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Der Prignitzer

19. Oktober 2017 | 11:19 Uhr

Großstadt-Frühstück für Schatzjäger

vom

svz.de von
erstellt am 17.Dez.2012 | 10:40 Uhr

Plau am See | Holzrücken an Holzrücken drängeln sich die kostspieligen Unikate. Schwerfällige Schränke, wuchtige Truhen und Kommoden formen enge Flure. Auf Tischen türmen sich Geschirr und Deko vergessener Epochen. Eine Frau quetscht sich durch den schmalen Gang, streicht über Massivholz und Bleiglas eines alten Schrankes. Sie ist auf der Suche nach dem Besonderen, dem Schmuckstück mit Geschichte. Es zu finden ist im Antik Speicher in Plau am See einfach und schwierig zugleich.

Das Besondere steht hier in jedem Winkel. Auf 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche wachsen schier unüberblickbare Möbelberge. Die stummen Zeugen vergangener Zeiten warten auf ein zweites Leben. In jedem Stück schlummert eine alte Seele. Jahrzehnte, Jahrhunderte gar, haben sie Wohnungen geschönt, Häuser heimelig gemacht. Doch Ornamente, Zargen und Furniere glänzen, als hätte sie der Schreiner soeben erst vollendet. Harms Gramentz hat den Staub der Vergangenheit beseitigt. Mit Meißel, Schmirgelpapier und Co. erweckt der Antik-Speicher-Chef Barock und Biedermeier zum Leben. In einer kleinen Werkstatt fällt der Mantel der Vergangenheit. Hier restauriert Gramentz mit seinem Team die Möbel seiner Kunden und seine eigenen Fundstücke. Heute aber hat der Plauer für derlei Schönheitskuren keine Zeit. Sein neustes Projekt ruft.

Harms Gramentz eilt durch die schummrigen Möbeltunnel, links herum, rechts um die Ecke, immer Richtung Lichtkegel. Hinter einem kleinen Durchgang liegt die Weite: Ein Anbau breitet seine ganze Leere aus. Bald schon sollen auch hier antike Möbel einziehen. Und ein neues Konzept. Im Klinkerbau entstand ein Café - das "Café Antik". Eröffnet wurde es am 11. Dezember. Muffigen Staubgeruch sucht die kritische Nase hier vergebens. Stattdessen zieht Kaffeeduft durch die Räume. In lauschigen Ecken sollen sich Antiquitäten-Liebhaber von ihrer Schatzsuche im Speicher erholen können. Das Projekt paart Moderne mit Nostalgie: Der noch leere Raum wird mit Antiquitäten bestückt. Die lagern noch im Verkaufsraum. Vor der Bestuhlung zieht die Wärme ein. Ein alter, schwarzer Kamin sitzt an der Steinwand und sehnt den ersten Funken herbei. Kurz vor der Eröffnung aber wanderten nur wärmende Sonnenstrahlen über den abgedeckten Dielenboden. Und Handwerker. Unter den Fenstern hängen sie tannengrüne Heizkörper an die Wand. In die benachbarte Küche zogen Herd und Spüle ein. Martina Krüger lehnt am Shabby-Chick-Türrahmen und träumt vom ersten Kuchen. In dieser Küche will sie Leckereien für ihre Gäste backen - jeden Tag frisch, jeden Tag anders.

Seit 1994 lebt Martina Krüger in Plau, zog aus dem turbulenten Berlin in das verträumt Mecklenburg. "Heimweh hab ich aber immer noch", gesteht sie. Ein Stück Berlin will sie deshalb jetzt an den Plauer See holen - zumindest kulinarisch. Frühstück am Nachmittag, wie es in der Bundeshauptstadt Gang und Gäbe ist, will sie auch in Mecklenburg servieren - im Café Antik. Vorher arbeitete Krüger im benachbarten Speicher, half bei der Restaurierung und dem Verkauf. Jetzt tauscht sie Werkstatt gegen Küche, wird Gastronomin im Quereinstieg. Und dennoch: Gäste mit selbst zubereiteten Köstlichkeiten zu verwöhnen, traut sie sich durchaus zu. Erfahrung habe sie schließlich von Haus aus. "Ich habe eine sechsköpfige Familie, die ich gern bekoche und bebacke", sagt sie und lacht.

Zum Kaffee serviert Martina Krüger Nostalgie: Bis auf den Dachstuhl hat im Café-Neubau jedes Stück Geschichte. Selbst die Wände. Bauherr Harms Gramentz setzt auf historischen Charme. 0/8/15-Steine kommen nicht in Frage. "Ich habe 10 000 alte Abrisssteine von einem Speicher aus Bützow geholt", sagt er stolz. Martina Krüger liebt das historische Flair. "Es soll ein altes Café sein, aber nicht altbacken", sagt sie bestimmt. Ihr Lieblingsstück hängt an der Wand: Eine alte Leuchtreklame flackert über dem noch leeren Platz, den bald schon ein Klavier besetzen soll. "Ist das nicht schön", schwärmt die Café-Chefin.

So handverlesen wie das Mobiliar ist auch die Speise- und Getränkekarte: Kaffee aus einer Neustrelitzer Rösterei, Tee einer Hamburger Handelsfamilie und dazu Torten, Gebäck und herzhafte Tartes aus der eigenen Küche - Martina Krüger will ihren Gästen das besondere Café-Erlebnis bieten.

Die Liebe zum Detail, die Leidenschaft für das Besondere, die teilt Martina Krüger mit ihrem ehemaligen Chef und jetzigem Verpächter. Dessen exquisite Stücke sind heiß begehrt. Die Funde, die Harms Gramentz aus Haushaltsauflösungen zwischen Rostock und Magdeburg bezieht, locken Kunden aus ganz Deutschland nach Plau in den Antik Speicher. Der Besuch verspricht eine Zeitreise mit Jagdfieber. Die Antiquitäten wecken Begehrlichkeiten. Und große Emotionen. Da fließt schon mal eine Träne, wenn das begehrte Stück in letzter Sekunde von einem anderen Sammler weggeschnappt wurde. "Die Möbel sind eben alle Unikate. Die gibt es kein zweites Mal", sagt Gramentz. Manche seiner Schätze begleiten ihn seit mehr als 15 Jahren, andere wiederum schaffen den Weg kaum von der Werkstatt in den Verkaufsraum, schon hat sie ein Sammler für sich entdeckt.

Doch ob Ladenhüter oder heiße Ware - in jedes Stück steckt Harms Gramentz Herz und Schweiß. Das zahlt sich aus: Seine restaurierten Möbel halten nicht nur Einzug in die Wohnzimmer der Republik. Sie sind auch TV-Stars. Für die ARD-Doku-Soap "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" lieferte er das Inventar. Dabei beginnt Gramentz’ Restaurateur-Karriere auf Umwegen. Eigentlich ist Harms Gramentz Gießereimodellbauer und Drechsler. Er lernt in Rostock, arbeitet anschließend in einem Nähmaschinenwerk in Wittenberge. Doch Akkordarbeit mit 3000 Kollegen - das ist nichts für ihn. Harms Gramentz liebt es individuell. Mit 22 macht er sich selbstständig und eröffnet seine erste eigene Werkstatt für Antikes. Doch schon zuvor hat ihn die Leidenschaft für Trödel und Schätze gepackt. In seiner Freizeit möbelt er für Freunde Tische, Stühle und Schränke auf. "Dann hab ich mein Hobby zum Geschäft gemacht", sagt er. Lange Zeit verkauft und restauriert er seine Antiquitäten in Putlitz. Nur allzuschnell sind Lager und Geschäft bis unter die Decke mit alten Möbeln gefüllt. Zudem wünscht sich Gramentz räumliche Veränderung. Ein Geschäft in besserer Lage soll her. In Plau wird er fündig. Direkt an der B 103, das alte Gebäude der früheren Nerzfarm weckt sein Interesse. Fünf Investoren sind bereits abgesprungen. Harms Gramentz aber verliebt sich gleich in das baufällige Schätzchen. "Ich hab es gesehen und gesagt ,Das ist es", erinnert sich der Plauer. Mit der Unterschrift unter dem Kaufvertrag beginnt eine Sanierungsaktion Marke XXL. Doch im Herrichten alter Dinge ist der Brandenburger geübt. Binnen eines dreiviertel Jahres macht er aus dem leerstehenden Klinkerbau den mit Schätzen gefüllten Antik Speicher. Truhen, Schränke, Stühle und Geschirr - Stück für Stück zieht die Nostalgie ein. Immer mehr Fläche füllt sich mit geschichtsträchtigen Möbeln. Mittlerweile sind die 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Dachboden lagern hunderte Stühle. Eine Scheune in Gnevsdorf bietet den Sammlerstücken ein Heim auf Zeit.

Auch vor der Speichertür ist kein Ende absehbar: Unzählige Möbelstücke sind unter ein Vordach gezogen, türmen sich bis in den Himmel. Auf dem Hof trotzen Zinkwannen und Zäune der Kälte. Drinnen suchen Harms Gramentz und Martina Krüger die Dekostücke für das Café Antik aus. Harms Gramentz lässt die Hand über ein gerahmtes Bleiglas gleiten. "Das wird eine Lampe", sagt er. Das ehemalige Schrankteil im Facettenschliff hat er von einem Usedomer Händler geholt. Hinter dem Glas soll eine Lichtquelle für behagliche Stimmung sorgen. Unikate wie dieses verleihen dem Café individuellen Charme. Nichts hier ist von der Stange, kein Stuhl aus dem Möbelhaus. Wohlüberlegt prüfen die beiden Plauer jedes Stück. Guter Stil braucht seine Zeit. Bei neuen Projekten hat Harms Gramentz nicht ganz soviel Geduld. Schnell sollen aus Ideen Taten werden. So ist auch das Café binnen eines halben Jahres aus dem Nichts entstanden. Wo noch vor Kurzem Wiese wuchs, liegen nun schwere Holzdielen und rote Ziegelsteine türmen sich zu massiven Wänden auf.

Auch Harms Gramentz lebt von und für seine Leidenschaft. Selbst nach 32 Jahren als Restaurator entfacht jeder alte Schrank seine Liebe zum Antiken aufs Neue. "Es ist eben mein Hobby - und mein Leben."

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