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Perleberger Stepenitztour : Gastwirte fordern dritten Kahn

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Stepenitztour: Stadt könne sich Verlust nicht leisten / Bürgermeister verzichtet leichtfertig auf ein beliebtes touristisches Angebot

von
erstellt am 17.Apr.2014 | 08:02 Uhr

Für Wirbel und Reaktionen sorgt unser Beitrag „Freizeitpark schippert nicht mehr auf der Stepenitz“. Gastwirte riefen in unserer Redaktion an, betonten aus ihrer Sicht die Bedeutung dieses Angebots. Ein Kompromiss scheint in Sicht, aber Fragen bleiben.

„Seit Jahren haben wir mit den Kahnfahrten gute Erfahrungen gemacht“, sagt Lutz Mamerow vom Deutschen Kaiser. Ob Hochzeits- oder andere Familienfeiern: Die Altstadttour sei beliebt. „Für mich verliert die Stadt ein Highlight“, sagt Mamerow. Er sei enttäuscht von der Stadtverwaltung, dass sie kein echtes Interesse erkennen lasse, dieses Angebot fortzusetzen.

Der bisherige Anbieter, die Freizeitpark Wittenberge GmbH, kann den Betrieb nicht aufrecht erhalten. Grund seien fehlende Berufsschiffer. „Die sind mittlerweile an anderen Standorten beschäftigt. Deshalb haben wir den Kahn der Stadt angeboten“, so Geschäftsführer Lutz Lange. Einen Hinweis dazu habe er Bürgermeister Fred Fischer Ende 2013 gegeben.

In unserem Beitrag sagte Fred Fischer, dass kein Stadtführer Interesse an so einer Ausbildung habe. Weiter sagte Fischer, der Stadt sei das Boot nicht angeboten worden. Selbst wenn Langes Aussage nicht stimmen sollte, kann das nach Informationen unserer Zeitung nicht sein. Entweder gibt es innerhalb der Verwaltung ein Kommunikationsproblem oder Fred Fischer ist das Angebot wieder entfallen.

Unserer Redaktion liegt das Protokoll zum Arbeitskreis Wirtschaft vom 20. Januar 2014 vor. Unter Top 6 informierte Lutz Lange: „Der Kahn für die Stepenitz Touren wird verkauft. Die Stadt Perleberg sollte die Weiterführung der Touren über die Stadt prüfen.“ Anwesend war laut Protokoll auch Klaus Possenau – Sachgebietsleiter Wirtschaft der Stadt Perleberg.

Dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, hofft Thomas Tietz. Der Inhaber des Restaurants Belo Horizonte gehört zu den treuesten Kunden dieses Angebots. „Die Stadt sollte auf dieses Angebot nicht verzichten. Im Gegenteil, es sollte ausgebaut und flexibler buchbar sein“, sagt er. Unter seinen Gästen sei die einstündige Altstadttour beliebt. „Ich habe laufend Anfragen und jetzt die ersten Absagen erteilen müssen.“

Der Tourismusverband Prignitz äußert sich ebenfalls besorgt: „Letztendlich sucht jede Stadt nach einem Alleinstellungsmerkmal und Perleberg hat so etwas vor der Haustür“, sagt Geschäftsführer Uwe Neumann. Andere Regionen seien gezwungen, mit viel Geld etwas Künstliches zu schaffen und Perleberg riskiere den Verlust eines touristischen Angebots, das es außer im Spreewald so nicht noch einmal in Brandenburg gebe.

Wie beliebt innerstädtische Touren seien, lasse sich hervorragend am Beispiel Wittenberges zeigen. Hier gibt es historischen Führungen oder die kulinarische Tour. „Perleberg sollte alles versuchen, das Angebot aufrecht zu erhalten“, sagt Uwe Neumann.

Zumindest eine Teillösung zeichnet sich ab. Das Restaurant Neue Mühle wolle verstärkt Altstadttouren anbieten, sagt Inhaberin Helga Schmidt. Allerdings habe sie nur zwei Kähne und nicht vier, wie Fred Fischer in unserem Beitrag meinte. Zugleich bietet sie Fahrten zwischen Stadt und Restaurant an. Ob die nach Betreiberangaben rund 130 jährlichen innerstädtischen Touren ohne dritten Kahn zu realisieren sind, bleibt abzuwarten, genau wie das Verhalten der Gastwirte, die ja auch selbst eine gemeinsame Initiative ergreifen könnten.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Schmidts Touren im Hagen starten, aber die Gäste des Belo Horizonte bevorzugt direkt am Restaurant abgeholt werden möchten, so Thomas Tietz.

 

Kommentar

Kleine Dinge aus dem Blick verloren

von Hanno Taufenbach

Kahnfahrten mag Bürgermeister Fred Fischer offenbar nicht so sehr. Jedenfalls scheint ihn der Verlust des Stepenitzkahnes nicht sonderlich zu rühren. Statt ernsthaft nach einem potenziellen Kahnfahrer zu suchen, heißt es, niemand habe daran Interesse. Außerdem hätte die Neue Mühle ja vier Kähne. Aber es sind nur zwei, Herr Fischer. Und von der ganzen Sache nichts gewusst zu haben, ist angesichts der Protokollnotiz fraglich.

Zugegeben: So eine beschauliche Tour durch die Altstadt ist nicht vergleichbar mit dem internationalen Flair einer Lotte Lehmann Akademie. Sich mit den jungen Sängerinnen und Sängern zu zieren, enthusiastisch bei jeder sich bietenden Gelegenheit Perleberg als einen Opernort von Weltrang darzustellen, liegt dem Bürgermeister ganz offensichtlich mehr. Das macht ihm regelrecht Spaß.

Bei allem Respekt vor den Leistungen der Beteiligten am Lehmann-Projekt: Das ist nicht der touristische Alltag. Damit werden in aller Regel weder Tagesgäste in die Stadt gelockt noch Radtouristen vom Elbdeich verführt und schon gar nicht die breite Masse angesprochen.

Perlebergs Bürgermeister sollte auf seine Gastwirte hören, die Argumente des Tourismusverbandes nicht ignorieren und sich des Themas Stepenitzkahn nicht so leichtfertig entledigen. Ganz oft sind es die kleinen Dinge, die eine Stadt liebenswert und attraktiv machen und für die es sich lohnt, zu kämpfen.

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