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Der Prignitzer

23. Oktober 2017 | 02:43 Uhr

"Ich habe zwei Zuhause"

vom

svz.de von
erstellt am 21.Dez.2012 | 04:35 Uhr

Perleberg | Jasmin ist 15 Jahre jung. Was muss ein Mädchen erleben, bevor es sagt, es möchte von zu Hause weg? Vor 15 Monaten nahm Jasmin ihren Mut zusammen, sprach diese Worte aus. Seither lebt sie in der Awo-Wohngemeinschaft - zusammen mit vier weiteren Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Während die anderen Weihnachten zuhause sind, wird die Bescherung Heiligabend für Jasmin und Susi im Wohnheim stattfinden. Jasmin freut sich drauf.

An die Zeiten, wo sie in der Schule lautstark versuchte, sich durchzusetzen, sich gar prügelte und die Zensuren ihr noch das letzte bisschen Lust am Lernen nahmen - Jasmin kann sich an sie noch gut erinnern. Dann zog die Familie in eine andere Stadt, das Mädchen besuchte die Schule an der Stepenitz. Die Noten wurden besser, Jasmin ging gern in die Schule.

Doch aus dem Mädchen, das sich prügelte, war eine zurückhaltende, in sich gekehrte 14-Jährige geworden. Dass da was nicht stimmte, merkten Lehrer und Sozialarbeiterin schon, doch Jasmin schwieg. Bis zu jenem Tag. Da sprach sie aus, dass sie sich zu Hause nicht mehr wohl fühle. Sie kam ins Heim, in die Awo-Wohngemeinschaft.

"Ich wollte von zu Hause weg und doch war ich traurig", erzählt sie. Endlich ein eigenes Zimmer - das allein half da aber auch nicht, schon gar nicht, wenn man in den fast leeren Kleiderschrank sah. Alles war so unpersönlich, so fremd. Birgit Pieper, die die Einrichtung leitet, nahm Jasmin an die Hand. "Wir gingen shoppen", sagt Jasmin und ihre Augen leuchten. Eingekauft wurde, was ein junges Mädchen so braucht, eben auch ein wenig Schminke. Jasmin hatte freie Wahl. Was sie in den Einkaufskorb legte, kostete immer nur 99 Cent. "Das ging schon ans Herz", gesteht Birgit Pieper. Anschließend wurde sich geschminkt, wurde alles ausprobiert. Jasmin fand sich hübsch, sie war glücklich - sie war angekommen in ihrem neuen Zuhause.

Selbst hat Jasmin noch fünf Geschwister, vier ältere, die längst ihr eigenes Leben führen, und eine kleinere Schwester. Seit 15 Monaten hat sie vier weitere Geschwister auf Zeit und sie hat Birgit, Conni, Moni, Ben, Christian, Marita, Hilde und Cindy - ihre Eltern ehrenhalber. Ihr Zimmer trägt ihre Handschrift, auf dem Tisch ein kleines Adventsgesteck, an den Wänden Bilder ihrer Lieblingsschauspieler und -bands. Auffallend die Ordnung und Sauberkeit. Jasmin liebt es, dass alles seinen Platz hat, "sie ist die Erste, die selbst das Bett von der Wand rückt, um dahinter Staub zu saugen", erzählt Birgit Pieper und verhehlt nicht, dass sie das schon beeindruckt habe.

Aufstehen, Frühstück, Schule, gemeinsames Mittag, kurz durchatmen bevor es an die Hausaufgaben geht. Kaffee und anschließend jeden Tag etwas anderes - "wie in einer normalen Familie", sagt Jasmin. Montag Kinderversammlung, wo auf den Tisch kommt, was gut läuft, aber auch, was nicht geht. Und wenn Letzteres überhand nimmt, dann gibt es "Strafpunkte an der Belohnungstafel.

Wofür? Jasmin muss passen, sie hatte noch keine. Fakt aber sei, wer es nicht schafft, sie in lachende Smileys umzuwandeln, der darf nicht mit zum Bowlen, ins Kino oder was sonst so geplant ist. "Einmal ist das aber erst passiert ", berichtet Jasmin. "Es muss schon richtig dicke kommen, bevor einer die letzte Chance versiebt. Schließlich sind wir nicht nur Profis, sondern vor allem auch Mütter", betont Birgit Pieper.

Jeder Tag bringt etwas anderes. Kürzlich ging es auf den Weihnachtsmarkt, wurde gebacken und gebastelt. "Das Geschenk für meinen Vati haben ich selbst gemacht." Am ersten Weihnachtsfeiertag wird sie ihn besuchen. "Ich freue mich", gesteht die 15-Jährige. Denn seit knapp einem Jahr habe sie richtig guten Kontakt zu ihm. Inzwischen hat jener auch das Umgangsrecht für seine Tochter. "Darüber sind wir ganz glücklich, da er sich wirklich um Jasmin bemüht", fügt Birgit Pieper an. Auch wenn oder gerade weil die Mädchen und Jungen in der Wohngemeinschaft leben, sei der Kontakt zu den Eltern ein wichtiger Aspekt.

Heiligabend feiert Jasmin nun im Wohnheim, Weihnachten ist sie bei ihrem Vati. "Ich habe zwei Zuhause, welches Kind kann das schon sagen."

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