Bad Wilsnacker Glocke : Glocken-Pilgern endet mit Geläut

Der ungewöhnliche Transport steht vor der Wunderblutkirche in Bad Wilsnack.  Fotos: rouf
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Der ungewöhnliche Transport steht vor der Wunderblutkirche in Bad Wilsnack. Fotos: rouf

Nachguss wird feierlich in die Wunderblutkirche getragen. Endgültiger Aufstellungsort in Bad Wilsnack steht noch nicht fest.

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13. Mai 2018, 21:00 Uhr

„Sie ist endlich da", freute sich der Bad Wilsnacker Bürgermeister Hans Dieter Spielmann am Samstagnachmittag. Einige Minuten vor 15 Uhr wurde der Nachguss der historischen dicken Glocke von Helfern in alten Pilgerkostümen in die Wunderblutkirche getragen und in einem Kreis aus Blumen abgesetzt.

Damit ging die viertägige Pilgertour auf den Spuren der Vergangenheit zu Ende.

So wurde die Replik aus Kunststoff von einer Pilgergruppe begleitet. Von Barsikow aus ging es auf der traditionellen Route unter anderem gezogen von Kaltblütern und dem ältesten Traktor der Prignitz, per Boot über den Kyritzer See übergesetzt, wurde dann per Handwagen und schließlich mit dem Ponygespann nach Bad Wilsnack gebracht. Auf dem letzten Abschnitt machten es Organisatoren noch einmal spannend Kurzfristig wurde ein großer Bogen am Rande der Stadt bis zur Karthane geschlagen, die Pilgerglocke kündigte schon eine halbe Stunde die Ankunft der Glocke an, bevor das Gespann dann vor der Kirche Stand. Positiver Nebeneffekt war, das sich damit zeigte, dass die kürzliche Reparatur der Pilgerglocke erfolgreich war.

Den Weg in die Kirche markierten Blumen und die heutige große Glocke begrüßte beim Hereintragen den Nachguss ihrer Vorgängerin. 80 Bürger und Gäste der Stadt verfolgten das Spektakel.

„Die Rückkehr des Glockennachgusses passt sehr gut in die heutige Zeit mit der umfangreichen Restaurierung der Wunderblutkirche“, meinte der Bürgermeister, der die dreitägige Pilgertour wie die anderen Teilnehmer zu Fuß absolviert hatte. Dies sei eine interessante Erfahrung, die auch möglichst viele andere Menschen auf den historischen Pilgerpfad machen sollten, meinte er. Spielmann hofft, dass der Nachguss dazu beitragen wird, dass wieder mehr internationales Publikum nach Bad Wilsnack und in seine historische Kirche kommt.

Etwas kaputt sei sie schon, bekannte die Wilsnacker Pfarrerin Anna Trapp nach der Tour, aber die Glocke sei gut angekommen, das sei das wichtigste.

Nach der offiziellen Begrüßung und dem Bericht über die Pilgertour gab es in der Kirche noch ein musikalisches Willkommen. Improvisationen für Orgel und Bläser erklangen. Das Geläut der drei Glocken spielte eine für diesen Tag geschaffene Komposition und auch ein spezielles Alphorn-Solo ertönte.

Der Glockennachguss wird zunächst in der Kirche gezeigt und dann für eine Ausstellung im Wegemuseum Wusterhausen zur Verfügung gestellt. Bis zur Rückkehr soll eine Einigung über den endgültigen Aufstellungsort in Bad Wilsnack erzielt werden.

„In der Wunderblutkirche wird die Glocke nicht stehen. Sie soll vielmehr als Botschafterin einen würdigen Platz in der Stadt finden und noch mehr Menschen dazu bewegen, diese Kirche aufzusuchen“, erläuterte die Pfarrerin die Absicht.

Die Aufstellung des Glockenabgusses ist für viele Bad Wilsnacker gemeinsam mit den Restaurierungsarbeiten und der kleinen Renaissance des Pilgerns sogar ein Symbol für die Zukunft der Wunderblutkirche und ein Stück weit auch eine Versöhnung mit der Vergangenheit. Denn die Reformation bedeutete das Ende des Gotteshauses als eines der größten Pilgerzentren zumindest in Norddeutschland. Der damals laufende Ausbau der Kirche wurde gestoppt. Die 1471 in Bad Wilsnack gegossene Glocke wurde 1562, weil die Kirche ihre große Bedeutung verloren hatte, nach Berlin gebracht, wo Kurfürst Joachim II. das schönste Kirchengeläut Deutschlands schaffen wollte.

Jahrhunderte lang erklang die 3,6 Tonnen schwere Glocke im Berliner Dom, bis sie 1918 beim Totengeläut für Auguste Victoria, der Ehefrau von Kaiser Wilhelm II., sprang. Alle Reparaturversuche scheiterten, die „Dicke“ kam ins Märkische Museum, wo sie noch heute steht.

Zum Reformationsjubiläum 2017 wurde der Abguss für die Sonderausstellung im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte angefertigt. Danach erwarb der Förderverein der Wunderblutkirche die Replik.

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