Nachbarschaftsstreit : Heckenstreit ist nur Spitze des Eisberges

Amtsgerichtsdirektor Frank Jüttner dankt Dietlind Blumenthal mit einer Urkunde für ihre zehnjährige ehrenamtliche Arbeit.
Foto:
Amtsgerichtsdirektor Frank Jüttner dankt Dietlind Blumenthal mit einer Urkunde für ihre zehnjährige ehrenamtliche Arbeit.

Die ehrenamtliche Schiedsfrau Dietlind Blumenthal schlichtet seit zehn Jahren die vielen Probleme des Alltags

von
04. September 2015, 12:00 Uhr

Wenn sich Nachbarn befehden, schaukeln sich die Konflikte über Monate und Jahre hoch. Eine Klage scheint irgendwann der einzige Ausweg zu sein. Aber statt zum Richter führt der Rechtsweg diverse Streithähne seit zehn Jahren zu Dietlind Blumenthal. Als ehrenamtliche Schiedsfrau soll sie beide Parteien zu einer Übereinkunft bewegen.

Für ihr Engagement wurde die 50-Jährige gestern durch den Perleberger Amtsgerichtsdirektor Frank Jüttner geehrt. Zugleich gratulierte er der Schiedsfrau zur Wahl für eine weitere fünfjährige Amtsperiode.

Dass Dietlind Blumenthal fast nur mit Nachbarschaftsstreitigkeiten befasst ist, liegt auch am Gesetzgeber. Dieser schreibt in Brandenburg für solche Fälle die Einschaltung einer Schiedsperson vor, bevor der Gang vor ein Gericht möglich wird.

„Meist geht es um die so genannte Grenzbebauung, also die Hecke, der Zaum oder eine Mauer sind zu hoch. Hecke oder Bäume wachsen zum Nachbarn hinüber oder sind schlecht gepflegt und ähnliches“, erzählt Dietlind Blumenthal. „Der Heckenstreit ist meist nur die Spitze des Eisberges. Die wirklichen Konflikte liegen tiefer.“

Und so beginnt der Weg zur Streitschlichtung mit Zuhören. Beide Parteien können ihre Sicht der Dinge darlegen, wenn nötig auch erst einmal „Dampf ablassen“. Dann beginnt die Suche nach den Wurzeln des Streits und auf dieser Grundlage nach einer Lösung, mit der alle leben können. „Oft hilft es schon, wenn beide Seiten in einem Raum sitzen, einander zuhören und verstehen, welche Missverständnisse es gibt und was die Nachbarn stört“, erläutert die Schiedsfrau.

Für ihre damalige Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe hatte sie vor einem Jahrzehnt einen Mediationskurs besucht und Lust bekommen, diese Fähigkeiten auch als Schiedsfrau zu erproben. Ihr „größter Fall“ war ein Garantiestreit zwischen einem Bürger und einer größeren Firma, in dem eine Einigung erreicht wurde

Bei der Suche nach einer für beide Seiten annehmbaren Lösung oder Streitschlichtung erzielt Dietlind Blumenthal wie die anderen 15 Schiedspersonen im Gerichtsbezirk hohe Erfolgsquoten. Kaum eine von allen unterzeichnete Übereinkunft platzt, aber oft helfen die Nachbarn danach bei der Hecken- und Baumpflege.

Empathie und soziale Kompetenz, Lebenserfahrung und gesunder Menschenverstand sind aus Sicht des Amtsgerichtsdirektors wichtige Voraussetzungen für das Wirken seiner ehrenamtlichen Helfer. Gesetzbücher treten bei deren Arbeit eher in den Hintergrund.

„Es gibt im Gegensatz zu einem Prozess keinen Richterspruch, der akzeptiert werden muss, keine Sieger und Verlierer. Die gemeinsam gefundene Lösung tragen alle Beteiligten mit. Das dient dem Rechtsfrieden.“ Der Jurist sieht aber noch weitere Vorteile. So werden die Schiedsverfahren schneller abgeschlossen als Prozesse und sind deutlich kostengünstiger, zudem wird die Justiz entlastet.

Daher wurde schon 1827 das Schiedsmannswesen in Preußen eingeführt. Alle Prignitzer Gemeinden verfügen nach Problemen vor einigen Jahren wieder über von der Kommunalvertretung gewählte Schiedsfrauen und -männer. Ihnen werden die Streitfälle vom Gericht überantwortet. Bürger können sich auch in den Sprechstunden mit ihren Problemen an sie wenden.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen