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Von Russland nach Perleberg : Integration am Kochtopf

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Während des europäischen freiwilligen Dienstes ist für ein Jahr die Außenwohngruppe des CJD für Elizaveta das Zuhause.

von
erstellt am 22.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Ein großer Topf mit Reis steht auf dem Herd. Henry, 18 Jahre alt, hat das Zwiebelschneiden übernommen, Holger (53) öffnet eine Dose Mais nach der anderen. Alle gehen Lisa zur Hand, die heute für das Abendessen in der Außenwohngruppe des CJD sorgt. Es gibt Shrimpssalat „nach russischem Rezept“, ergänzt Lisa, die eigentlich Elizaveta heißt und aus dem russischen Ischewsk kommt. Für ein Jahr ist die Außenwohngruppe auch ihr Zuhause. In nahezu perfektem Deutsch erzählt sie, wie sie im Rahmen des europäischen freiwilligen Dienstes auf Deutschland kam.

Wobei, eigentlich erklärt sich das von ganz alleine, denn Lisa ist ausgebildete Dolmetscherin und Deutschlehrerin. Als solche verschlug es die 28-Jährige im vergangenen Jahr nach Österreich, arbeitete sie dort als Au-pair. „Ich wollte die Sprache kennenlernen und natürlich auch die Menschen, die sie sprechen.“ Und prompt folgt eine sprachliche Kostprobe auf Österreichisch.

„Sie hat es drauf“, gesteht Hanka Bielert lachend. Sie leitet die Wohngruppe in der Reetzer Straße und hat auch ihre junge Kollegin auf Zeit am 1. März in Wittenberge vom Bahnhof abgeholt. „Lisa zu finden, war schwerer als gedacht“, gesteht sie. Alle schauten bei der Zugankunft nach einem Mädchen mit viel Gepäck. „Es stiegen aber eben auch viele Leute aus“, fügt Hanka Bielert an. Am Fahrradständer vor dem Bahnhof entdeckten sie dann ihr Mädchen mit den vielen Koffern.

Erst einmal ging es dann zum Schnellimbiss, denn „Lisa hatte Riesenhunger“, erzählt die junge Wohngruppenleiterin. Verständlich, immerhin war sie fast zwei Tage unterwegs – „allein 17 Stunden mit dem Zug nach Moskau, drei Stunden Flug nach Deutschland und zwei Stunden Zugfahrt bis Wittenberge“, zählt Lisa auf. „Russland ist groß und Ischewsk schon eine Stadt“. Lisa muss selbst lachen, denn verglichen mit Perleberg ist ihr Zuhause eine Metropole. Immerhin leben dort knapp 630 000 Menschen.


Von der Metropole in die Kleinstadt


Perleberg sei wunderschön, klein, überall spüre man den Charme der Altstadt. Morgens jogge sie oft im Hagen, bummle aber ebenso gerne durch die Stadt und genieße es, fern von Großstadthektik zu sein. „Hier habe ich die Ruhe, um die Sprache zu lernen.“ Denn für einen Sprachkurs ist die 28-Jährige längst zu gut. Inzwischen bringt sie Stefan (31) und Florian (21) aus der Wohngruppe Lesen, Schreiben und Mathe bei. „Ich habe sie einfach gefragt“, berichtet Stefan. Er wolle endlich selbst seine Handynachrichten lesen. Das mit dem Einkaufszettel klappe schon ganz gut.

Florian will gar eine Ausbildung zum Beikoch im BBZ machen, derzeit absolviert er einen Vorbereitungslehrgang. Das Kochen mache ihm Spaß, mit neun Jahren brachte er schon Bouletten mit Mischgemüse und Kartoffeln auf den Tisch. Doch um auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Chance zu haben, müsse er die Ausbildung machen. „Das will ich. Und Lisa und Hanka helfen mir.“ Am Wochenende sitzen sie so nicht selten gemeinsam über den Schulaufgaben.

In Ischewsk arbeitete Lisa mit Vorschulkindern. Hier sind es 14 geistig behinderte Erwachsene, denen sie hilft, ihr Leben weitgehend eigenständig zu führen. „Ganz wie in einer Familie ist es hier – nur ist diese recht groß“, so die 28-Jährige. Sie fühle sich schon längst als Mitglied, auch wenn sie erst seit gut einem Monat in Perleberg ist. Gemeinsam wird eingekauft, gekocht, saubergemacht, Lisa hilft beim Wäschewaschen, beim Schreiben und Rechnen.


Russischunterricht live und Nachhilfe


„Ich wollte einen neuen für mich bisher unbekannten Weg gehen. Hier habe ich ihn gefunden, in den Menschen, die mich mögen und denen ich gleichso etwas geben kann.“ Hier sei alles so geordnet bis hin zur Mülltrennung. Einrichtungen für Behinderte geben es natürlich auch in Russland. „Doch die sind längst nicht so ausgestattet, so dass die Menschen gar nicht die notwendige Hilfe erfahren können.“

Ja, sie könne sich schon vorstellen, in Deutschland zu leben. „Ich bin jung und ungebunden, die Menschen hier sind nett und aufgeschlossen. Wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen, dann findet man auch schnell einen Draht zu ihnen.“ Und diesen wollen Hanka Bielert und ihre junge Kollegin nun auch in Richtung Perleberger Schulen spinnen. Ihr Angebot: Nachhilfe oder gar Russischunterricht live.

Zuhause könne sie relativ wenig mit ihrem Deutsch anfangen. In der Schule sei Deutschunterricht inzwischen eher nebensächlich. Dennoch wolle sie weiter Sprachen und vom Leben lernen. Insofern ist Lisa, wenn sie frei hat, auch meist unterwegs, wird ein Abstecher in ein Land gemacht, das sie noch nicht kennt. Erst dieser Tage ging es nach Belgien.

 

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