Stolpersteine erinnern : Hinter jedem Stein ein Schicksal

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Am 9. November überfielen Nazis jüdische Geschäfte, entzündeten Synagogen und deportierten zehntausende Juden – auch in Perleberg

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10. November 2014, 22:00 Uhr

„Mein Vater hat sie gesehen in Frankfurt am Main, wie die Horden los sind bepackt mit Eisenstangen, mit denen sie Menschen verprügelt haben, weil sie Juden waren“, erzählt Peter Krips vorgestern auf dem Großen Markt. „Nicht nur mein Vater hat sie gesehen, auch der Roland in Perleberg war Zeuge dieser unmenschlichen Verfolgung, die am 9. November 1938 als Beginn der Pogromnächte in die Geschichte einging.“

Vorgestern, 76 Jahre später auf den Tag genau, sind die Opfer der ersten Pogromnacht noch immer unvergessen. Vier Stolpersteine in der Rolandstadt – Am Hohen Ende 4, in der Parchimer Straße 17, An der Mauer 7 und am Großen Markt – erinnern an die Nacht, die auch als Reichskristallnacht in die Geschichtsbücher einging. „Der Begriff scheint verharmlosend, immerhin wurde mehr zerstört als nur Glas. Es ging um Menschenleben“, so Peter Krips weiter. Er gehört zur Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und trifft sich zusammen mit Antifaschisten und Schülern des Perleberger Gymnasiums – einer Schule gegen Rassismus und mit Courage – zum Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten. Auch Schüler der Oberschule und des OSZ aus Wittenberge folgten dem Gedenken am Sonntag an den Stolpersteinen Perlebergs.

Hinter jedem einzelnen steckt ein bewegendes Schicksal, das die Grausamkeit jener Nacht nur exemplarisch verdeutlichen kann. So beispielsweise die Geschichte der Malwine Sternberg, die am heutigen Großen Markt 11 wohnte. „Es hieß, die Jüdin habe in jener Nacht Musik gespielt, als ihre Wohnung brutal gestürmt und ihr und ihrer Familie die Stadt Perleberg verboten wurde“, berichtet der 69-jährige Krips.

Eine andere Geschichte erzählte vorgestern die Schülerin Xenia Bekk vor dem Stolperstein von Alfred Lewandowski An der Mauer 7. Unter dieser Adresse sei der damals in der Region sehr bekannte Fleischer im Einwohnerverzeichnis der Stadt gemeldet gewesen. Bis zur Nacht auf den 10. November, in der er deportiert und schließlich ermordet wurde. „Augenzeugen berichten, dass ein Mob vor den Fenstern Lewandowskis schrie ,Jetzt geht es los, hier sind sie drin!‘ und Gegenstände in die Scheiben geworfen wurden“, liest die Schülerin den rund 20 Gedenkenden vor. „Nach diesem Angriff fand sich im Verzeichnis nur noch der Eintrag „Alfred Lewandowski. Rentner.“

In Deutschland starben auf der Nacht zum 10. November 91 Männer und Frauen, Zehntausende kamen in Schutzhaft – ins Konzentrationslager. In jener Nacht brannten mehr als 190 Synagogen und hunderte jüdischer Geschäfte und Läden wurden demoliert, überfallen und zerstört. In Perleberg starb zwar niemand, doch die Geschichten der einzelnen Menschen repräsentieren noch heute in den Stolpersteinen die Unmenschlichkeit der Nazis. „Solange diese Stolpersteine dort liegen, wo man sie zur Erinnerung gesetzt hat, sollten wir die Menschen und ihre Schicksale dahinter nicht vergessen“, mahnt Peter Krips.

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