche Regionen von der positiven Entwicklung der Landwirtschaft profitieren könnten, saugen die Kapitalanleger die Wertschöpfung raus. Die Gewinne bleiben nicht in der Prignitz, sondern gehen nach Hamburg oder Niedersachsen. Ortsansässige Landwirte dagegen investieren hier, konsumieren hier und sie engagieren sich für ihre Region ...
Weil sie so nett sind?
Nein, sie tun das im eigenen Interesse, weil sie hier leben und alt werden möchten. Es gibt bestimmt auch nette Investoren und ich kenne einige Prignitzer Landwirte, die ich lieber nicht kennen würde. Es geht nicht um persönliche Sympathien, sondern um die Agrarstruktur. Wenn Landwirtschaft von fernen Konzernzentralen aus gesteuert wird, ist das schlecht für unser Land.
Schaut die Politik dieser Entwicklung tatenlos zu?
Die EU-Kommisson hatte für die Förderperiode 2014-20 bei den Agararsubventionen eine Obergrenze pro Betrieb vorgeschlagen. Wir wollten das so ausgestalten, dass dieselben Anteilseigner bei mehreren Betrieben nicht mehrfach kassieren dürfen – das hätte die Investoren ausgebremst.

In Brandenburg haben uns CDU und Grüne unterstützt, aber die Landesregierung hat dagegen gearbeitet, ebenso die Bundesregierung. Letzten Endes hat der Einfluss des Bauernverbandes dafür gesorgt, dass die Obergrenze gescheitert ist. Der Bauernverband hat erreicht, dass die Investoren weiterhin bis zum letzten Hektar durchsubventioniert werden.
In Brüssel beschlossen wurde auch ein Greening. Was verbirgt sich dahinter?
Greening heißt, dass ein Teil der Fördergelder an zusätzliche Umweltauflagen gebunden wird, von denen wir die meisten zwar problemlos er-füllen können, die das ganze System aber noch komplizierter und bürokratischer machen.

Die Ausweisung von fünf Prozent so genannten ökologischen Vorrangflächen wird noch kontrovers diskutiert. Wir wollen diese Flächen in der Produktion halten, indem etwa die Erhaltung von Dauergrünland oder der Anbau von Eiweißfutterpflanzen als ökologische Leistung anerkannt wird.
Ein Thema seit Jahren ist die Milchwirtschaft. Im Handel hat ein neuer Preiskampf begonnen. Und 2015 fällt die Milchquote weg. Was bedeutet das für die Prignitzer Milchbauern?
Bei Milch wirkt sich besonders negativ aus, dass uns auf der Verarbeiterseite nur noch wenige Abnehmer gegenüberstehen und die Preise bestimmen. Die Milchquote ist schon heute bedeutungslos. Um solche desaströsen Preistiefs wie vor vier Jahren zu verhindern, sollte es eine Form der Mengenregulierung geben.

Wir unterstützen das vom Bund Deutscher Milchviehhalter entwickelte Konzept des freiwilligen Lieferver-zichts, das leider auch vom Bauernverband in Brüssel torpediert wurde. Aber ich will nicht meckern: Es gibt in der Prignitz leistungsfähige Milchviehbetriebe, die trotz dieser Politik eine Zukunft haben.

Danke für das Gespräch.

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