"Ich dachte, wir werden sterben"

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14. Januar 2013, 06:30 Uhr

Wittenberge | Zwei Wittenberger - sie knapp 85, er 87 - haben einen Albtraum erlebt und wahrscheinlich auch nur Dank der Courage des Mannes überlebt. Zwei Unbekannte dringen Freitagabend in ein Siedlungshaus im Krahenstückenweg ein, traktieren die Eheleute mit einem schweren Eisenwerkzeug und Elektroschocker, setzten ihnen Pistolen auf den Körper, fordern "Schmuck, Geld, Gold". "Ich habe gedacht, wir werden sterben", sagt Hans Wollsiefer gestern, als er von den fürchterlichen Ereignissen der Nacht erzählt.

Es ist Freitagabend nach 22 Uhr. Waltraud und Hans Wollsiefer sitzen in ihrem behaglichen Wohnzimmer vor dem Bildschirm. Beide tragen Kopfhörer, sonst würden sie nicht mehr gut verstehen, was im Fernsehen läuft. Sie sind in das Programm vertieft, haben ihre Rücken der Terrassentür zugewandt, merken nicht, dass sich jemand an jener zu schaffen macht. So spüren beide erst durch schwere Schläge auf ihre Köpfe, dass sie nicht mehr allein sind. " Die Bügel der Kopfhörer haben die Schläge abgefangen. Das war wahrscheinlich unsere Rettung", sagt Wollsiefer gestern. Er springt sofort auf, dreht sich um, erhält einen weiteren Schlag, versucht gerade noch, seinen Kopf, der ohnehin schon blutet, mit den Händen zu schützen. Zwei Männer mit Kapuzen auf den Köpfen stehen im Zimmer, greifen die Ahnungslosen an. Einer der Täter richtet eine Pistole auf Wollsiefer. Als dieser sie beherzt zur Seite schieben will, hält der Angreifer Wollsiefer den Elektroschocker ins Gesicht.

"Die Männer wollten Geld, Gold und Schmuck, immer wieder haben sie das gesagt und zugeschlagen", erinnert sich der 87-Jährige. Er hört seine Frau wimmern und schreien. Waltraud Wollsiefer liegt am Boden, sie ist krank, kann nicht laufen. Die Kapuzenmänner, wie Hans Wollsiefer sie nennt, durchsuchen die Wohnung, finden dabei auch den Schlüssel zum Waffenschrank. Hans Wollsiefer ist Jäger. Für Tochter Marianne, die in Kremmen lebt und noch in der gleichen Nacht von der Wittenberger Kriminalpolizei telefonisch über das Geschehen verständigt wird, ist es schon erstaunlich, dass die Täter den Schlüssel für den Schrank scheinbar auf Anhieb finden, "denn den bewahrt mein Vater an einem ungewöhnlichen Ort auf".

Die Täter öffnen den Waffenschrank, entnehmen eine Kassette, in der Hans Wollsiefer die Pistole aufbewahrt, mit der erlegte Tiere den Gnadenschuss erhalten, legen sie auf den Spülschrank, benutzen sie aber nicht, fordern immer wieder Geld und Schmuck: "Wir hatten 600 Euro in der Wohnung. Die haben sie gefunden, das hat ihnen nicht gereicht. Die Kapuzenmänner haben mich und meine Frau immer weiter geschlagen. Ich wusste, es ist todernst. Die hätten sich noch stundenlang mit uns beschäftigt, bis wir tot sind", sagt Wollsiefer und erzählt, "dass ich fieberhaft nachgedacht habe, was ich tun kann".

Der beherzte und agile 87-Jährige fasst einen Entschluss: Er erklärt, im Obergeschoss noch Geld aufzubewahren, wohl wissend, dass dem nicht so ist. Doch oben liegt sein Hirschfänger, und an den will er unbedingt heran kommen. Die Treppe nach oben ist ziemlich steil. "Ich stieg die Stufen hoch. Ein Mann ging hinter mir, drückte mir die Pistole in den Rücken, forderte, ich soll schneller gehen. Das wollte ich aber nicht, ich musste genau überlegen, was ich mache. Die Treppe war meine einzige Chance, den Mann überhaupt zu überwältigen. Unten schrie meine Frau unter den Schlägen des anderen." Auf der vorletzten Stufe angekommen, "habe ich mich blitzschnell umgedreht, dem Maskierten ins Gesicht geschlagen und gegen die Brust getreten". Gestern gesteht Wollsiefer: "Ich war über mich selbst erstaunt. Aber es hat funktioniert." Der Kapuzenmann gerät ins Wanken, kracht die Treppe herunter. Wollsiefer holt seinen Hirschfänger und eilt nach unten, um seiner Frau beizustehen. Doch die beiden Täter sind schon verschwunden. Er hat sie offenkundig in die Flucht geschlagen. Mit ihnen sind Bargeld und Papiere weg. Frau Wollsiefer verständigt die Polizei. Die sorgt dafür, dass Waltraud und Hans Wollsiefer im Perleberger Krankenhaus behandelt werden.

Die Beamten beginnen mit ihren Ermittlungen. Ein Spürhund wird eingesetzt. Er findet eine Spur, die er aber nur einen Straßenzug weit verfolgen kann. Möglich ist, dass die Täter hier ein Auto geparkt hatten, so gestern die Pressestelle der Polizeidirektion Nord in Neuruppin.

Wegen der Schwere der Tat hat das Raubkommissariat in Neuruppin die Ermittlungen übernommen und bittet mögliche Zeugen, sich in der Polizeiinspektion in Perleberg unter der Telefonnummer 03876 / 7150 oder in der Polizeiinspektion Ostprignitz-Ruppin unter der Telefonnummer 03391 / 3540 zu melden.

Ob eine Verbindung zu Hauseinbrüchen am Donnerstag in der Wahrenberger Straße und im Falkensteig (der "Prignitzer" berichtete) besteht, kann die Polizei noch nicht sagen. "Wir prüfen, ob Übereinstimmungen bestehen", so die Pressestelle.

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