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Der Prignitzer

20. November 2017 | 20:21 Uhr

Hinterm Deich beginnt das Zittern

vom

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2012 | 05:49 Uhr

Cumlosen/Lenzen | Dresdens Altstadt teilweise unter Wasser, überall entlang der Elbe Bangen, ob die Deiche halten. Und in Cumlosen klaffen zur gleichen Zeit zwei Löcher im Deich. In dem schmucken Dorf bei Wittenberge stellte sich im August 2002 nicht die Frage, ob der Deich hält oder hoch genug sei. Niemand interessierte sich ernsthaft für Prognosen und Pegelstände. Die Menschen in Cumlosen hatten nur eine Frage: Wie schnell bekommen wir die Löcher dicht?

In der Ortslage war die Deichsanierung in vollem Gang. Schlechte Untergrundverhältnisse und andere Aspekte machten einen Neubau erforderlich, erinnert sich Bernd Lindow, Leiter der unteren Wasserbehörde beim Landkreis. Im Zuge der Arbeiten wurde der Altdeich teilweise vollständig abgetragen, was durchaus üblich sei. Auf rund 100 Metern gab es gar keinen Deich, auf 700 Metern betrug seine Höhe zum Zeitpunkt der herankommenden Flutwelle 6,50 Meter - mindestens einen Meter zu niedrig.

"Die Cumlosener hatten eine Heidenangst und das zu Recht. Manche standen mit den Bildern von Dresden im Kopf sicher kurz vor Lähmungserscheinungen", sagt Lindow. Die Verantwortlichen hätten nicht lange diskutiert: "Es stand fest, wir müssen bauen." Diese Entscheidung habe sich als richtig erwiesen.

Maschinen, Kies, Spezialfolie die deutschlandweit vergriffen war - all das musste binnen kürzester Zeit organisiert werden. Es war ein Wettlauf gegen die Flut, die stündlich näher an Cumlosens Deich heranrückte. "Persönlich war ich aus fachlicher Sicht relativ überzeugt davon, dass wir es schaffen, technisch war das kalkulierbar. Wir haben die Nerven behalten und alle Beteiligten haben Großartiges geleistet", sagt Lindow. Allen voran der Baubetrieb Westa aus Hagenow mit seinem Bauleiter Klaus-Dieter Puchert.

Knapp war es dennoch. Die Lücken im Deich schlossen sich nahezu parallel zum Anstieg des Wassers. Doch die Deichbauer konnten ihren Zentimeter-Vorsprung bis zum Ende halten. Dennoch mussten Taucher eingesetzt werden, die die Folie befestigten.

Im Rückblick offenbart Bernd Lindow eine ganz andere Sorge, die damals niemand offen auszusprechen wagte: "Bei den ersten Bildern von Dresden war ich mir gar nicht mehr sicher, ob die Elbe in ihrem Bett die Prignitz erreichen wird." Es war nicht auszuschließen, dass bedingt durch Deichbrüche die Wassermassen landseitig gekommen wären - auch in Cumlosen. "Dann hätten wir keine Möglichkeiten gehabt", gesteht er.

Glücklicherweise kam es nicht dazu. Die geschlossenen Deichlücken hielten stand, Cumlosen blieb verschont. Der Lückenschluss erfolgte trotz des Zeitdrucks so fachmännisch, dass diese Bereiche bis heute unverändert im Deich integriert sind.

1,5 Millionen Sandsäcke sichern den bösen Ort

Anders aber nicht weniger kritisch war die Situation wenige Kilometer flussabwärts am bösen Ort. Allein hier wurden binnen weniger Tage rund 1,5 Millionen Sandsäcke verbaut. Der unsanierte Deich war besonders niedrig und ziemlich steil, nennt Lindow zwei neu ralgische Punkte. Hinzu kam die bekannte Flusskrümmung, durch die das Wasser besonders heftig auf den Deich drückt.

Anders als Cumlosen sei der böse Ort weniger präsent gewesen, niemand wohnt in direkter Nachbarschaft. Doch Krisenstab und Einsatzkräfte konzentrierten sich auf diesen Bereich. Per Hubschrauber und mit Amphibienfahrzeugen der Bundeswehr wurden Sandsäcke herangeschafft, beidseitig des Deiches verbaut. "Eine Riesenleistung der Helfer, die rund um die Uhr im Einsatz waren", so Lindow.

Zusätzlich wurden landseitig Stützpfeiler errichtet - eine bis dahin nie angewandte Methode, um einen Deich zu stabilisieren. Die Idee dazu kam unter anderem von Michael Dahlke, der im Auftrag des Landesumweltamtes viele Jahre lang für die Prignitzer Deiche zuständig war. Wie in Cumlosen, ja wie in der gesamten Prignitz hielt der Deich am bösen Ort dem Wasserdruck stand.

Aus Lindows Sicht könne man die Leistung der Helfer nicht hoch genug einschätzen. Niemand habe sie zählen können. Schätzungen gehen von 5000 bis 10 000 Freiwilligen aus. Lindow erinnert daran, dass der gesamte Prignitzer Elbdeich auf etwa 70 Kilometern Länge mit Sandsäcken um rund 50 Zentimeter erhöht wurde. Bundeswehr, THW, Bundesgrenzschutz, Feuerwehren - sie alle waren pausenlos im Einsatz. Betriebe stellten Mitarbeiter frei, Bauunternehmer sicherten die Kiestransporte ab, Gastronomen, Großküchen, Hausfrauen versorgten Helfer mit Verpflegung. Es herrschte ein tolles Gemeinschaftsgefühl.

Bernd Lindow erinnert an die Familien der Helfer und ganz persönlich auch an seine eigene: "Wir waren im Einsatz und nicht zu Hause. Unsere Familien mussten ebenfalls Großes leisten, viele von ihnen waren von den Evakuierungen betroffen."

Zehn Jahre nach dem Hochwasser sind die Prignitzer Deiche fast vollständig saniert und zum Teil deutlich höher. Bei einem erneuten Wasserstand von 7,34 Meter am Pegel Wittenberge würde Bernd Lindow dennoch nicht relaxt im Garten sitzen wollen. "Das wäre leichtsinnig", meint er. Die Erfahrung habe gezeigt, das jedes Hochwasser anders ist.

So sei das Winterhochwasser 2003 mit seinen Eisschollen viel gefährlicher gewesen als das 2002. Und 2001 im Januar hatte sich die Situation in Breese und in der Wische durch das viele Qualmwasser zugespitzt. Für Bernd Lindow steht fest, dass Naturgewalten unberechenbar bleiben. "Wir haben nicht alles im Griff. Hochwässer sind nicht zu 100 Prozent beherrschbar."

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