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Flüchtlinge In Perleberg : Integration mit Säge und Schere

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Seit Mai geht es im Sprachtandem in die Kleingartenanlage Quitzower Straße /Junge Asylbewerber und Pennäler packen hier mit an

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erstellt am 29.Okt.2015 | 22:00 Uhr

Walid Iliwe, Arobo Diya und die anderen haben die Arbeitshandschuhe übergestreift. Erwartungsvoll blicken sie auf Heinz Radek, Vereinsvorsitzender der Kleingartensparte Quitzower Straße. Kurz erklärt dieser den jungen Flüchtlingen, was heute noch ansteht. Büsche entlang des Weges sollen ausgeschnitten werden. Keine Hürde für die jungen Männer und die Pennäler aus dem Gottfried-Arnold-Gymnasium. Über die Nachbarschaftskampagne der SPD, die Henry Schweigel vom Willy-Brandt-Haus für ein Jahr hier in der Prignitz unterstützt, sei der Kontakt zu den jungen Syrern entstanden. Seither treffen sich die Sprachtandems immer mittwochs und eben auch, wenn es ums Arbeiten im Gartenverein geht.


Gelebte Willkommenskultur


Ende Mai war es, als der Vereinsvorstand sich junge Asylbewerber einlud mit dem Ansinnen, ihnen leere Parzellen anzubieten. Wer Garten an Garten lebt und arbeitet, der lernt sich auch kennen, so die Idee. Gelebte Integration, bringt es Vereinsvorsitzender Heinz Radek auf den Punkt.

Die Zahl der leeren Gärten ist derweil nicht geringer geworden, aber in regelmäßigen Abständen traf man fortan junge Flüchtlinge und ihre deutschen Tandempartner aus dem Gymnasium hier an. Mit Spaten, Säge, Mäher und anderem Gartengerät waren sie zu Gange, haben Hecken und Sträucher beschnitten, Flächen plan gemacht, Ränder gesäubert und … „Sie waren richtig wild auf Arbeit und wirklich eine große Hilfe für uns“, gesteht der Vereinsvorsitzende, denn der Altersdurchschnitt der Spartenmit-glieder liege auch hier mittlerweile bei fast 70 Jahren.

Walid sieht in dem Nachmittag im Gartenverein eine willkommene Abwechslung. 26 Jahre ist er jung, kommt aus Syrien, studierte dort Arabistik. „Der Krieg hat alles kaputt gemacht.“ Fünf Monate ist er jetzt in Deutschland. Sein Traum: Er möchte Mode für junge Leute entwerfen, in Essen studieren. Ohne Deutsch nicht machbar. Der Sprachkurs allein reiche nicht. Mehr bringe ihm da das Sprachtandem. Es sei zwar kein professioneller Kurs, aber „ich lerne die Menschen hier kennen, erfahre wie sie leben“. Denn der Theorie folgt die Praxis, gemeinsam geht es in die Stadt, lernen die Syrer mit Unterstützung der Pennäler sich im Alltag verständlich zu machen.

Dominique, er besucht die 9. Klasse des Gottfried-Arnold-Gymnasiums, ist einer der Sprachpartner. „Ich will einfach helfen und Spaß macht es noch dazu.“ Vom Deutschen übersetzt er ins Englische und wenn die Vokabeln fehlen, dann weiter mit Händen und Füßen. „Wir achten darauf, dass wir alle Sprachen bedienen können“, betont Henry Schweigel. Deutsch, Englisch und Arabisch– der Part geht an diesem Tag beispielsweise an Walid. Für Aroba, der erst einige Brocken Deutsch spricht, noch ganz wichtig. Auch er kommt aus Syrien, musste seine Familie dort zurück lassen. Stolz erzählt er, dass er gerade das zweite Mal Papa geworden sei, seinen kleinen Sohn aber noch nicht gesehen habe. „Das ist schon hart.“ Von Beruf ist er Werkzeugmechaniker, doch den konnte er in seiner Heimat nicht mehr ausüben. „Dort herrscht Chaos.“ Ein Leben in Frieden mit seiner Familie, das ist sein einziger Wunsch. Er würde jeden Job machen, Hauptsache, er könne damit Frau und Kinder ernähren, denn jemandem auf der Tasche liegen, das wolle er nicht.

Die Sprache sei momentan die große Barriere, doch er wolle sie lernen. Bevor es in den Kleingartenverein ging habe Henry Schweigel mit ihm wieder geübt. Und jetzt weiß er auch schon, dass jenes Gerät, das er in den Händen hält, „Säge“, heißt. Die Arbeit hier sei zudem eine Abwechslung, lenke ab vom Warten und den Sorgen über jene, die sie in der Heimat zurück lassen mussten.

Die einen lernen Deutsch, die anderen Englisch. Mubaarig Ahmed Mahamad kommt aus Somalia. Seit zwei Jahren ist er in Deutschland, lebt hier mit seiner Frau und einem Kind. Er hat eine sogenannte Duldung, damit aber keinen Anspruch auf einen Sprachkurs. Über das Sprachtandem versucht er nun, die Sprache seines derzeitigen Zuhauses zu lernen. Daniel, Diana und Julian vom Gymnasium helfen dabei. „Ich mache seit rund vier Wochen mit“, berichtet Diana. Helfen, damit sich die Flüchtlinge so schnell wie möglich integrieren, das wolle sie. Und dabei habe sie selbst auch noch ihr Deutsch verbessert. Vor zehn Jahren kam sie aus Russland, spricht inzwischen Deutsch, als wäre es ihre Muttersprache, und „immer besser auch Englisch sowie einige Wörter Arabisch“, erzählt sie lachend.


Statt Geld – einfach Herzlichkeit


Die Kleingärtner haben Hilfe, die Flüchtlinge eine Beschäftigung und Kontakte zu Menschen in ihrem neuen Zuhause. Mit Geld nicht aufzuwiegen, aber mit „Herzlichkeit“, fügt Erika Schumann an.

Der Kleingartenverein rüstet sich jetzt für den Winter, Arbeit gibt es erst wieder im Frühjahr. „Und dann hoffen wir wieder auf Unterstützung“, greift Heinz Radek den Gedanken auf. Doch bevor man sich auf Wiedersehen sagt, sitzen alle in großer Runde bei selbstgemachten Salaten und vielen leckeren Gaumenkitzeln zusammen. „Das ist unsere Art uns zu bedanken“, so Erika Schumann.  

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