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Der Prignitzer

16. Dezember 2017 | 21:50 Uhr

Glaskompetenz über Generationen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Familie Schultz aus Bad Wilsnack ist seit 90 Jahren im Glaserhandwerk tätig – Mit Sohn Christian scheint die Zukunft gesichert

von
erstellt am 19.Sep.2014 | 16:03 Uhr

Ein kleines schwarzes Buch, gefüllt mit sauberer Sütterlinschrift, das in einem Schaufenster in der Großen Straße in Bad Wilsnack liegt, weist den aufmerksamen Betrachter auf ein Familienunternehmen hin, das seit 90 Jahren mit der Stadt verbunden ist: Die Glaserei Schultz. Das Buch ist das erste Auftragsbuch, in dem Glasermeister Wilhelm Schultz Senior seine Arbeit dokumentierte.

„Mein Vater hat das Glaserhandwerk bei seinem Onkel in Wittenberge am Bismarckplatz gelernt, wo heute die Glaserei Zinner sitzt“, berichtet Wilhelm Schultz Junior. „Am 24. Januar 1924 begann er als Selbstständiger zu arbeiten, damals in seinem Elternhaus in der Großen Straße 30, wo sein Vater einen Schneiderladen betrieb. 1935 kaufte er das Haus in der Großen Straße 21 – seitdem Firmensitz der Glaserei Schultz. „1939 musste mein Vater das zweite Mal in den Krieg. In dieser Zeit hielt meine Mutter Gertrud das Geschäft nach besten Kräften am Laufen, und ich half mit. 1947 kam Vater aus französischer Gefangenschaft heim, im gleichen Jahr ging ich bei ihm in die Lehre und war nach zwei Jahren ebenfalls Glaser.“


Zweimal Wilhelm in der Werkstatt


Anschließend ging es für Wilhelm Junior für mehrere Jahre in den Westen, wo er im Raum Wolfsburg als Glaser arbeitet und seinen Meister macht. 1959 kehrt er in die Prignitz zurück, unterstützt seinen Vater im Betrieb. „Die Werkstatt, in der wir arbeiteten, steht heute noch hinter dem Haus. Jetzt wird sie als Lager genutzt, 1960 stand dort eine Schleifmaschine, die Techniker von Cleo mit dem damals verfügbaren Material wie Metall, Motor und Schleifstein für meinen Vater gebaut hatten“, erinnert sich Wilhelm Junior. Nach dem Tod des Seniors 1962 übernimmt er das Geschäft. „Und das alles ohne in eine PGH einzutreten. Ich wollte mich nicht zwangskollektivieren lassen.“ Doch kämpft er nicht allein an der Glasfront, Frau Ursula unterstützt ihn nach Kräften. „Man heiratet eben nicht nur den Mann, sondern auch den Betrieb mit“, sagt sie und lächelt ihrem Wilhelm zu. Als gelernte Verkäuferin ist sie vor allem Herrin der Buchführung und betreut das Ladengeschäft.

In dieser Zeit stolpert bereits die nächste Glasergeneration durch die Werkstatt – Sohn Jürgen, 1960 geboren. „Man ist mit der Glaserei aufgewachsen, hat als Kind und Jugendlicher mitgeholfen, wo Not am Mann war. Und Spaß gemacht hat es ja auch“, sagt er. Nach der Schule macht Jürgen – wenig verwunderlich – eine Ausbildung zum Glaser und steigt anschließend in den väterlichen Betrieb ein. Mehr und mehr geht die Verantwortung auf Jürgen Schultz über, dessen Frau Anke sich neben ihrem Beruf als Krankenschwester in Auftrags- und Rechnungswesen einarbeitet und auch im Laden Präsenz zeigt.


Der Glaskünstler in Generation vier


Generation vier steht zu dieser Zeit bereits in den Startlöchern. Christian Schultz, geboren 1989, wächst wie sein Vater und Großvater mit Glas, Schleifmaschine und Dekoartikeln auf – was seine spätere Berufswahl entscheidend geprägt haben dürfte. Nach dem Schulabschluss entscheidet er sich für eine Ausbildung als Glasmaler, die er 2008 als Glasveredler in Fachrichtung Glasmalerei und Kunstverglasung abschließt. Nach erster Berufserfahrung bei einer Glaserei in Schwerin, einem Freiwilligen sozialen Jahr in der Denkmalpflege und einer Fortbildung als Glastechniker ist er inzwischen Meister seines Faches. „Ab Montag studiere ich im Fach Freie Kunst Glas an der Hochschule Koblenz“, sagt er und fügt an, dass ihn die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werkstoff schon immer gereizt habe. Seine Eltern stehen voll hinter ihm. „Das ist eben seine Richtung, die hätten wir ihm hier nicht bieten können“, sagt Anke Schultz.

Für zehn Jahre ist der fortbestand der Glaserei Schultz definitiv gesichert. „So lange muss ich noch“, sagt Jürgen Schultz, der die Verantwortung 1997 übernahm, als sein Vater in den Ruhestand ging. Christian hingegen will sich noch nicht festnageln lassen, ob er die Tradition fortführt.


90 Jahre Wandel im Glaserhandwerk


In den 90 Jahren, die Familie Schultz mit Glas arbeitet, hat sich auch das Handwerk selbst verändert. „Die Arbeit auf dem Bau ist durch das Aufkommen der Massenproduktion von Fenstern eher eine Montagetätigkeit geworden, die Zeiten, wo der Tischler die Fenster vermass und Rahmen fertigte, der Glaser sie verglaste und der Maurer sie einbaute sind vorbei“, sagt Jürgen Schultz.

Ansonsten sei vieles beim Alten geblieben. „Bleiverglasungen zu Schmuckzwecken sind heute wieder sehr beliebt, nachdem sie kurz nach der Wende aus der Mode gerieten. In diesem Zusammenhang verweist Schultz auf die zahlreichen Prignitzer Kirchen, in denen er und seine Vorfahren die Verglasung ein- und ausgebaut oder repariert haben. „Dann bleiben noch die Klassiker: Bilderrahmung und natürlich Reparaturen, wenn Kinder mal wieder eine Scheibe mit dem Fußball eingeschossen haben. Und das alles im Umkreis von rund 100 Kilometern.“

Ein zusätzliches Standbein sei der Laden. „Hier sind wir aber nicht nur auf Glas spezialisiert, sondern auch zertifizierter Fachhändler für besondere Dekoartikel wie Herrnhuter Sterne oder Weihnachtsengel von Wendt und Kühn“, sagt Anke Schultz. Dank solcher Nischen könne man sich auch in Zeiten des Internethandels als kleines Geschäft behaupten.


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