Sahra Wagenknecht zu Gast in Wittenberge : Goethe und die Globalisierung

Sahra Wagenknecht zwischen Faust und Konzernen
Foto:
Sahra Wagenknecht zwischen Faust und Konzernen

Sahra Wagenknecht deutet Faust zweiter Teil als Vorwegnahme der Herrschaft der Finanzwelt

svz.de von
30. Mai 2017, 21:00 Uhr

„Faust, ein Frühkapitalist?“, diese These aus ihrem neuen Buch „Reichtum ohne Gier“ stellte Sahra Wagenknecht (Linke) am Montagabend im Wittenberger Festspielhaus vor. Und sie legte gleich zu Beginn mit Passagen aus dem fünften Kapitel von Goethes Faust zweiter Teil nach, die sich als Quellen der Aufhäufung von Kapital und Reichtum Vorwegnahme der Globalisierung und ihrer Folgen deutete – „Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“

Vor rund 270 Zuschauern schlugen die Bundestagsabgeordnete und Moderator Manfred Osten den Bogen vom diesem Faust-Zitat zu aktuellen Tendenzen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Dazu zählten sie den Umgang mit den Ländern Afrikas. Deren Rohstoffe gelangten nicht über fairen Handel, sondern über Druck großer Rohstoffkonzerne und politische Einflussnahme bis zu Putschen und Bürgerkrieg auf den Weltmarkt.

Mit Blick auf Flüchtlingsbewegungen von Afrika nach Europa verwies sie auf das Wirken europäischer Agrarkonzerne, die hochsubventionierte Erzeugnisse auf den schwarzen Kontinent lieferten und dortige Produzenten verdrängten. Ähnliche Entwicklungen gebe es durch den Textilhandel. Verstärkt durch den Druck auf zollfreien Zugang zu ihren Märkten hätten afrikanische Staaten keine Chance, eigene Industrien aufzubauen.

Trotz Wirtschaftshilfen fließe mehr Geld aus Afrika hinaus als hinein. Das alles führe zu den Flüchtlingsströmen nach Europa. „Diese Mechanismen sind bekannt, werden aber nur diskutiert, wenn wieder viele Flüchtlinge in das Land kommen“, so Sahra Wagenknecht. Auch daher gebe es aktuell Bemühungen, die Grenzen dicht zu machen und das Thema aus der Öffentlichkeit zu holen.

Sahra Wagenknecht kritisierte, immer mit Blick auf diverse Faust-Zitate, die beherrschende Stellung des Geldes und des Finanzkapitals in der Welt von heute. Aktuell zeige sie sich in den Plänen für die Gesellschaft, die Bundesautobahnen bauen und unterhalten solle. „Diese Gesellschaft muss höhere Zinsen zahlen als der Bund, deshalb sind Versicherungsgesellschaften wie die Allianz als Geldgeber sehr interessiert“, so die Bundestagsabgeordnete. Der Staat könne diese Arbeiten in der aktuellen Situation billiger erledigen, wenn er sich nicht durch die gesetzlich verordnete Schuldenbremse selbst daran hindern würde.

Ähnlich sei es bei den Bildungsaufwendungen, bei denen Deutschland unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, von denen viele nicht so reich wie die Bundesrepublik seien, liege.

Welche absurden Blüten das staatliche Kaputtsparen treibe, zeige der Numerus Clausus beim Medizinstudium, mit dem sich Deutschland einen Teil der teuren Ausbildung spare. Zugleich würden aber wegen Ärztemangels immer mehr Mediziner aus ärmeren Ländern geholt, die sich dieses Studium leisteten. Zudem schrecke der Numerus Clausus viele Studienbewerber ab.

Die neue, vom Aktienkurs abhängige und nur durch geringe Garantien gesicherte Betriebsrente nannte sie zynisch und menschenverachtend. Sie helfe der Finanzindustrie mehr als den Versicherten. Sahra Wagenknecht warb für die Übernahme des österreichischen Rentenmodells, mit höheren Arbeitgeberanteilen und Einzahlungen auch von Politikern, Beamten und Selbstständigen. So erhalte ein Durchschnittsrentner im Nachbarland 800 Euro im Monat mehr als in Deutschland.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen