Altkanzler in Wittenberge : Hand in Hand durch das Loft-Spa der Ölmühle

Schröders ganz privat: Gerhard Schröder und seine Frau Soyeon lassen sich Zeit bei der Besichtigung der Ölmühle in Wittenberge. Fotos: Hanno Taufenbach (4)
1 von 4
Schröders ganz privat: Gerhard Schröder und seine Frau Soyeon lassen sich Zeit bei der Besichtigung der Ölmühle in Wittenberge. Fotos: Hanno Taufenbach (4)

Die Schröders privat: Der Altkanzler besucht zusammen mit seiner Frau Soyeon Schröder-Kim Wittenberge und ist begeistert

von
14. Juni 2019, 21:00 Uhr

Anruf der Security. Noch drei Minuten. Drei Minuten, bis Gerhard Schröder in einer dunklen Limousine auf der Ölmühle in Wittenberge vorfahren wird. Der Gerhard Schröder. Altkanzler, Genosse der Bosse, Putin-Freund... Was hat man ihm nicht alles für Zusatznamen gegeben. Ihm, dem vielleicht letzten Bundeskanzler der SPD, wie manche Kommentatoren spekulieren.

Das Auto rollt noch, da schwingen schon die hinteren Türen auf. Links steigt Schröder aus, rechts seine Frau Soyeon Schröder-Kim. Synchron. Zwei, drei zügige Schritte. Ein Lächeln. Die rechte Hand voran zum Gruß. Kräftiger Händedruck, freundliches Hallo. Alles wirkt einstudiert, tausende Male praktiziert. Bei den ganz Großen in der Wirtschaft, bei Staatsoberhäuptern. Heute im nordwestlichen Zipfel Brandenburgs bei den Hausherren Lutz und Jan Lange.

Wein oder Bier? Schröder zaudert. Nimmt das Bier. Auch seine Gattin entscheidet sich an diesem schwülen Nachmittag für ein frisch gezapftes. Beherzt greifen sie zu den Grüßen aus der Küche. Sie Lachs, er Boulette mit Kartoffelsalat.

Schröders wirken weder gestresst noch müde. Schon gar nicht desinteressiert. 14 Millionen flossen in die Sanierung der Ölmühle, in die zwei Hotels, den Tauch- und Kletterturm, in das Loft Spa. Schröder hört zu, fragt nach. Familienbetrieb? Fachkräfte? Gästezahlen? Langes erzählen von den Elblandfestspielen. Von Pur, die Ende Juli auf der Bühne ein Livekonzert geben werden. Mutige Entscheidungen, lobt Schröder. Respekt schwingt mit in seiner Stimme.

Eintrag ins Gästebuch: „Für eine eindrucksvolle Lebensleistung der ganzen Familie und des Teams“, schreibt der Altkanzler auf der nackten, weißen Seite. „Möchtest du auch?“ Sie möchte. Koreanische Schriftzeichen gesellen sich zu lateinischen Buchstaben. „Ich kann das nicht lesen, was heißt das“, fragt Schröder seine Gattin. Sie schmunzelt.

Blick auf die Uhr. Der Zeitplan ist eng gestrickt. „Schaffen wir den Zug um 20.02 Uhr“, will Schröder wissen. Zug? Ja, seine Frau fahre nicht so gerne Auto. Sie würden lieber mit der Bahn zurück nach Berlin reisen. „Schaffen wir“, sagt Lutz Lange, schlägt einen Rundgang vor.

Vorbei an besetzen Tischen. An neugierigen Blicken. Nichts ist abgesperrt. Leibwächter halten sich dezent im Hintergrund. Schröder verlangt keine Extrawurst. Wirkt nicht wie ein Promi, der hofiert werden möchte. Nein, eher wie ein Tourist auf Durchreise. Er hätte ja auch nicht hierher kommen müssen. Wahlkampf für Dietmar Woidke kann er überall in Brandenburg machen. Dass er es in Wittenberge auf der Ölmühle macht, war seine Entscheidung.

Vor dem großen Saal flattern zwei CDU-Fahnen im Wind. „Was machen die hier?“, fragt Schröder. Eine Veranstaltung zur inneren Sicherheit. Thema erledigt. Wichtiger ist dem Ex-Kanzler die zeitgleich stattfindende Auszeichnung im Wettbewerb Pokal der Wirtschaft. Lutz Lange umreißt in einem Satz das Konzept: Schüler schreiben Facharbeiten über regionale Firmen. „Mögen Sie vielleicht ein paar Worte sagen?“ Klar will er.

Durch die offene Tür, vorbei an den besetzten Stuhlreihen direkt an das Mikrofon. Moderatorin Corina Sixt-Röppnack schafft es gerade noch, einen „ganz besonderen Gast“ anzukündigen. Rednerpult, Mikro. Schröder in seinem Element. Drei Minuten spricht er zu Schülern, Lehrern, Unternehmern. Ganz der Staatsmann. Routinier. Kein Satz ist deplatziert. Manche Schüler wissen nicht, wer der alte Mann da vorne ist. Andere zücken das Smartphone. Dieses Foto bekommen sie nur einmal in ihrem Leben.

Vorbei an alten Originalbalken, an Bildern und kleinen Fenstern hinauf in das Loft Spa. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, raunt Schröder-Kim. „Toll“, antwortet der. Saunen, Tauchbecken, Ruheräume, Restaurant mit italienischer Küche. „Du kannst ja zu deiner Veranstaltung gehen, ich bleibe hier. Heute ist Frauensauna“, neckt sie ihn.

Sie wollen alles sehen, fragen nach, wenn sie etwas interessiert, so wie beim Blick durch die große Glasfassade am Giebel. Wo ist die Eisenbahn-, wo die Straßenbrücke? Aha. Es regnet und stürmt, aber auf die Aussicht vom Dachgarten wollen Schröders nicht verzichten. Hand in Hand laufen sie wie ein junges Pärchen die letzten Stufen hinauf. Mit ihrem weißen Blazer und den langen offenen Haaren bleibt sie dann doch lieber im Trockenen stehen. Er wirft einen kurzen Blick.

Abwärts im Fahrstuhl. „Wollen wir hier übernachten?“ Sie überlegen. Argumente, Gegenargumente. „Wir haben ein Zimmer frei gehalten“, wirft Lutz Lange schnell dazwischen. Nein, lieber nicht. Morgen früh drückt ein Termin in Berlin. Lieber wollen sie hierher zurück auf die Ölmühle kommen. Ohne Wahlkampfauftrag, ohne Gespräch mit der Wirtschaft. Rein privat. Als Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim. Sie öffnet ihre Handtasche. Holt eine Visitenkarte hervor. Bitte den Fotografen um Bilder für das private Album. Als Erinnerung wie schön es hier sei.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen