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Serie Gewerbepark Falkenhagen : Hightech aus dem Nachbarland

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Falkenhagener Firma Dutch Vision Systems steht nicht nur für industrielle Bildverarbeitung, sondern auch für eine bewegte Geschichte

von
erstellt am 05.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Alles passiert in Bruchteilen von Sekunden. Während das Förderband unaufhörlich weiter läuft und der Strom der Metallhülsen nie aufzuhören scheint, wird, beinahe unmerklich für das menschliche Auge, ein Exemplar aussortiert. Warum dies geschieht, weiß in diesem Moment niemand. Denn die Entscheidung wird nicht von einem Menschen, sondern einer Maschine getroffen. Mehrere Kameras, diverse Lampen und ein kompliziertes Computerprogramm sorgen dafür, dass Kratzer, hauchdünne Risse oder Unebenheiten erkannt und das ensprechende Bauteil aussortiert wird. Doch nicht nur Metallhülsen können per computergesteuerter Oberflächeninspektion untersucht, vermessen und kontrolliert werden – auch größere Bauteile, egal ob bei Volkswagen, Continental oder Audi. Und eines haben alle diese Systeme gemeinsam, ihr Ursprung findet sich in den Räumen von Dutch Vision Systems in Falkenhagen.

Industrielle Bildverarbeitung heißt der Bereich, unter dem sich nur wenige wirklich etwas vorstellen können und dem sich die Firma verschrieben hat. „Wir können sozusagen alles kontrollieren, was am laufenden Band produziert wird. Egal ob Bremsbeläge, Autos, Dosen oder eben jene Hülsen“, erklärt Geschäftsführer Wilhelm Toonen. Jedes Mal werden Bilder per Kamera aufgenommen, diese mit Hilfe einer Software beurteilt und – je nach Bewertung – mit dem Objekt weiter verfahren. „Was früher zehn Frauen kontrolliert haben, macht heute die Kamera und das System“, so Toonen.

Grund für diese Umstellung ist nicht allein das Geld – ein System kostet je nach Größe zwischen 20  000 und 300  000 Euro –, sondern vor allem die gewandelte Mentalität, wie Toonen erläutert: „Während früher Stichproben zur Kontrolle genommen wurden, sind wir mittlerweile bei einer 100-Prozent-Kontrolle. Auch nur 0,1 Prozent schlechte Teile zu liefern, ist nicht mehr möglich. Diese Quote gelingt mit bloßer Sicht nicht. Man muss dieses eine Teil finden.“

Und genau das ist die Aufgabe von Dutch Vision Systems. Die Kunden treten mit einem Problem an die Firma heran. „Wir überlegen, ob und wie sich dieses lösen lässt und bieten dann ein komplettes System an“, erzählt Toonen. Dazu gehören nicht nur die Entwicklung der Konzepte und das Herstellen der Software, sondern auch die Installation der Anlage sowie die Wartung. „Meistens weiß niemand, dass es das überhaupt gibt und wie das funktioniert“, so Toonen augenzwinkernd.

Doch nicht nur die Arbeit, auch die Firma selbst sticht im Falkenhagener Gebiet heraus. Denn was der Nachname und der Dialekt des Geschäftsführers bereits erahnen lassen, wird durch den Zusatz „Dutch“ im Firmennamen zur Gewissheit: Es handelt sich hierbei um einen holländischen Betrieb. „Mein Bruder war in dem Bereich und hatte Kontakt zu einer Firma von hier und hat diese dann übernommen“, erzählt Toonen. Fungierte diese zuerst noch als Ableger des holländischen Unternehmens, existieren beide mittlerweile als gleichwertige Schwesternfirmen. Und „beide sind ein Familienbetrieb“, ergänzt der Geschäftsführer, der in der Woche in der Prignitz wohnt und am Wochenende nach Holland pendelt.

Dass er selbst einmal in diese Branche einsteigen würde, ist dagegen nur einem tragischen Fall in der Familie geschuldet. „Ich bin Interimsmanager von Beruf, habe also Firmen kurzfristig übernommen, die in Schwierigkeiten waren. Nach dem Tod meines Bruders gab es hier keine Leitung. Daraus ist dann etwas Dauerhaftes geworden.“ Doch noch heute ist sein Bruder und Firmengründer in den Falkenhagener Räumen präsent, blickt von einem gerahmten Bild auf dem Schreibtisch des Geschäftsführers auf dessen Taten.

Und der hat mit der zehn Mitarbeiter fassenden Firma genug zu tun, auch wenn es deutschlandweit etwa 20 bis 30 Firmen mit der selben Spezialisierung gibt. „Wir haben hier vor Ort Elektroinginieure, Physiker, Betriebswissenschaftler und mehrere Leute für die Verwaltung – alles hochwertige Leute und so das Wissen hier bei uns im Haus“, führt Toonen an. Probleme wie: Wie muss ich das entsprechende Bauteil anleuchten? Welche Kamera benötige ich? Welche Intensität ist möglich? Und zu allererst natürlich: Wie hoch ist überhaupt die Chance, den Fehler zu finden?, müssen geklärt werden. „Dann machen wir uns Gedanken, wie kann man eine Maschine so drum herum bauen, dass ich die Menge schaffe“, erläutert Toonen. So können zum Beispiel sechs Metallhülsen pro Sekunde kontrolliert werden.

Damit ein so hoch technisiertes Projekt überhaupt verwirklicht werden kann, kommt es vor allem auf entsprechendes Fachpersonal an. „Bei uns arbeiten viele junge Leute, die gerne bei uns sind“, so Toonen. Und im Gegensatz zu vielen anderen örtlichen Firmen, wohnen beinahe alle Techniker in Falkenhagen. Doch in der Region liegt ein Problem, wie Toonen findet. „Ich habe zwei Kunden hier und viele im Süden Deutschlands und werde oft gefragt, warum ich an diesem Standort bin. Ich bin gerne hier, aber es ist manchmal auch schwierig“, so Toonen.

Was er genau meint, wird an einem Beispiel deutlich. So will er seit geraumer Zeit seinen Betrieb erweitern. Ein Anbau an das derzeitige Gelände ist nicht möglich. Alle anderen ihm bisher in der Nähe angebotenen Flächen jedoch deutlich zu groß. „Wir haben in Holland zum Beispiel in solchen Gebieten immer Leute, die nur dafür sorgen, dass sich die Wirtschaft wohlfühlt. Bei uns ist auch nicht alles besser, aber man sorgt so dafür, dass die Firmen nicht wegziehen“, verdeutlicht Toonen und apelliert an die Verantwortlichen: „Wenn man als Region weiter will, muss man etwas machen – für die Leute und die Firmen.“ 
In unserer Serie stellen wir Unternehmen aus dem Gewerbepark Falkenhagen und der näheren Umgebung vor, zeigen, was sich seit deren Gründung vor teils mehr als 20 Jahren getan hat. Auch jüngere Ansiedlungen werden wir porträtieren und zeigen, welche Produkte den Weltmarkt erobern – frei nach dem Motto „Made in Prignitz“.

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