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Der Prignitzer

19. November 2017 | 10:01 Uhr

Perleberg : Heiligabend mit Pelmeni und Blini

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Aus Sibirien kamen Rosa Boldt und ihre Familie nach Perleberg und fanden in der Heimat ihrer Vorfahren ihr Zuhause

svz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Es ist wieder Donnerstag und das heißt – Einsatz für Rosa Boldt bei der Tafel. 64 Jahre ist sie alt, geboren in Sibirien und seit 2003 zu Hause in Perleberg. „Meine Vorfahren gehörten zu jenen Deutschen, die unter Katharina der Großen an der unteren Wolga siedelten. Meine Mutter wurde noch an der Wolga geboren, dann mussten sie nach Sibirien“, erzählt Rosa in recht gutem Deutsch. „Verstehen kann ich die Sprache besser, als sie sprechen“, und ein Lächeln huscht wieder über ihr Gesicht. Ihre Eltern hätten mit ihr immer wieder auch Deutsch gesprochen, ansonsten sei sie eben in Russland aufgewachsen. Eine Stunde Deutsch in der Woche in der Schule, „davon lernt man eine Sprache bestimmt nicht“.

Doch mit der deutschen Sprache wuchs auch der Wunsch, die eigentliche Heimat der Vorfahren kennen zu lernen. „Wir wollten wieder nach Hause“, so die 64-Jährige. In Perleberg kamen sie an. „Die Aufnahmebescheinigung war auf Brandenburg ausgestellt, meine Schwägerin wohnte bereits in Perleberg.“

Inzwischen ist Rosa mit ihrem Mann in der neuen, alten Heimat längst zu Hause. Ihre beiden Söhne haben derweil selbst Familie und sie Enkelkinder. „Eines ist immer bei uns“, fügt sie an und man spürt, dass sie förmlich aufgeht in der Oma-Rolle.

Beruflich blieben für die gelernte Sportlehrerin nur Ein-Euro-Jobs. Stadtbetriebshof, Tierpark, Krankenhaus, Tafel – „die Arbeit hat mir überall Spaß gemacht“, sie wollte und brauchte eine Beschäftigung. Vor einem Jahr nun lief die letzte Maßnahme aus und Rosa Boldt wurde Rentnerin. Die Hände in den Schoß legen, das sei nicht ihr Ding und so engagiert sie sich weiterhin ehrenamtlich bei der Tafel. „Es gefällt mir hier, das Team ist wirklich in Ordnung und die Arbeit muss ja schließlich auch gemacht werden.“

„Für uns war und ist Rosa ein echter Gewinn“, betont Vereinschefin Marlies Müller. Anfangs vor allem auch, „weil sie für die Deutsch-Russen, die zu uns kamen, übersetzen konnte“, so die Vereinschefin.

Ware für die Tafel annehmen, sie sortieren, die Regale füllen bzw. Transporte für die anderen Ausgabestellen zusammenstellen – „Rosa kann und macht alles, unter anderem ab und an auch die Ausgabe in Karstädt“. Wenn Not am Mann ist, dann steht sie bereit, „wie ein Rettungsanker, denn das ist sie für uns“, gesteht Marlies Müller. Ohne das Ehrenamt könne sie dichtmacht.

Mittlerweile betreuen sie als Tafel 170 Bedarfsgemeinschaften mit 150 Kindern aus 15 Ländern allein in Perleberg. Und ihre Zahl steige ständig weiter.

Ja, sie mache das ehrenamtlich, „so komme ich aus meinen vier Wänden raus und unter Leuten, habe ich eine Beschäftigung mit der auch ich vielleicht ein wenig helfen kann“. Aber sie verstehe nicht, warum sie so viel darüber reden soll. Immerhin habe sie auch viel Spaß dabei.

Heiligabend – Donnerstag. „Wenn ich gebraucht werde, komme ich.“ Auch wenn es zu Hause genug zu tun gibt, denn Weihnachten trifft sich die ganze Familie bei den Boldts, kommen die Kinder und Enkel. Zum Kaffee gibt es Stollen und Plätzchen, am ersten Weihnachtsfeiertag Ente. „Zu Heiligabend aber gehören Pelmeni und Blini.“

 

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