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Der Prignitzer

18. November 2017 | 05:56 Uhr

Hirtes sind überwältigt von Solidarität

vom

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2012 | 05:54 Uhr

Boberow | Am 7. Februar verloren Holger, Irene Hirte und ihre Tochter Anja durch einen Brand Hab und Gut verloren, das Ehepaar auch die berufliche Existenz. "Als ich draußen stand und sah, wie unser Haus, wie die Gaststätte in Flammen aufging, dachte ich, jetzt ist alles aus", erinnert sich Holger Hirte an die schrecklichen Nachtstunden.

Was er und seine Familie aber an Trost, Hilfe und Unterstützung erlebten, "das war für uns überwältigend und lässt sich kaum in Worte fassen", erklären Hirtes. "Ohne diese Solidarität wäre kein neuer Anfang möglich gewesen, denn wir waren nach dem Brand völlig am Boden zerstört."

Für die ersten drei Nächte fand die Familie Unterkunft in einer Ferienwohnung, dann wurde ihr von einer Boberower Familie ein Wohnhaus angeboten, das ein landwirtschaftlicher Lohnbetrieb jenseits der Elbe nur saisonmäßig nutzt und der angesichts der Notsituation erst einmal von seinem Mietrecht zurück trat. Die Geschwister von Holger Hirte und dessen Familien statteten die Räume mit Grundmobiliar aus. Weitere Sachspenden kamen von Einwohnern aus Boberow, Gosedahl und umliegenden Dörfern.

"Anja ist unsere Lebensretterin"

Anja Hirte hatte in der Brandnacht als erste den Qualm gerochen und sah, wie Rauchschwaden in ihr Zimmer drangen. In Windeseile weckte sie die Eltern und einen Pensionsgast und rettete sich mit ihnen ins Freie. Selbst hatte sie in der Eile nur einen Mantel überwerfen und eine Mütze aufsetzen können. "Anja ist unsere Lebensretterin. Wir sind ihr so dankbar und froh, dass keine Menschenleben zu beklagen sind", betonen die Eltern. Dass Anja in Boberow weilte, war mehr oder weniger Zufall, denn noch bis Dezember hatte sie in Bremerhaven gearbeitet und bastelte nun gerade an ihrer beruflichen Weiterentwicklung.

Unbedingt hervorheben möchte die Familie den aufopferungsvollen Einsatz der Feuerwehrleute, die bei extremen Bedingungen von Temperaturen bis zu 20 Grad minus gegen das Flammenmeer ankämpften und ein Übergreifen des Feuers auf angrenzende Grundstücke und damit noch mehr Leid und Schaden verhinderten. Toll sei gewesen, wie die Boberower die Kameraden mit heißen Getränken und auch Verpflegung versorgt und die eisglatte Straße mit Sand abgestumpft hätten.

"Alles wurde ein Opfer des Feuers, wir brauchten daher von der Zahnbürste, Mütze, dem Bettlaken bis zum Mantel und Staubsauger Ersatz ", erzählen Hirtes. Immer und immer wieder unterstreichen Eltern und Tochter die Dankbarkeit für die Hilfe und Unterstützung, die sie bisher erfuhren, ob durch die Verwandtschaft, die Boberower und Gosedahler, die Diakoniestation Karstädt, den Ortsbeirat, die Seegemeinde Boberow, die Agrar GmbH oder den Schützenverein des Ortes. "Wir können sie nicht alle aufzählen und die beste Weltliteratur reicht nicht aus, um unseren Dank auszudrücken." Auf einige der Hilfsangebote möchten Hirtes zurückgreifen, wenn es um Abrissarbeiten bzw. den Wiederaufbau geht.

Wie es weiter gehen soll, wissen Holger und Irene Hirte noch nicht. "Das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. Die 700-Jahrfeier von Boberower sollte neuen Schub bringen. Wir hatten für den Saal und die Gaststätte eine komplette Neu-Möblierung bestellt", erzählt das Gastwirtspaar. Zum Glück konnte diese Bestellung noch storniert werden.

Seelische Stärke gibt Holger und Irene Hirte nicht nur die immer wieder erlebte Solidarität, sondern auch Tochter Anja. Die 29-Jährige schloss vor gut fünf Jahren ein Studium als Betriebswirtin für Hotel- und Gaststättenwesen ab, war anschließend in der Gastronomie auf Norderney tätig und ging dann für zwei Jahre nach Schottland bzw. für ein Jahr in die USA. Hier arbeitete sie in Vier-Sterne-Hotels und erweiterte ihre Englischkenntnisse. Das kommt ihr jetzt für die weitere berufliche Entwicklung zu gute. Sie bewarb sich bei einem Recrutainment-Day (Anheuerungstag) in Bremerhaven für einen Job auf einem Überseekreuzer. "Wenn alles klappt, arbeite ich als stellvertretende Restaurantleiterin auf einem Schiff der Holland-Amerika-Linie", erzählt Anja stolz. Das könnte bereits in drei Wochen sein. Das heißt, weg von zu Hause voraussichtlich für sechs Monate - und die Eltern allein lassen? "Nimm das Angebot an, geht deinen Weg. Wir können nicht ewig rumjammern, sondern müssen nach vorn schauen", betonen Holger und Irene Hirte. Übrigens: Wie durch ein Wunder überlebte die Gastwirtskatze "Frau Hirte" den Brand, sie hatte sich vermutlich in den Anbau des Gebäudes geflüchtet und tauchte nach zehn Tagen völlig verstört und miauend auf dem Balkon auf. Jetzt wird sie bei Hirtes aufgepäppelt. "Der Tierarzt meint, sie schafft es", erfuhr der "Prignitzer". Ein Symbolgehalt, der auch für den Wiederaufbau der Existenz der Gastwirtsfamilie gelten sollte.

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