Im Rollstuhl führt kein Weg zum Arzt

<strong>Angelika Hahn,</strong> Behindertenbeauftragte des Landkreises (l.), hört sich die Probleme an, mit denen Birgit Berlik als Rollstuhlfaherin täglich zu kämpfen hat. <foto>Doris Ritzka</foto>
Angelika Hahn, Behindertenbeauftragte des Landkreises (l.), hört sich die Probleme an, mit denen Birgit Berlik als Rollstuhlfaherin täglich zu kämpfen hat. Doris Ritzka

svz.de von
07. März 2013, 06:12 Uhr

Perleberg | Seit gut sechs Jahren sitzt Birgit Berlik im Rollstuhl. Treppensteigen - das geht, wenn überhaupt, nur unter großen Schmerzen und mit Hilfe. Völlig aufgelöst klingt sie so auch am Telefon. Sie wollte zu einem Facharzt, bei dem sie seit etlichen Jahren schon in Behandlung sei. Doch dieses Mal erhielt sie von der Schwester abrupt eine Abfuhr, als sie telefonisch um einen Termin bat. Der Grund: ihr Rollstuhl. Denn inzwischen hat die 48-Jährige einen elektrischen. Für sie wurde damit der Alltag um einiges leichter, doch insgesamt bringt sie nun ordentlich Gewicht auf die Waage. "Mit mir dürften das so an die 80 Kilo sein", schätzt die Perlebergerin. Für den Arzt und seine Schwestern zu schwer, um sie die rund zehn Stufen zur Praxis hochzutragen, denn eine Rampe gibt es hier nicht. Und das gab ihr die Schwester unmissverständlich zu verstehen. Selbst auf das Angebot von Birgit Berlik, die vor allem vom "Doktor einen Befund auswerten lassen" wollte, vor der Tür zu warten, ging man nicht ein. Viele Patienten wollten dies, bekam sie zur Antwort. Sie solle sich einen anderen Facharzt suchen und "fertig war man mit mir. Der nächste ist aber in Pritz walk", erzählt sie völlig niedergeschlagen. Der sei allerdings barrierefrei zu erreichen.

Birgit Berlik kämpft nicht nur täglich gegen Schmerzen an, sie weiß auch nicht, was sie nun machen soll. "Ärzte gibt es nicht so viele, Fachärzte noch weniger und solche, die auch für Behinderte problemlos zu erreichen sind, die kann man zählen. Selbst meine Krankenkasse, die AOK, hat keine Rampe für Rollstuhlfahrer. Bin ich ein Mensch zweiter Klasse, nur weil ich im Rollstuhl sitze? Ich muss mein Leben praktisch von einer Rampe oder einem Fahrstuhl abhängig machen." Völlig überfordert mit der Situation wandte sich die 48-Jährige an den "Prignitzer" und wir vermittelten den Kontakt zur Behindertenbeauftragten des Landkreises, Angelika Hahn. Sofort nahm diese sich Zeit, fand sich ein Termin. Ungeschminkt gesteht Angelika Hahn ein, dass eine tiefe Kluft zwischen dem klafft, was Grundgesetz, Brandenburgisches Behindertengesetz oder das Behindertenpolitische Programm fordern bzw. festschreiben und der Realität. Bei öffentlichen großen Neubauten habe sie als Behindertenbeauftragte mittlerweile immer ein Mitspracherecht. Doch wer im Bestand beispielsweise eine Praxis einrichte, der muss Barrierefreiheit nicht gewährleisten. Die viel zitierte gleichberechtigte Teilhabe fällt hinten ’runter. Nun erwarte niemand, dass alle Praxen, alle öffentlichen Einrichtungen einen Fahrstuhl oder eine Rampe installieren, "doch angesichts des demografischen Wandels muss die Gesellschaft gerade auch für die Problematik der Barrierefreiheit mehr sensibilisiert werden", betont die Behindertenbeauftragte. Inzwischen gebe es viele Möglichkeiten, müsse nicht alles komplett umgebaut werden. Sie denke da an aufklappbare, mobile Rampen. Es könne eigentlich auch nicht sein, dass bei der Zulassung von Praxen die Barrierefreiheit als Option von der Kassenärztlichen Vereinigung nicht gefordert werde.

"Es geht doch", fügt Birgit Berlik an und verweist auf die Chirurgie-Praxis von Dr. Heidemarie Wilke oder die Physiotherapie in der Ritterstraße. Und wo es sich absolut baulich nicht regeln lasse, da sollten Betreiber vielleicht über Hausbesuche nachdenken. "Meine Hausärztin macht das", ergänzt sofort Birgit Berlik.

Konkrete Hilfe kann ihr an diesem Nachmittag die Behindertenbeauftragte des Landkreises nicht anbieten. Sie verspricht aber, sich umgehend um einen Gesprächstermin bei besagtem Facharzt zu bemühen. "Ich bin ja schon froh, dass mir überhaupt jemand mal zuhört und versucht zu verstehen, wie schwer der Alltag im Rollstuhl ist."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen