Artgerechte Haltung : Investitionen ins Tierwohl

Erst in den vergangenen Monaten modernisierten die Karstädter ihren Kälberstall.
Erst in den vergangenen Monaten modernisierten die Karstädter ihren Kälberstall.

Prignitzer Milchbauern wehren sich gegen Kritik der nicht artgerechten Haltung / Preisabschmelzung im Einzelhandel war nicht notwendig

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01. August 2015, 12:00 Uhr

„In der Kuhmilch steckt sehr viel Tierleid, wie in allen anderen tierischen Produkten auch“, sagt Sandra Franz, Pressesprecherin von der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa). Die Kühe fristen ein trostloses Leben in engen Laufställen auf zugekoteten, glitschigen Böden. Sie leiden an haltungsbedingten Klauen- und Gelenkserkrankungen, Stoffwechselproblemen und Eutererkrankungen, sagt Ariwa, die undercover auch illegal in Tierbetrieben filmt, um auf Missstände aufmerksam zu machen, wie jüngst in Dallmin.

„Die Ziele unseres Berufsstandes sind nicht nur der Mindestlohn für unsere Mitarbeiter, sondern auch, dass wir weiter am Tierwohl arbeiten. Die Ställe werden immer weiter modernisiert, bekommen mehr Licht und Luft“, sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Lothar Pawlowski, zugleich Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Karstädt e. G, die rund 1300 Milchkühe in ihren Ställen zu stehen hat. Und zum Tierwohl sagt er: „Unsere Bestimmungen sind schon sehr gut. Die Tiere werden derzeit besser gehalten als jemals zuvor. Aber wir stellen uns als Kreisbauernverband nicht vor schwarze Schafe in unserer Branche.“ Die Agrargenossenschaft Karstädt zum Beispiel hat in den vergangenen zwei Jahren rund eine halbe Million Euro in die Kälberaufzucht investiert. „Der Kälberstall hat jetzt mehr Licht und Luft“, erklärt Pawslowski und zeigte uns den umgebauten Kälberstall.

Eine andere Art, die neugeborenen Kälber zu halten, sind Iglus. Das praktiziert die Agrargenossenschaft Dallmin e. G. Sie war allerdings vor knapp zwei Wochen heftig in die Kritik geraten. Im ARD-Beitrag „Verheizt für billige Milch – Das Leiden der deutschen Turbokühe“ zeigte der Sender Undercover-Material von Ariwa, wie junge Kälber in Dallmin angebunden sind, was laut Tierschutzverordnung verboten ist. „Die Kälber hatten Durchfall und Lungenentzündung. Wir hatten sie nur kurzfristig zur Behandlung angebunden“, erklärte Manfred Löper, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer in Dallmin unserer Redaktion. „Wir haben das Material am 1. Juli per E-Mail bekommen, am 2. waren wir morgens gleich unangekündigt in Dallmin und konnten nichts von dem nachvollziehen. Herr Löper hatte aber bestätigt, dass er die Kälber aus Behandlungsgründen angebunden hatte. Wir haben eine Anweisung ausgesprochen, das zu unterlassen. Dass Tiere vereinzelt Klauen- und Gelenkserkrankungen aufweisen, ist nichts Neues. Ich weiß, dass die Tiere in Dallmin regelmäßig behandelt werden. Das Bildmaterial war nicht repräsentativ“, erklärte gegenüber unserer Redaktion Amtstierärztin Dr. Sabine Kramer.

Iglus haben den Vorteil, dass die Kälber immer an der frischen Luft sind, wie Löper sagt. Auch, dass Jungkühe in zugekoteten Gängen liegen, bestätigte Kramer, aber räumte ein: „Das ist eine doofe Angewohnheit von Kühen, obwohl sie ihre trockenen Liegeboxen haben, wie auch in Dallmin“, so Dr. Kramer. Manfred Löper erklärte dazu: „Für das Jungvieh ist es im Kot genauso warm und weich. Fünf, sechs legen sich dort immer mal hin. Wir haben in den Boxen mit Stroh 220 Plätze und sind nicht überbelegt.“ Die Dallminer Agrargenossenschaft, in deren Ställen 1000 Rinder (davon 450 Milchkühe) stehen, habe laut ihres Chefs in den vergangenen Jahren viel investiert, damit die alten LPG-Ställe mit mehr Licht und Luft, rechts und links offen und mit Jalousien versehen werden konnten.

Angeprangert wird zudem, dass die Milchkühe auf immer mehr Leistung hochgezüchtet werden. Es sei nicht akzeptabel, dass eine Kuh 10 000 Liter Milch im Jahr geben müsse. „Fakt ist, wenn eine Milchkuh nicht optimal ausgefüttert ist, dann gibt sie weniger Leistung. Deshalb ist heute alles auf eine ausgefeilte Futterration ausgerichtet. Die effektivste Milchkuh ist heute die Holstein-Fresien schwarz-weiß. Sie gibt im Durchschnitt 9500 Kilogramm Milch“, sagt der Geschäftsführer der Karstädter Agrargenossenschaft.

Die beiden Landwirte wie auch andere Milchbauern verweisen aber auch auf ein gesellschaftliches Problem. „Die Preisabschmelzung im Einzelhandel war nicht notwendig. Wir haben zum Vorjahr einen Preisverfall von 27 Prozent. 2014 haben wir noch 36, 37 Cent pro Kilogramm Milch bekommen. Derzeit sind es nur 26 bis 28 Cent. Ich hoffe, dass diese Flaute bald vorbei ist“, so Pawlowski. Für viele Milchbauern bedeute dass, so fern sie es denn können, dass sie von ihrer Substanz zehren müssen und somit weniger in weitere Investitionen ins Tierwohl stecken können.

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