Perleberger Kaufmannsfamilie : Heute gibt’s Ranschwurst bei Boche

Dieses Foto entstand zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum und zeigt zwei Boche-Generationen.  Fotos: privat
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Dieses Foto entstand zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum und zeigt zwei Boche-Generationen. Fotos: privat

Der kleine Tante-Emma-Laden in der Mühlenstraße 7 prägte das Leben zweier Generationen

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14. August 2016, 04:45 Uhr

Eingekauft wurde bis zur Wende bei Boche. In der Mühlenstraße 7/ Ecke Bäckerstraße hatte Karl Boche seinen Laden, wie sein Sohn Wolfgang erzählt. „1937 hatte mein Vater das Geschäft von Max Girtzig übernommen.“ Feinkost, Importwaren, Weine, Spirituosen gab es fortan bei Boche, so jedenfalls stand es auf der Postkarte, mit der geworben wurde. „Es war ein richtiger Tante Emma-Laden. Mehl und Zucker gab es lose, Mostrich wurde im Laden abgefüllt, riesige Gläser voller Bonbons, und die Butter holte ich mit dem Fahrrad direkt von der Molkerei.“ 25 Kilo im Stück kamen in den Korb des Geschäftsfahrrades, „wenn ich gar zwei Pakete zu befördern hatte, musste ich an der Hamburger Torbrücke aufpassen, dass das Vorderrad nicht abhob und ich mit dem gesamten Gefährt umkippte, so schlecht war die Straße hier“, erinnert sich Wolfgang Boche.

Bis der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, führte die Mutter das Geschäft.

In den 60er Jahren wurde Karl Boche dann Kommissionshändler der HO. Lebensmittel, frisch und auch in der Konserve, gab es und immer dienstags und freitags Ranschwurst aus Dallmin. „So manches Mal hätte ich mir lieber die Bettdecke über den Kopf gezogen beim Gedanken an die Schlange vor dem Laden. Bis weit um die Ecke reichte sie oftmals“, erzählt Wolfgang Boches Frau Irmtraut. Denn als der Vater nicht mehr konnte, da sattelte der Sohn, gelernter Schlossermeister, um. Vom Kraftwerk ging es 1978 hinter den elterlichen Ladentisch, im Schlepptau Frau und drei Kinder. „Es ist schon beachtlich, was man der Familie manchmal zugemutet hat. Erst ging es nach Cottbus ins Kraftwerk, dann nach Stendal und schließlich zurück nach Perleberg“, so Wolfgang Boche.

Um den Laden der HO aber führen zu dürfen, musste er sich noch mal auf den sprichwörtlichen Hosenboden setzen, machte in der Erwachsenenqualifizierung seinen Fachverkäufer und Verkaufsstellenleiter. „Bei allem hin und her, es war eine schöne Zeit“, gesteht er offen ein. Mit ins Geschäft stieg auch seine Frau ein. Von Hause aus Blumenbinderin und Facharbeiter für Schreibtechnik kam ihr beides zugute. Alles andere lernte sie notgedrungen überaus schnell im Laden. Denn schließlich stand auf der anderen Seite des Ladentisches die Kundschaft und beäugte mit Argusaugen, was die Jungen da so anstellten. „Wir hatten damals noch keine Registrierkasse, also musste ich alles barfuß, wie man sagt, ausrechnen. Die erste Zeit haben sich die meisten auch den Zettel geben lassen und sicher auch nachgerechnet“, plaudert Irmtraut Boche schmunzelnd aus dem Nähkästchen.

Das ehrwürdige Geschäftsfahrrad war zwischenzeitlich von einem Auto abgelöst worden, denn „älteren Kunden haben wir nicht selten den Einkauf nach Hause geliefert“, fügt Wolfgang Boche an.

75 Mark Miete zahlten sie für den Laden, mit darüber liegender Wohnung waren es 150 Mark. Zur 725-Jahrfeier der Stadt wurde das Haus gestrichen, erhielt neue Balken und Fenster. Auch später gab es immer mal wieder Material von der Gebäudewirtschaft, um das eine oder andere am und im Haus in Ordnung zu bringen. „Das haben wir dann in Eigenregie gemacht.“

Viel Arbeit, der Tag war immer sehr lang und doch erinnern sich die Boches gern an die Zeit. „Einzig die Bückware war schon belastend. Du musstest schon Buch führen, damit jeder mal etwas abbekam.“

1987 feierten zwei Boche-Generationen 50-jähriges Geschäftsjubiläum, 1989 dann „durften meine Frau und ich in den Westen reisen und blieben dort“. Sein Vater habe ihm nie verziehen, dass er dessen Lebenswerk einfach so im Stich gelassen habe. „Einfach war es für uns wahrlich nicht“, gesteht Wolfgang Boche. Ein Grund auch, warum er und seine Frau 2006 wieder zurück nach Perleberg kamen. „Zur 725-Jahrfeier waren wir in Cottbus, zur 750. im Westen. „Den 775. Stadtgeburtstag von Perleberg haben wir aber miterlebt und schwärmen noch heute davon“, betont lächelnd das Ehepaar.

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