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Der Prignitzer

12. Dezember 2017 | 21:07 Uhr

Ganz in Weiß, doch ohne Blumenstrauß

vom

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2013 | 05:56 Uhr

Potsdam | "Da fehlt ein Sitz." Axel Vogel, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Potsdamer Landtag, ist nicht ganz zufrieden. Gerade hat er auf dem roten, mit dreißigjähriger Garantie ausgestatteten Polsterstuhl im Plenarsaal des kurz vor der Fertigstellung stehenden Landtagsgebäudes Platz genommen, und sich einmal umgesehen. Für die kleinste Fraktion im Brandenburger Landtag, Bündnis 90/Die Grünen, sind weiterhin nur fünf Plätze vorgesehen - dass der fraktionslose Abgeordnete Christoph Schulze am kommenden Mittwoch mit Hilfe einer Abstimmung im Plenum in die Fraktion aufgenommen werden soll, hatten die Innenarchitekten bislang nicht berücksichtigt. "Da wird der Plenarsaal schon vor der Eröffnung umgebaut werden müssen", scherzt Vogel.

Am Donnerstag hatten das Finanzministerium als Bauherr und der Landtagspräsident als künftige Nutzer Politiker und Journalisten schon einmal zu einer Vorbesichtigung des wiederaufgebauten Stadtschlosses eingeladen. Das Originalgebäude aus der Zeit Friedrichs des Großen war 1945 ausgebrannt, die Reste wurden in den 1960er Jahren von der SED gesprengt. Heute erinnern Fassadenteile aus dem Originalschloss noch an die Zerstörungen des Krieges - etwa einige Figuren von Atlas, der die Weltkugel trägt, in der Eingangshalle. Sie haben keine Gesichter mehr, keine Arme. "Sie sind verletzt", sagt Architekt Peter Kulka. Denn der Landtagsneubau soll kein Disneyland werden: Was von außen prunkvoll wirkt, präsentiert sich im Inneren nüchtern und funktionell. Kleine, zweckmäßige Büros für die Abgeordneten - doch statt der altmodischen Steckschilder im heutigen Landtagsgebäude informieren künftig Computerbildschirme über die Nutzung eines Sitzungssaals. Ausreichend Steckdosen im 472 Quadratmeter großen Plenarsaal sind nun ebenso eingeplant wie Kamerapodeste auf der Pressetribüne, ein "Raum der Stille" im Kellergeschoss, dazu eine Cafeteria mit Dachterasse und Blick auf die Kuppel der Potsdamer Nikolaikirche.

3000 Kubikmeter Sandstein wurden verbaut, etwa 35 000 Kubikmeter Erde ausgehoben, 166 Kfz-Stellplätze angelegt. Möglicherweise zu wenige. Aber das Gebäude befindet sich mitten in der Innenstadt, der Hauptbahnhof ist zu Fuß erreichbar - und im Vergleich zur ehemaligen SED-Parteischule auf dem Brauhausberg, die heute als eher muffiges, beengtes Landesparlament dient, ist das neue Gebäude ein Unterschied wie Tag und Nacht. "Alles ist wunderbar hell", sagt auch Landtagspräsident Gunter Fritsch. Ein großes Oberlicht lässt den blauen Potsdamer Sommerhimmel in den Plenarsaal hineinscheinen, strahlend rot leuchten Teppichböden und Polstermöbel in den ganz in weiß gestrichenen Fluren. Die nüchternen Kirchsäle der Herrnhuter Brüdergemeine aus der Oberlausitz hätten für den Plenarsaal als Vorbild gedient, sagt Architekt Kulka. 168 Plätze gibt es auf den Besuchertribünen, und im Plenarsaal ist sogar noch reichlich Luft: Nach einer eventuellen Länderfusion von Berlin und Brandenburg fänden hier auch die Mitglieder des bisherigen Berliner Abgeordnetenhauses Platz. Nur der 1,80 mal 1,80 Meter große Adler, das Wappentier des Landes Brandenburg, der künftig über dem Platz des Landtagspräsidenten angebracht werden soll, ist noch in der Werkstatt. Und im Unterschied zur offiziellen Darstellung des roten märkischen Adlers wird auch er ganz in weiß über dem Plenarsaal schweben.

Am 21. Januar 2014 soll der 120 Millionen Euro teure neue Landtag mit einer Festveranstaltung eröffnet werden. Nach mehr als drei Jahren Bauzeit, die eigentlich viel kürzer ausfallen sollte. Doch immer wieder gab es Probleme - zuletzt die Insolvenz der am Fassadenbau beteiligten Sächsischen Sandsteinwerke. Und natürlich gab es auch Schwierigkeiten mit dem Brandschutz, sagt Architekt Peter Kulka lachend. Seine größte Sorge indes ist nun die Öffentlichkeit des Geländes: "Machen Sie den Innenhof auf", appelierte Kulka an die Politik. Denn das Stadtschloss und das Landesparlament sollen für die Bürger da sein. "Der Hof ist groß genug, schön genug und sollte auch öffentlich genug sein." Und während Kulka am Rednerpult des Plenarsaals sprach, setzte sich ein Anderer schon einmal auf die Abgeordnetenstühle der SPD-Fraktion: Noch-Ministerpräsident Matthias Platzeck, der ab der kommenden Woche als einfacher uckermärkischer Abgeordneter dem Landesparlament angehören wird, wusste allerdings noch nicht, welcher Sessel künftig seiner ist: "Das müssen wir erst noch besprechen."

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