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Fahrradspenden in Perleberg : In der Werkstatt bei Tom Hölzer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ehemaliger Maschinenschlosser hilft Asylbewerbern, gespendete Fahrräder verkehrstüchtig herzurichten

von
erstellt am 06.Jan.2017 | 11:00 Uhr

Interessiert schaut Saher Fahimi zu, wie Tom Hölzer die neue Gangschaltung einbaut und justiert. Das Fahrrad gehört seiner kleinen Tochter. Die Zehnjährige besucht die Rolandschule. Mit dem Fahrrad sei sie da ganz schnell in der Schule, erzählt der Papa. Bis dato fehlte aber die Gangschaltung, und eine solche hätte sie gern.

Von Afghanistan sind die Fahimis vor gut einem Jahr nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung, sich hier ein neues Leben aufbauen zu können – „in Frieden“, versucht der Familienvater sich verständlich zu machen. Die Sprache seines derzeitigen Zuhauses fällt ihm noch sichtlich schwer. Doch mit jedem Tag lerne er neue Wörter. „Heute eben Gangschaltung“, fügt Tom Hölzer schmunzelnd an.

Von Hause aus ist der Boberower Maschinenschlosser, hat viele Jahre in der Export-Auftragsbearbeitung einer großen, weltweit agierenden Firma gearbeitet. Seit zwei Jahren sei er Rentner. Nach einer neuen Aufgabe habe er damals gesucht, welche es wurde, die Entscheidung nahm ihn der Flüchtlingsstrom ab.

„Mir ist es das ganze Leben gut gegangen, da wollte ich eben einfach helfen“, reflektiert er seinen Entschluss. „Perleberg hilft“ war damals die erste Initiative, die sich bildete. Elisabeth Pietzsch und Ingrid Schindler scharten all jene um sich, die was bewegen wollten. 13 Ehrenamtler waren sie und hatten Ideen für die unterschiedlichsten Projekte, erinnert sich Tom Hölzer. Er selbst stellte sich eine Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt vor. Und die Idee fand Anklang.

So entstand im Plattenbau in Sükow die erste Werkstatt, in der Flüchtlinge ihre Fahrräder reparieren bzw. verkehrstüchtig herrichten konnten. „13 junge Männer und zwei Familien glaube ich waren in Sükow untergebracht. Da bot sich dieser Standort förmlich an.“

Die ersten zehn Fahrräder stellte die Stadt Perleberg zur Verfügung, sie kamen aus dem Fundbüro. Der Bedarf war aber weitaus größer. Über den „Prignitzer“ wurde zu Spenden aufgerufen. „Jedes Fahrrad konnten und können wir immer noch gebrauchen und sei es als Ersatzteilspender“, betont der 64-Jährige.

Einmal die Woche öffnete die Werkstatt, fuhr der Boberower nach Sükow. Dort wurde montiert, geschraubt, wurden die Drahtesel wieder zum Laufen gebracht. In der Werkstatt herrschte immer Betrieb. Inzwischen kamen Asylbewerber schon aus der ganzen Umgebung, um ihre Zweiräder verkehrssicher herzurichten. Einziges Problem, Sükow zu erreichen. Probieren geht über studieren, sagte sich Tom Hölzer und fragte beim CJD nach. Seither hat die Selbsthilfewerkstatt für Fahrräder der Initiative „Perleberg hilft“ in der Reetzer Straße der Rolandstadt ihr Domizil. „Im Keller des CJD haben wir hier eine richtige kleine Werkstatt“, ist der 64-Jährige sichtlich stolz. Immer freitags von 9.30 bis 12 Uhr werden hier Fahrräder auf Vordermann gebracht, „verkehrssicher“, betont der Boberower. Zumeist sei die Beleuchtung defekt, fehlt der Kettenschutz oder die Schaltung hat den Geist aufgegeben. Etliche Teile habe man im Ersatzteillager, vieles müsse aber auch neu besorgt werden. Während anfangs die Initiative die Werkstatt noch finanziell unterstützte, trage sie sich jetzt selbst. „Durch Materialspenden und die zehn Euro, die ein verkehrssicheres Rad bei uns kostet.“

Repariert wird zumeist gemeinsam. „Viele sind da sehr geschickt, andere habe zwei linke Hände und nur Daumen. Eben wie bei uns“, erzählt Tom Hölzer und lacht.

An die 50 Fahrräder haben hier inzwischen einen neuen Besitzer gefunden. Und gratis dazu gab und gibt es einen Flyer mit Verkehrsregeln. „Der ADFC hat ihn uns in mehreren Sprachen zur Verfügung gestellt.“ Selbst ist Tom Hölzer seit vielen Jahren Mitglied. Wen wundert’s, konnte er doch eher Rad fahren als laufen. So lange er denken könne, schlage sein Herz für Zweiräder, ob mit Motor- oder Muskelkraft getrieben. Und einwenig davon gibt er nun weiter, inklusive praxisnahem Deutsch. Übrigens, ab 13. Januar hat die Fahrradwerkstatt zum Selberwerkeln wieder geöffnet.

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