Wittenberge : Hineinspaziert in den Tresor

Das alte Drehschloss, der Code ist verloren gegangen.
Das alte Drehschloss, der Code ist verloren gegangen.

Der „Prignitzer“ stellt besondere Ort vor, Heute: Der Zimmersafe im Rathaus und dessen kleine Schwester

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16. Februar 2018, 08:00 Uhr

Der „Prignitzer“ schließt ungewöhnliche Türen auf, steigt in Keller und luftige Höhen, dringt in Tresore vor. In den kommenden Wochen stellen wir Ihnen diese besonderen Orte in Wittenberge vor.

Heute: Der Zimmersafe im Rathaus und dessen kleine Schwester.

Nein, es lagern keine Millionen, kein Gold, Silber oder gar Schwarzgeld hinter der 35 Zentimeter dicken Safetür, die Jutta Lemm und Bernd Hartwig aufziehen. Aber Schätze, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne, sind es doch, die hinter der Tür sicher aufbewahrt werden, sagen die beiden Wittenberger Standesbeamten. Bei den Schätzen handelt es sich um Wittenberger Personenstandsbücher. Die Bücher sind bis 2009, als sie von elektronischen Registern abgelöst wurden, das auf Papier gebannte Einwohnergedächtnis der Stadt: Geburten, Eheschließungen, Sterbefälle sind darin verzeichnet.

Die schwere, weil mit Sand gefüllte Safetür führt in einen Tresor, oder besser noch in eine Art Tresorzimmer. An dessen Wänden ziehen sich die mit den unwiederbringlichen Büchern gefüllten Regale hin.

Bernd Hartwig schmunzelt: „Ein Safe à la Franz Jäger, wie man ihn von der Olsenbande kennt, ist es zwar nicht, aber auch richtig alt.“

Als die Altvorderen 1913/14 das Rathaus errichteten, ließen sie gleich den Safe in Bürogröße mit einmauern. Denn dort, wo heute das Standesamt seinen Sitz hat, residierte damals die Sparkasse. Ob Sparkasse und Stadt in jenen Jahren so reich waren, dass der Tresor bis obenhin mit Geld gefüllt war oder was dort sonst noch lagerte, ist nicht überliefert.

Nicht überliefert ist auch der Zahlencode, mit dem die fast hermetisch schließende Tresortür einst geöffnet wurde, erzählt Jutta Lemm und weist auf das messingfarbene Drehschloss mit den eingravierten Zahlen und Strichen.

Schlimm ist das Fehlen des Codes auch nicht, denn noch zu DDR-Zeiten – aus welchem Grund auch immer – ist an die Tresortür ein Sicherheitsschloss montiert worden. Bernd Hartwig und Jutta Lemm demonstrieren die ursprüngliche Sicherungstechnik, die noch zum Teil funktioniert. Denn das Handrad auf der Vorderseite der Safetür, das mit dem Zahlencode entriegelt wurde, lässt sich bei geöffneter Tür bewegen. Die Standesbeamten drehen das Rad und aus allen Schmalseiten der Tür fahren große stählerne Bolzen heraus. Im Türrahmen finden sich die Löcher, in die sie – als der Mechanismus noch einwandfrei funktionierte – einrasteten.

Safetür und -rahmen passen noch heute so genau ineinander, dass schon ein neuer Farbanstrich für Probleme sorgt. So geschehen vor wenigen Jahren, als der Rahmen gestrichen wurde. Erst als die Farbe wieder ’runter geschliffen war, ließ sich die Tür wieder schließen.

Und was passiert, wenn jemand mal in diesem Raum eingeschlossen wird?

Hartwig und Jutta Lemm sagen unisono: „Eigentlich gar nichts.“ Man müsse nur laut genug schreien, dann würde man auf dem Rathausflur gehört. Der Grund: Im Tresorzimmer gibt es schmale Lüftungsschlitze. „Weniger wegen der Leute, die da aus Versehen eingesperrt werden könnten, was eigentlich nie passiert“, schmunzelt Hartwig. Viel eher wegen der Tür und des Unterdrucks, der sonst beim Öffnen entstünde. Es kostet jetzt schon Kraft, die Tür aufzuziehen. Ohne nachströmende Luft durch die Schlitze, dürfte es fast unmöglich werden, selbst bei ausgefeilter Technik, die die beiden sich über die Jahre zum Öffnen angeeignet haben.

Apropos Technik: Der Riesentresor mit seiner mächtigen Tür fasziniert und hat auch schon so manchen Besucher des Standesamtes etwas abgelenkt, der wegen seiner bevorstehenden Hochzeit kam.

Der Zimmertresor im Standesamt hat noch eine kleine Schwester im Rathaus. Es handelt sich um eine Art begehbare Kammer. Sie befindet sich dort, wo heute das Bürgerbüro seinen Sitz hat. Schlüsselgewalt auch über diese Kammer haben die Standesbeamten. Die Tür ist zwar – der Größe des Raumes angemessen – nicht ganz so mächtig wie die des großen Tresorbruders, aber sie schützt auch zuverlässig äußerst wichtige Dokumente, nämlich Personenstandsakten, die quasi die Grundlage für die Bücher bilden. Deshalb sei es auch zwingend vorgeschrieben, dass diese Akten getrennt von den Büchern feuersicher aufbewahrt werden, erklärt Jutta Lemm. Sie legt zwei Tresorschlüssel auf den Tisch. Mit beiden muss gleichzeitig geschlossen werden, um in die Safekammer zu kommen.

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