Firmenjubiläum in Perleberg : „Ich fühle den Stein“

Jörg Fliege fertigt eine Obstschale aus Sandstein. Aufmerksam beobachtet ihn seine Frau Marion.
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Jörg Fliege fertigt eine Obstschale aus Sandstein. Aufmerksam beobachtet ihn seine Frau Marion.

Steinmetzmeister Jörg Fliege blickt auf eine 120-jährige Unternehmensgeschichte zurück

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12. Januar 2018, 05:00 Uhr

„Eigentlich wollte ich als Kind kein Steinmetz werden“, sagt Jörg Fliege im Laufe des Gespräches. Zwar sei er in und mit dem Betrieb aufgewachsen, habe Abitur gemacht und fast ein Studium begonnen. „Doch letztlich habe ich mich doch für den Beruf entschieden, und es bis heute nicht bereut“, so der heutige Steinmetzmeister. Wer weiß, ob sonst der Betrieb in der Wilsnacker Straße 56 in Perleberg jetzt sein 120-jähriges Bestehen hätte feiern können.

„Das genaue Gründungsdatum lässt sich heute nicht mehr ermitteln“, so Jörg Fliege beim Blick in die Unternehmensgeschichte. „Belegt ist jedoch, dass der Betrieb 1898 von Steinmetzmeister Wilhelm Mühlpfort gegründet wurde.“ Doch schon kurze Zeit später, kurz nach der Jahrhundertwende, wechselte der Betrieb in den Besitz der Familie Fliege. Der Bruder des Großvaters des heutigen Inhabers, Oskar Fliege, hat den Steinmetzbetrieb übernommen. Oskar war auch bei der Perleberger Freiwilligen Feuerwehr. Beim Stadtmühlenbrand 1926 verletzte er sich am Arm. Wegen dieses Handicaps endete eine Motorradfahrt für ihn im gleichen Jahr tödlich. „Er hatte die Maschine nicht mehr in seiner Gewalt“, so Jörg Fliege. Großvater Alfred Fliege stand nun vor der Frage sein Unternehmen in Meyenburg oder das seines Bruders in Perleberg erhalten. Er entschied sich für die Kreisstadt, siedelte an den attraktiveren Standort um. 1954 übernahmen es die Kinder Gerhard und Erika. Während Erika 1968 ein Steinmetzbetrieb in Boizenburg aufbaute, führte Gerhard mit seiner Frau Ilse das Unternehmen weiter. 1975 hatte sich dann Jörg Fliege doch für den Steinmetzberuf entschieden, lernte im väterlichen Betrieb, machte seine Gesellenprüfung und 1981 die Prüfung zum Steinmetzmeister. Sein Meisterstück „hängt heute in 40 Meter Höhe am Berliner Dom“, sagt er und meint damit ein Bauteil des Gotteshauses. Zwei Jahre später haben er und seine Ehefrau Marion den Betrieb übernommen. Gemeinsam konnten sie nun das 120-jährige Bestehen im Beisein der Bürgermeisterin Annett Jura feiern.

Das Unternehmen hat viele Spuren in Perleberg hinterlassen. Aus dem vergangenen Jahrhundert sind da die Verschiebung der Rolandfigur um 1,10 Meter in den Fünfziger Jahren, auch das VVN-Denkmal entstand ebenso bei den Flieges wie die Gedenktafel an der ehemaligen Stasi-Dienststelle. Aber auch die Vergolderarbeiten am Greif (Wetterfahne) auf dem Rathausturm bzw. am Stadtwappen über der Rathaustür wurden in der kleinen Werkstatt gefertigt.

Das Steinmetzhandwerk gehört zu den ältesten handwerklichen Berufen. Es hat drei große Tätigkeitsfelder: die Grabmäler und Grabdenkmäler, der Neubau und Restaurationen aller Art. „Überall wo Naturstein zum Einsatz kommt, ist der Steinmetz dabei“, sagt Jörg Fliege.

Heute sind die Grabdenkmale das Hauptgeschäft des Betriebes. Neben seiner Frau Marion, die sich um die Kundenaquise, das Büro und das Rechnungswesen kümmert, arbeitet noch ein Geselle mit, der inzwischen seit 42 Jahren dabei ist. Über viele Jahre wurde auch bei den Flieges ausgebildet, „doch in den letzten Jahren ist es schwer, passende Lehrlinge zu finden“, sagt der Steinmetzmeister. Daher bildet er jetzt nicht mehr aus. Wenn Jörg Fliege eines Tages aufhört, dann wird kein Familienmitglied den Betrieb übernehmen. Sein Sohn ist Musicaldarsteller und die Tochter ist Diplom-Mathematikerin. Ein guter Nachfolger wird zu gegebener Zeit gesucht. Doch jetzt fühlt er sich noch wohl. Und er liebt seinen Beruf. „Ich fühle den Stein“, sagt er über seine Arbeit. „Am Klang erkenne ich, was gerade mit ihm passiert.“

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