Havelland weist Prignitz den Weg

<strong>Raupen, wohin</strong> das Auge blickt. Das soll sich 2013 ändern. <foto>hata</foto>
Raupen, wohin das Auge blickt. Das soll sich 2013 ändern. hata

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27. Juni 2012, 07:16 Uhr

Prignitz | Endlich kommt Bewegung in die Sache: Nun will auch die Prignitz für 2013 großflächige Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners ergreifen - und nimmt sich als Vorbild den Landkreis Havelland. Die Kreisverwaltung bereitet für 2013 ebenfalls eine Allgemeinverfügung vor, heißt es in einem Schreiben.

In den vergangenen Tagen und Wochen berichtete der "Prignitzer" beinahe täglich über das Thema, zum Schluss über die erfolgreiche Aktion im Havelland. Deren Ordnungsbehörde erließ im Frühjahr eine Allgemeinverfügung und stützte sich dabei auf Statistiken, die die Gefährdung der Härchen auf die Gesundheit des Menschen in den Vordergrund rückt. So konnte das zugelassene Biozid aus der Luft auch über bewohntem Gebiet ausgebracht werden. Rund 80 Prozent der Population konnten vernichtet werden.

"Nach jetzigem Stand wollen wir auch so vorgehen wie das Havelland. Natürlich bleibt abzuwarten, ob sich die rechtlichen Grundlagen im nächsten Jahr ändern werden und welches Mittel zugelassen wird", erklärt Dr. Sabine Kramer auf Nachfrage. Sie ist die Zweite Beigeordnete des Prignitzer Landrates und verantwortlich für den Geschäftsbereich IV. Dort ist auch die Ordnungsbehörde angesiedelt. Erfolg hat der Landkreis aber erst, wenn Forstbetriebe, Kommunen und Grundstücksbesitzer an der Aktion beteiligt und die Kosten geteilt werden.

Warum reagierte der Kreis erst jetzt? "Mit einer derart explosionsartigen Vermehrung des Spinners habe wohl niemand gerechnet", begründet Dr. Sabine Kramer. Im vergangenen Jahr hätten auch nur "recht wenige konkrete Mitteilungen von Ärzten über gesundheitliche Schäden durch den Eichenprozessionsspinner" vorgelegen, heißt es weiter.

Dagegen spricht die Aussage des Allgemeinmediziners Mathias Temmler aus Lenzen, der 2011 mehrere Briefe an das Gesundheitsamt schrieb und auf den Ansturm der Patienten aufgrund des Spinners aufmerksam machte. Er habe nie eine Antwort erhalten, erklärte er gegenüber dem "Prignitzer" (wir berichteten vergangene Woche). Dazu Dr. Kramer: "Wir haben uns schon im Gesundheitsamt informiert, aber dort lagen nicht so umfangreiche Statistiken vor, wie das augenscheinlich im Havelland der Fall war. Wir hatten nur punktuelle Rückmeldungen, zum Beispiel aus Lanz von Herrn Temmler."

Mit dem Schreiben will die Kreisverwaltung auch mit einem Gerücht aufräumen: Ein Veto gegen Maßnahmen zum Schutz der Menschen vor den Auswirkungen des Spinners habe die untere Naturschutzbehörde nur in einem einzigen Fall eingelegt.

Im Laufe der vergangenen Woche hatte sich auch der Kreisbauernverband Prignitz zu der Plage geäußert. Von den Brennhaaren gehe noch eine ganz andere Gefahr aus. Sie lösen bei Weidetieren, die die Härchen mit dem Futter aufnehmen, Magenschleimhaut- und Darmentzündungen aus. Joachim Jammer von der Rinderzucht GmbH ist in Kietz mitten im Brennpunkt und kann die Bedenken des Kreisbauernverbandes teilen: "Dass das Futter beeinträchtigt wird, ist klar. Es kann in der Tat zu Reizungen der Schleimhäute kommen. Unsere Tiere sind davon aber noch nicht betroffen."

Die Frage nach der Zuständigkeit will Alfred Pieschel in einem Leserbrief beantwortet wissen. "Sind denn aber wirklich die Verwaltungen für das Wohlergehen der Bürger verantwortlich? Ich meine Nein. In erster Konsequenz sind es die von den Bürgern gewählten Ortsparlamente." Er kritisiert, dass auf keiner ihm bekannten Sitzung der Ortsparlamente die Raupenproblematik angesprochen worden sei. Der Schutz vor dem Eichenprozessionsspinner sei ein hochpolitisches Thema auf kommunaler Ebene.

Seiner Ironie Luft macht Siegward Engler. "Es war nicht richtig, über die wissentliche oder fahrlässige Untätigkeit der Behörden im Landkreis Prignitz zu berichten", schreibt er bezugnehmend auf seinen ersten Leserbrief. Nachdem er den Brief von Professor Bernhard von Barsewischs las, der vor Schädigungen des Auges durch die Raupenhaare warnte, sei Engler nun klar geworden: "Behörden und alle Beteiligten haben die Entwicklung des Spinners fest im Auge, und das macht eben blind."

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