Medizin : Impulsgeber von Herzen

Prof. Dr. Joachim Witte war lange Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der KMG-Kliniken. Im Eingangsbereich des Krankenhauses in Wittstock zeigt eine Vitrine die Entwicklung der Herzschrittmachertechnologie – und ein Bild von Witte. Fotos: Karina Hoppe (2)
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Prof. Dr. Joachim Witte war lange Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der KMG-Kliniken. Im Eingangsbereich des Krankenhauses in Wittstock zeigt eine Vitrine die Entwicklung der Herzschrittmachertechnologie – und ein Bild von Witte. Fotos: Karina Hoppe (2)

Prof. Dr. Joachim Witte hat in der DDR die Herzschrittmacher-Therapie mit etabliert – und war auch sonst nie taktlos

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24. Juni 2015, 12:00 Uhr

Er erzählt gern von damals, aber er möchte nicht gehuldigt werden. Dabei hat Prof. Dr. Joachim Witte an der Charité Berlin entscheidend an der Herzschrittmacher-Therapie der DDR mitgewirkt. Häufig gab er den maßgeblichen Impuls für den Fortschritt. Im eigenen Herzen blieb er dabei immer der Mecklenburger: forsch, aber bodenständig.

Der Professor ist in die Jahre gekommen. Die Zeit der Operationen und großen Gremien ist vorbei. Auch der wissenschaftliche Beirat der KMG-Kliniken wurde aufgelöst, dort war Joachim Witte jahrelang Mitglied. Nun zählt er 78 Lenze. Manchmal sucht ein Freund mit schwächelndem Herz den Rat bei ihm. Soll er sich operieren lassen? Witte gibt gerne Ratschläge, denn sein Beruf war ihm Berufung. Dabei wollte er als Kind eigentlich Förster werden, war auf dem Land bei Neustrelitz sehr technikinteressiert. Als Neunjähriger fuhr er mit dem Lanz-Bulldog zum Pflügen auf den Acker. Den besten Schulabschluss legte er nicht hin. „2,5 oder so“, aber ein Studium sollte es schon sein. Gerne Biologie, aber da kam er nicht ran. Witte entschied sich nach der Fahne – „weil es da viele Plätze gab“ – schließlich für die Immatrikulation an der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin. Das war 1958 – und die Entscheidung goldrichtig. Während des Studiums verdiente sich Witte auf der Inneren Station der Charité als Nachtwache Geld dazu. „Anfangs war da die Faust noch der Schrittmacher.“ Und der erste externe Schrittmacher zur Wiederbelebung war „waschmaschinengroß“. 20 Betten im Saal, die Toiletten draußen. Aber es bewegt sich etwas zu jener Zeit: 1962 wird „auf der anderen Straßenseite“, wie Witte die alte Bundesrepublik nennt, in Düsseldorf der erste Herzschrittmacher in Deutschland implantiert. 1963 gelingt dies auch im Osten an der Charité Berlin: Und Witte war live dabei, schaute zu. „Das erste Implantat erhielt einer meiner Nachtwache-Patienten.“

Herzschrittmacher? Ja. Die künstliche Herzstimulation weckte Wittes Interesse. Der Mecklenburger sah darin die Zukunft, außerdem ist er ein Tüftler, baute sich selbst Radios zusammen. Das wusste sein damaliger Chef und so ist es Witte, der 1967 zu Beginn seiner internistischen Facharztausbildung an der medizinischen Poliklinik der Charité die erste Sprechstunde für Herzschrittmacher etabliert.


Als Import waren Schrittmacher zu teuer


Witte wollte den Fortschritt. Trotz eisernen Vorhangs kommt es bereits 1965 zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit der westdeutschen Herzschrittmacher-Firma Biotronik. Deren Chef, der Physiker Max Schaldach, wurde Wittes Freund, die beiden bastelten auch wortwörtlich gemeinsam an der Zukunft. Die Zusammenarbeit hielt bis 1972 an, Witte hat großen Anteil an der Entwicklung des damals einzigen deutschen Herstellers künstlicher Simulationssysteme. Und er ist ein Netzwerker: Auf seinem Engagement fußt im Jahr 1972 auch die Gründung einer Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Herzschrittmacher-Therapie“ der Gesellschaft für Kardiologie und Angiologie. Sie wurde zum Katalysator des Fortschritts.

Schließlich war Witte federführend daran beteiligt, dass die DDR selbst Schrittmacher produzierte. Einen Lizenzvertrag mit den USA konnte er kurz vor Unterzeichnung durch einen Besuch beim Minister für Elektrotechnik und Elektronik verhindern. „Das hätte uns ja nicht weitergebracht.“ Die Patientenzahlen nahmen damals stetig zu, als Import waren die Schrittmacher auf Dauer zu teuer. Und Witte wollte nicht erleben, was zum Beispiel in Bulgarien und Rumänien geschah: „Dort haben Menschen über 60 keine Schrittmacher mehr bekommen.“ Die DDR brauchte eigene Schrittmacher, davon war Witte überzeugt und unterstützte alle Bestrebungen zur Eigenentwicklung der Geräte. „Durch einen glücklichen Zufall“ konnte er unter anderem die Entwicklung der dafür erforderlichen Lithium-Batterien anstoßen: Wittes ehemaliger Chemielehrer arbeitete im Kombinat IKA Elektrik in Pirna, „und er suchte gerade nach einer neuen Aufgabe“. Volltreffer!


1974 erster eigener Schrittmacher implantiert


So wird, endgefertigt in Halle/Saale von der Firma Cardiotron, 1974 der erste in der DDR produzierte Herzschrittmacher implantiert. „Wenn sich die Leute engagiert haben, ging’s.“ Gegen 1988 ist die DDR auf dem Gebiet der Schrittmacher-Technologie auf dem gleichen Niveau wie der Westen Deutschlands. Es bestanden sogar Vorteile in der DDR: durch ein zentralisiertes Versorgungssystem für Herzschrittmacher-Patienten, an zuletzt 37 Schrittmacherzentren, an denen jeweils mindestens 100 Implantationen pro Jahr stattfanden: „Wir hatten dadurch eine vergleichsweise geringe Komplikationsrate.“

Auch während seiner Reise in die USA 1986 machte Witte die Erfahrung, dass er eigentlich gerne wieder in die kleine DDR zurückkommt. „Selbst Leute mit dem Kopf unterm Arm wurden dort abgeschoben, wenn sie ihre Cash-Karte nicht zeigen konnten. Jedes dritte Wort war Dollar.“ Die heutige medizinische Versorgung sieht Witte ebenfalls in Teilen finanzgetrieben. Auch wenn er wusste, dass es mit der DDR nichts mehr werden konnte, hat der Professor die Wende für unumgänglich gehalten und begrüßt, zum Teil aber „widerlich“ in Erinnerung. „Wie einige Leute sich benommen haben, sie hatten keine Ahnung von unserer Ausgangssituation und Befindlichkeiten.“

Witte war bis 2004 an der Charité. Zuletzt besetzte er dort eine C3-Professur für Kardiologie. Einige seiner Patienten aus der Pionierzeit der Herzschrittmacher haben viel durchgemacht. Witte erinnert sich an eine Berlinerin, die 32 Jahre mit künstlichem Impulsgeber lebte – die Geräte wurden immer kleiner, hielten länger. „Sie hatte nacheinander 26 Implantate und war immer dankbar.“ Witte implantierte in seinem Leben fast 10 000 Herzschrittmacher. „Das ärgert mich ein bisschen, die hätte ich gerne voll gemacht.“

Karina Hoppe





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