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Der Prignitzer

22. November 2017 | 14:07 Uhr

Ruhestand : „Ich habe gern unterrichtet“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach 43 Jahren als Lehrerin und 26 Jahren als Schulleiterin geht Herta Richter Freitag in den Ruhestand

von
erstellt am 27.Jan.2015 | 11:54 Uhr

Am Freitag betritt Herta Richter ein letztes Mal als Direktorin die Rolandschule. Fortan darf sie ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. „Ein komisches Gefühl, wenn ich daran denke“, gesteht sie. 48 Arbeitsjahre, 43 davon als Lehrerin und 26 Jahre als Schulleiterin – die lassen sich nicht so einfach beiseite schieben: Abends nicht mehr mit Blick in den Kleiderschrank sich zu entscheiden, was ziehe ich an, morgens nicht vom Wecker aus dem Bett geklingelt zu werden, gar nicht zu reden von den vielen Nächten, in denen die Gedanken um die Schule kreisten und sie nicht in den Schlaf kommen ließen. „All das wird mir fehlen. Es war eben mein Leben.“ Und das ist nicht vorbei mit dem Ruhestand, das ist sicher.


Ihre Wiege stand in einem Schulhaus


Der Lehrerberuf ist Herta Richter in die Wiege gelegt worden. Und das kann man wörtlich nehmen, denn diese stand in einem Schulhaus in Vorpommern. Zudem sei ihre Patentante Lehrerin gewesen ebenso die Eltern ihrer besten Freundin auf der Erweiterten Oberschule. „Sie alle haben Schuld.“ Sie lacht herzhaft bei diesen Worten, ein Gefühl der Dankbarkeit schwingt da mit. „Es war der richtige Beruf für mich, auch wenn ich anfangs mit einem Medizinstudium geliebäugelt habe.“

Bevor das Mädel aus Vorpommern nach Güstrow ans Institut für Lehrerbildung ging und als Lehrer für Polytechnik ausgebildet wurde, lernte sie noch einen „anständigen Beruf“. „Wir waren eine Art Experimentierjahrgang, ich habe mit dem Abi so auch einen Facharbeiterabschluss als Betriebsschlosser gemacht.“ Feilen, fräsen, bohren, auch autogenes Schweißen – der Ablauf an der Maschine oder Werkbank war immer der gleiche. Das war nicht ihr Ding. Anders, wenn man mit Menschen arbeitet. „Morgens hast du noch einen Plan, der, betrittst du das Schulhaus, auch schon aus den Fugen gerät. Kein Tag ist wie der andere, es wird nie langweilig.“ Auf Dauer aber eben auch anstrengend, denn für alles erwartete jeder sofort eine Lösung von ihr.

Probleme und die vielen kleinen und großen Sorgen – für alles ist der Schulleiter zuständig, davon kann die heute 65-Jährige ein Lied singen. Dazu die eigene Betroffenheit. Wenn Kinder morgens ohne Frühstück in die Schule kommen oder es für sie morgens, mittags und abends nur Käsebrötchen gibt, das mache traurig und betroffen. „Es sind diese Kinder, um die man sich besondern kümmert, und es sind jene, die, um Aufmerksamkeit zu bekommen, aus der Rolle fallen“, weiß Herta Richter nur zu gut. Und sie gesteht offen: „Die anderen verdienen mindestens genauso viel Aufmerksamkeit. Doch dafür fehlt oftmals dann die Zeit.“ Die einen schließe man ins Herz, auf die anderen sei man mächtig stolz – auf eine besondere Weise lieb’ habe man sie alle.

Nach dem Studium, bei dem Herta Richter ihren Mann, der aus Perleberg stammt, kennen lernte, ging das Ehepaar zurück in die Prignitz. Für fünf Jahre war die Schule in Wolfshagen, das Schloss, ihr Arbeitsplatz. „Eine Zeit, an die ich mich gern erinnere. Wir hatten ein super E-Kabinett im damaligen Ausrüstungskombinat.“

Herta Richter übernahm eine 5. Klasse und unterrichtete bis auf Englisch alle Fächer. „Den Stoff habe ich mir erarbeitet.“ Fachkompetenz sei zweifelsohne wichtig. „Noch wichtiger ist die pädagogische Fähigkeit, mit Kindern umzugehen. Alles andere kann man sich aneignen, wenn man fleißig ist. Schon Goethe hat gesagt, ,man lerne nur von dem, den man liebt’.“

Aus dem Schloss ging es nach Perleberg ins polytechnische Zentrum in der Feldstraße. Zwölf Grad Celsius Raumtemperatur im Winter, „aber wir hatten ein Elektronik-Kabinett vom Feinsten, Computer, haben Programme geschrieben. Nach der Wende wurde dieses schnell abgewickelt und damit wurden leider auch viele Werte und Normen kaputt gemacht“.

Der Juri-Gagarin-Schule, heute Haus II des Gymnasiums, war sie damals als Lehrerin zu geordnet. Noch zu DDR-Zeiten wurde sie beauftragt, die Schule zu leiten. Mit der Wende stellte sie im Kollegium die Vertrauensfrage. 45 stimmten für sie, drei gegen sie. „Für mich war das ein Vertrauensbeweis, der mich schon bewegte.“ Sie seien eine gute Truppe dort gewesen, damals noch mit vielen Männern. Und so mischte Herta Richter auch tüchtig mit, wenn hier mal wieder die Skatkarten gedroschen wurden. Und das passierte relativ regelmäßig.

Unterrichtet habe sie immer gern, und sie möchte keine Zeit missen, jede hatte ihre Besonderheiten. Vor allem wurde miteinander und nicht gegeneinander gearbeitet, gar nicht so leicht bei einem Kollegium von durchschnittlich 20 Frauen und nur ab und an auch mal einem Mann. „Wir haben es aber immer hinbekommen.“ Vielleicht auch, weil Herta Richter kein Mensch fürs stille Schulleiterzimmer ist. Sie sitzt mit den Kollegen am Frühstückstisch, plaudert dann auch mal über Gott und die Welt, über Dinge, die die Menschheit eigentlich nicht braucht, die aber zumindest für einen Lacher sorgen. „Das werde ich unheimlich vermissen.“


Als das Wasser bis zur Kellerdecke stand


Und es sind solche Dinge, die sich fest im Gedächtnis eingebrannt haben: Hochwasser 1993. „In Gummistiefeln stand ich mit Frau Dreifke, die war meine Stellvertreterin, im Schulhaus. Auf dem Schulhof hätte man schwimmen können, der Keller stand bis unter die Decke voll Wasser. Der Unterricht war ausgelagert. Alle haben an einem Strang gezogen, das hat zusammengeschweißt. Heute ordnet der Minister an, die Schulräte haben es umzusetzen und die Schulleitung wird vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Rund 270 Schüler lernen derzeit an der Rolandschule, die Herta Richter seit 1990 leitet. „Mittlerweile sind etliche schon Großeltern, die einst meine Schüler waren.“ Es sei vor allem schön, wenn sie dies nicht vergessen haben, wenn die kleinen „Bagaluten“ von damals – heute gestandene Männer, die im Leben ihren Weg gemacht haben – immer hoch höflich grüßen.

Ein wenig Wehmut ist da plötzlich im Raum, vielleicht auch, weil wieder ein Fach im Schulleiterschrank aufgeräumt, fast leer ist. „Trotzdem, ich freue mich schon auf mehr Zeit für Familie, für Enkel, wobei, so viel wird sich da nicht ändern. Ich bin für jeden Nebenjob offen.“ Und da ist sie wieder die Fröhlichkeit der Herta Richter. Aus dem Sinn sei die Rolandschule nicht, „wo man mich braucht, da werde ich sein. Und sei es nur als Vorleseoma.“ Aufdrängeln wolle sie sich aber keinesfalls und vor allem ihrer Nachfolgerin nicht das Gefühl vermitteln, dass sie ihr auf die Finger schaue. „Denn Heike Rudolph, sie kommt von der Schule in Glöwen, ist eine gestandene Pädagogin. Sie wird es schon machen, darum ist mir nicht bange.“  

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