150 Jahre Feuerwehr Perleberg : Infiziert vom blauen Virus

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Uwe Schleich, seit 40 Jahren gehört er der Perleberger Ortswehr an, dabei wollte er nie Feuerwehrmann werden.
Uwe Schleich, seit 40 Jahren gehört er der Perleberger Ortswehr an, dabei wollte er nie Feuerwehrmann werden.

Seit über 40 Jahren trägt Uwe Schleich die Feuerwehruniform und ist heute noch aktiv in der Perleberger Ortswehr.

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03. August 2019, 05:00 Uhr

Feuerwehrmann – alles andere nur nicht das. Inzwischen ist Uwe Schleich einer der altgedienten aktiven Kameraden in der Perleberger Feuerwehr. 150 Jahre feiert diese am zweiten Septemberwochenende, 40 Jahre davon ist Uwe Schleich selbst aktiv mit dabei.

Infiziert vom blauen Virus, wie die Feuerwehr von den Kameraden mit einem Augenzwinkern auch bezeichnet wird, ist der Perleberger aber schon länger. Am 1. September 1976 wurde er Mitglied der betrieblichen freiwilligen Feuerwehr des RAW Wittenberge. Wehrführer Friedhelm Woith waren natürlich die sportlichen Qualitäten von Uwe Schleich, der es immerhin mit seinen Erfolgen in der Leichtathletik bis ins Perleberger Sportbuch gebracht hat, nicht verborgen geblieben. Und die Betriebswehr suchte gute Leute, die insbesondere auch bei Wettkämpfen für sie die sprichwörtlichen Kastanien aus dem Feuer holte.

Schnuppertraining im Mai und vier Monate später trug Uwe Schleich die blaue Feuerwehruniform. Die ersten Einsätze ließen nicht lange auf sich warten. Recht lebendig in Erinnerung des heute 61-Jährigen: Der große Waldbrand zwischen Weisen und Perleberg. „Die Tanklöschfahrzeuge kamen rein, die Besatzung suchte sich eine ruhige Ecke, um durchzuatmen und, um für wenige Minuten die Augen zu schließen. Wir, die Jungen, waren dann gefordert: Schläuche aufrollen, betanken, kurzum, die Fahrzeuge sofort wieder einsatzbereit zu machen.“

Irgendwann war man drin, war Feuerwehrmann, und mehr wollte er eigentlich auch nicht sein. Doch die Zeit war ran, um Verantwortung zu übernehmen. Ausbildung zum Gruppen-, dann zum Zugführer, damals noch an der Zentralen Ausbildungsakademie der Bahn in der Schwarzen Pumpe. „Zehn Tage aber richtig intensiv, abends hatte man keine Fragen mehr.“

1979 wechselte Uwe Schleich dann ins RAW Perleberg und in die Perleberger Feuerwehr. Gruppenführer, zehn Jahre Ortswehrführer, sechs Jahre Kreisbrandmeister – fast jedes Wochenende bestimmte die Feuerwehr nicht zuletzt auch das Familienleben. Sohn und Tochter wurden faktisch unter der Hand groß, hätten ihren Vater sicher so manches Mal gern auch nur für sich gehabt. „Vielleicht ein Grund, warum mein Sohn nicht Feuerwehrmann ist“, mutmaßt der Vater. Und seine Frau? Nicht selten stellte sie die Frage, mit wem er eigentlich verheiratet sei. „Mit der Feuerwehr, die war vor dir da“, lautete die Antwort, erzählt Uwe Schleich mit seinem unverwechselbaren Humor. Er verhehlt dabei keineswegs, dass ohne den Rückhalt der Familie, insbesondere seiner Frau er nie Feuerwehrmann mit Leib und Seele hätte sein können. Denn das ist er, auch wenn er inzwischen ins zweite Glied getreten ist, wie er sagt. „Die Kondition der 25- bis 30-Jährigen habe ich längst nicht mehr. Jetzt ist die Jugend dran.“ Wenn man 40 Jahre auf 130 Prozent gefahren ist, dann hat man es sich verdient, etwas kürzer zu treten. Doch ohne Feuerwehr, das geht nicht, aber eben nicht mehr unter Atemschutz und bei Großeinsätzen in der ersten Reihe.

Einmal Feuerwehrmann, immer Feuerwehrmann. Sie sind eine starke Gemeinschaft, Kameradschaft ist ihre Basis, die Verantwortung, die sie ehrenamtlich und zusätzlich für Menschenleben, Hab und Gut übernommen haben, hat sie das Laufen gelehrt, wenn der Meldeempfänger zum Einsatz ruft.

40 Jahre, da hat sich so einiges verändert, auch für die Feuerwehr. Technische Hilfeleistung war zu DDR-Zeiten die Ausnahme. „Die RAW-Wehr hatte allerdings schon Spezialtechnik, um Kesselwagen umzufüllen. Das war es aber auch schon. Brechstange, Forke, Schippe, normales Werkzeug und auch schon mal eine Motorsäge, das war die gängige Ausrüstung. Hydraulisches Spreiz- und Schneidwerkzeug, Belüftungsaggregate oder Gasmessgeräte, das ist heute Standard wie eben auch technische Hilfeleistung seit der Wende einfach dazu gehört.

Die ideale Feuerwehr wäre eine mit Brandbekämpfern aus dem Osten und technische Hilfeleistern aus dem Westen, habe man zur Wende zu hören bekommen. „Verständlich“, wie Uwe Schleich einräumt, „in der Brandbekämpfung waren wir super ausgebildet. Ziel war es, stets so viel wie möglich zu retten, selbst den letzten Ziegelstein. Einen neuen hatten wir nicht.“

Aus heutiger Sicht würde er genau das selbe tun, wieder die blaue Uniform anziehen und, wenn andere schlafen oder Wochenende haben, die Feuerwehr sein.

Schätzungsweise an die 3000 Einsätze hat Uwe Schleich gefahren, „gezählt habe ich sie nicht“. An einem Tag waren es gar mal elf, weiß er noch. Verkehrsunfall mit Toten, mehrere kleine Einsätze und ab Nachmittag ging es von einem Getreidefeldbrand zum nächsten. Im vergangenen Jahr ging es für die Perleberger Kameraden an einem Tag auch kreuz und quer durch den Landkreis vom Verkehrsunfall zu einem Getreidefeldbrand nach dem anderen. Hier war es ein Mähdrescher, der in Flammen stand, dort andere Erntetechnik bzw. hatte sich durch Steinschlag das Getreide entzündet. „Abends weiß man, was man getan hat.“

Zumeist ruft aber der Pieper zum Einsatz am Wochenende oder an Feiertagen bzw. wenn andere Feierabend haben. „Bis um 3 Uhr bist du als Feuerwehrmann gefordert und trotzdem um 8 Uhr pünktlich auf Arbeit. Das schlaucht schon.“ Und trotzdem macht Uwe Schleich es seit über 40 Jahren. Warum? „Man geht mit einem guten Gefühl ins Bett, weil man dabei war, als es darum ging, zu retten und zu helfen.“

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