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20 Jahre Landkreis Prignitz : Geiselnahme kurzerhand beendet

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Rosemarie Vogel über die soziale Kinderstube des Kreises, über rechtsfreie Räume und einen Protest der Asylbewerber, den sie berherzt beendete

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erstellt am 24.Jan.2015 | 08:00 Uhr

20 Jahre Landkreis Prignitz nahm die Kreisverwaltung zum Anlass, in diesem Jahr eine Broschüre herauszubringen. Neben wenigen obligatorischen Eckdaten lernen die Leser interessannte Persönlichkeiten kennen, die den Kreis mit ihren Ideen, ihrem Einsatz in diesen zwei Jahrzehnten geprägt haben. Mitgearbeitet an der Broschüre haben Redakteure unserer Zeitung. Einige der Beiträge wollen wir Ihnen vorstellen.

Heute: Rosemarie Vogelter

 

Möbel- und Kleiderkammern, Pflegeheime, Sozialstationen, Asylbewerberheim – große Teile der heutigen sozialen Infrastruktur des Kreises musste Rosemarie Vogel Anfang der 1990er Jahre aufbauen und nebenbei eine Geiselnahme beenden. Es war eine äußerst bewegte Zeit, sagt die damalige Sozialamtsleiterin.

Vieles stürzte auf sie und ihre sechs Mitarbeiter gefühlt gleichzeitig ein. Sozialämter gab es in der DDR nicht. Die Behörde und ihre Aufgaben waren für sie ab dem 1. Juli 1990 neu. „Wir hatten die ersten Arbeitslosen. Bürgermeister riefen an und schimpften. Wir sollten uns gefälligst um die Leute kümmern.“

Leichter gesagt als getan, denn manch einer wollte keine Hilfe. „Wir mussten erfahren und akzeptieren, dass in einer Demokratie jeder Mensch das Recht auf Verwahrlosung hat.“ Wer Rosemarie Vogel kennt, von ihrem enormen sozialen Engagement und ihrer tiefen Verbundenheit zur bundesweit hoch geschätzten Regine Hildebrandt weiß, der ahnt, wie schwer ihr diese Erkenntnis fiel.

Anfangs war es ein fast rechtsfreier Raum. Offiziell galt noch das Sozialgesetzbuch der DDR. Mit gesundem Menschenverstand versuchte Rosemarie Vogel die Übergangsphase zu meistern. Improvisation war gefragt, die fraglos zu ihren Stärken gehört. Mit dem Bundes-Sozialhilfegesetz im Gepäck flog sie Weihnachten 1990 privat in die USA. „Gelesen darin habe ich nicht, aber ich wusste, dass ich mich auf meine Mitarbeiter verlassen kann.“ Unter ihnen war Torsten Uhe, der heutige Erste Beigeordnete. Er war es, der das Gesetz studierte, ihm kam die Aufgabe zu, für den Sozialbereich den ersten Haushalt zu erstellen. Es gab kaum Anhaltspunkte, ja er wusste nicht einmal, für wie viele Sozialhilfeempfänger er im Jahr 1991 Ausgaben einplanen sollte. Und überhaupt: Wie plant man haushaltstechnisch Krankheiten und Bestattungskosten? „Aber Torsten Uhe hat es geschafft, seine Prognosen kamen hin“, sagt Rosemarie Vogel.

Erste Möbel- und Kleiderkammern richtete die Awo ein. In Wittenberge folgte die erste Sozialstation zur Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Caritas, DRK, Lebenshilfe, Diakonie und CJD kamen als Träger mit ihren Projekten dazu. „Ganz bewusst entschieden wir uns für verschiedene Träger, verteilten die Aufgaben. Heute haben wir innerhalb Brandenburgs mit die größte Trägervielfalt“, freut sich Rosemarie Vogel über die richtige Entscheidung. „Wir haben uns gemeinsam mit ihnen getroffen, selbst zu Dienstberatungen und stimmten inhaltliche Belange miteinander ab“, ergänzt Torsten Uhe.

Zeit und Kraft nahm die Neuorganisation der Alten- und Pflegeheime in Anspruch. Es gab welche, unter anderem in Bad Wilsnack, Klein Linde und Wittenberge. Aber ihr Zustand war desolat – baulich und im pflegerischen Bereich. „In Rühstädt gab es Sechs- und Acht-Bettzimmer. Das waren Schlafsäle und das einzige Bad befand sich im Keller“, schildert sie die Situation. Zunächst stattete der Kreis die Einrichtungen technisch aus, kaufte Pflegebetten und andere Hilfsmittel, die den Alltag für Mitarbeiter und Bewohner erleichtern sollten. Im zweiten Schritt wurde die Bausubstanz verbessert und in einem dritten der erste Neubau geplant: das heutige Pflegeheim Lenzen in Trägerschaft des DRK.

Zur Eröffnung 1992 fanden Bewohner aus drei Heimen hier ein neues Zuhause. Manche hatten Angst vor ihrem Umzug, wollten kein Einzelzimmer. Rosemarie Vogel nahm sie während der Bauphase an die Hand, zeigte ihnen das helle, freundliche Gebäude, die grüne Umgebung. Ängste wichen daraufhin der Vorfreude.
Die Anfangsphase war geschafft, soziale Strukturen aufgebaut. Eine neue Herausforderung sollte die immens hohe Arbeitslosigkeit werden. Die Zahlen lagen weit über dem Landesdurchschnitt. Aus sozialer Sicht eine unschöne Situation, die zudem den Landkreis finanziell enorm belastete. Wieder setzten sich Rosemarie Vogel und ihr Team an einen Tisch. Sie entwickelten Ideen und verwarfen sie wieder. Am Ende des Prozesses lag ein Arbeitsmarktprogramm vor ihnen auf dem Tisch, dass ab 1998 unter dem Namen „Fünf-Säulen-Programm“ Sozialgeschichte im Land Brandenburg schreiben sollte.

Der Arbeitslose stand im Mittelpunkt. Jeder einzelne mit seinen Schwächen, mit seinen Stärken. Es ging nicht um Nummern, sondern um Menschen, beschreiben Vogel und Uhe den Kernansatz. „Wir haben mit ihnen gearbeitet, mit ihnen gesprochen und das mehr als einmal monatlich. Wir nahmen Anteil an ihrem Schicksal“, sagt Vogel. Sie erfuhren, was jeder einzelne wollte, was er konnte, welche Hobbys er hatte. „Wir haben ihn nicht zur Arbeit verdammt, sondern mit ihm eine Arbeit gesucht.“

Unter den 2000 Sozialhilfeempfängern waren etwa 400 arbeitssuchend. Sechs Mitarbeiter kümmerten sich ausschließlich nur um sie. Dieses Betreuungsverhältnis erreicht das Jobcenter heute nicht annähernd. Das Konzept ging auf: Die Sozialausgaben des Kreises sanken, die Arbeitslosenquote und die Verweildauer rutschten unter den Landesdurchschnitt, andere Kreise riefen an, wollten Details zum „Fünf-Säulen-Programm“ wissen.

Hilfe zur Selbsthilfe bestimmte jede Maßnahme. Das galt auch bei der Betreuung von Asylbewerbern. Aus rund 30 Nationen kamen sie in der Anfangszeit. Alle befanden sie sich in einer misslichen Lage, aber Solidarität kannten sie untereinander nicht. Verfeindete Religionen und Kasten prallten aufeinander. Kaum ein Tag, an dem sich nicht jemand im Sozialamt beschwerte.

Manche Probleme löste Rosemarie Vogel schnell auf ihre eigene Art: Im Dergenthiner Heim zeigte sie den Gebrauch einer Klobürste. Asylbewerber wurden als Dolmetscher eingesetzt, Frauen bekamen etwas zum Nähen, Männer durften die Heime malern. Ordnung und System zogen ein bis zu jenem Tag, an dem der monatliche Geldbetrag nicht mehr in bar, sondern mit Gutscheinen ausgezahlt wurde.

Etwa zehn maskierte Asylbewerber hielten in Wittenberge zwei Mitarbeiterinnen fest, forderten Geld. Rosemarie Vogel fuhr mit Torsten Uhe hin. „Zuerst habe ich einem von ihnen die Kapuze vom Gesicht gerissen. Ich wollte doch wissen, mit wem ich spreche“, erzählt Vogel. Friedlich ging die Verhandlung aus. Heute gibt es kein Heim mehr im Kreis. Die Asylbewerber sind in Wohnungen untergebracht – auch damit nimmt der Landkreis eine Vorreiterrolle in Brandenburg ein. 

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