Retzin : Gutshaus-Bewohner sind integriert

Hausmeister Steven Schitteck arbeitet mit den Bewohnern im Garten und in der Werkstatt.
Hausmeister Steven Schitteck arbeitet mit den Bewohnern im Garten und in der Werkstatt.

Von der Enthospitalisierungseinrichtung zur modernen Wohnstätte für geistig behinderte Menschen im einstigen Schloss Retzin

svz.de von
30. September 2017, 12:00 Uhr

Wo einst Gustav Gans zu Putlitz mit seiner Familie lebte und als Stuttgarter Intendant auch das Theaterspiel pflegte, wo zu DDR-Zeiten der Konsum, der Rat der Gemeinde und Wohnungen untergebracht waren, dort im Schloss Retzin, leben heute geistig beeinträchtigte Menschen.

Nach der Wende stand das Gebäude leer, der Landesverband Brandenburg der Lebenshilfe kaufte es 1992 und baute es mit Hilfe des Landes und der „Aktion Sorgenkind“ zu einer Wohnstätte für Menschen mit geistiger Behinderung um – es entstand eine Enthospitalisierungseinrichtung mit modernstem Wohnstandard für insgesamt 24 Bewohner. Die ersten kamen aus den Neuruppiner Kliniken am 1. August 1995, wie von Einrichtungsleiterin Anja Stolzki zu erfahren ist. Ihre Stellvertreterin, Cindy Harbart, ist von Beginn an dabei. Sie kann sich auch an die katastrophalen Zustände in Neuruppin erinnern. „Für die Bewohner war jetzt ein richtiges Leben möglich“, so erzählt sie.

Beim Punkt der Enthospitalisierung weisen beide Frauen auf eine Stiftung hin, die seit Jahresbeginn sich um die Menschen kümmert, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit von 1945 bis 1975 in der Bundesrepublik bzw. von 1949 bis 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben. Zwei Bewohner der Retziner Einrichtung haben Anträge gestellt und ein Bewohner hat seinen Bescheid über die einmalige pauschale Geldleistung zur selbstbestimmten Verwendung von 9000 Euro inzwischen auch erhalten.

In der Wohnstätte „Gutshaus Retzin“, wie es heute heißt, stehen den beeinträchtigten Bewohnern zwei Wohnstuben, Balkon, Terrasse mit Blick auf die Parkanlage sowie je ein individuell gestaltetes Einzelzimmer zur Verfügung. „Die Zimmer haben sich die Einwohner individuell eingerichtet“, so Anja Stolzki. „Auch die farbliche Gestaltung der Zimmer bestimmten die Bewohner.“

Von den 24 Plätzen sind 23 belegt. Das Durchschnittsalter ist mit 65 Jahren sehr hoch, wie Anja Stolzki feststellt. 28 Mitarbeiter – Fach-, Hilfs- und Wirtschaftskräfte, der Hausmeister und Reinigungskräfte kümmern sich liebevoll um die Bewohner. Und im Gegensatz zu früher gehen die Bewohner heute Beschäftigungen nach. Wer nicht in den Werkstätten der Lebenshilfe Prignitz in Pritzwalk arbeitet, der kann in der Küche helfen, zum Beispiel beim Kartoffeln schälen oder beim Salat vorbereiten. Die Männer sind in der Regel bei Hausmeister Steven Schitteck zu finden. Entweder arbeiten sie gemeinsam im Garten oder auf dem weiten Parkgelände. Jetzt sind sie auch oft in der Werkstatt zu finden. Gegenwärtig werden hier Holzschneemänner für die Kinderweihnachtsfeier der Lebenshilfe hergestellt. Es gibt auch Zeiten, in denen etwas vorgelesen wird, dienstags kommt der Musiktherapeut und mittwochs der Physiotherapeut.

„Jeder Bewohner hat auch seine individuellen Stunden“, berichten die Frauen. Dann geht es zum Einkauf, zum Friseur oder auch auf den Friedhof. Kaffeefahrten, Bowlinggruppe, Kinogruppe, Männer- und Frauengruppe sowie die Bastelgruppe ermöglichen die weitere individuelle Lebensgestaltung der Bewohner. Mit dem Frühling-, dem Sommer- und dem Herbstfest sowie dem Adventsbasar ist die Wohnstätte ein fester Bestandteil im Veranstaltungskalender Retzins. „Die Bewohner sind hier integriert“, freuen sich die Frauen. „Deshalb möchten wir uns auch bei Ortsvorsteherin Dorit Petzka, den Kameraden der Feuerwehr und allen Bewohnern, die unseren Bewohnern stets zur Seite stehen, bedanken.“

Viel getan hat sich in der Wohnstätte in den vergangenen fünf Jahren. So wurde der Weg vor dem Eingang gepflastert, das Werkstattgebäude bekam ein neues Dach und neue Fenster und im vergangenen Jahr wurden Küchen, Wohnzimmer und einzelne Bewohnerzimmer renoviert.

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