Verhandlung zu Wittenberger Brandserie : Gutachter: Angeklagte schuldfähig

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Urteil im Wittenberger Brandprozess am 12. Januar.

Dass es in Städten wie Wittenberge immer mal brennt, erleben Feuerwehr und Polizei öfter, wie ein Polizeibeamter gestern im Brandprozess vor dem Landgericht Neuruppin sagte. Neu war jedoch das Schema der Brandstiftungen, die von April bis Juni 2017 in der Elbestadt für Unruhe sorgten. Die Feuer an und in Häusern in der Altstadt wurden mit Sprayflaschen, Alttextilien und Papier entzündet.

Was die Angeklagte, wenn sie die Täterin war, dazu gebracht hat, die Brände zu legen, darüber konnte der psychiatrische Gutachter Thomas Kasten gestern vor dem Landgericht nur spekulieren. Sylvia S. hat ihm gegenüber nichts zu möglichen Motiven gesagt, fühlte sich nach eigenen Angaben nicht psychisch belastet. Bei der Polizei hatte sie davon gesprochen, ihren Frust abreagieren zu haben.

Davon nahm sie bei dem Sachverständigen Abstand: Das hätten ihr die Beamten in den Mund gelegt, bekundete sie. Die Brandstiftungen als eine Art Hilferuf, um auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen, wäre denkbar, aber Spekulation, so Kasten. Aus seiner Sicht leidet die Angeklagte nicht an einer Persönlichkeitsstörung oder sonstigen Krankheit, die zur Verminderung oder Aufhebung der Schuldfähigkeit geführt haben könnten.

„Sie hat alles in ihrem Leben gemeistert, ohne psychisch auffällig zu werden“, sagte Kasten. Sie habe zwei Töchter allein groß gezogen, pflegte die kranke Mutter, habe manche Schicksalsschläge wie den frühen Tod ihres Lieblingsbruders bewältigt.

Am 14. Juni wurde die 40-Jährige festgenommen, nachdem sie von der Polizei beobachtet worden war. Elf Taten werden ihr zur Last gelegt, für die sie sich derzeit vor dem Landgericht Neuruppin verantworten muss. Sie bestreitet die Vorwürfe. Nur die letzte Tat gibt sie zu, jedoch war die aus ihrer Sicht eine Art „Unfall“ durch eine unachtsam weggeworfene, noch glimmende Zigarette.

Die Brände richteten teilweise viel Schaden an. Eine 52-jährige Bewohnerin wurde am 29. Mai 2017 gegen 2 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen, als Nachbarn an die Wohnungstür mit dem Ruf „Feuer, Feuer“ klopften. „Es war furchtbar. Das Treppenhaus war total verraucht. Wir hätten eigentlich in der Wohnung bleiben sollen, aber wir waren in Panik,“ erinnerte sich die Wirtschaftskauffrau. Sie, ihr Mann, ihre Tochter und deren Freund rannten ins Freie. „Wir waren alle kohlrabenschwarz.“ Ihre Tochter kam mit einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Abends gegen 19 Uhr konnten sie in ihre Wohnung zurück.

Der Schaden war beträchtlich, wie der Chef der Wohnungsbaugesellschaft sagte. Das Treppenhaus musste komplett abgewaschen und gestrichen, die Strom- und Wasserversorgung instandgesetzt werden.

Die Entscheidung des Gerichts wird für Freitag, 12. Januar, erwartet.


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