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Streit in Perleberg : Gärtner und Bewohner eingezäunt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wohnungsgenossenschaft spricht von Schutz des Besitzes, Kreisverband der Gartenfreunde will auf „Prignitzer“-Nachfrage vermittelnd agieren

von
erstellt am 30.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Dietlinde Nehls versteht die Welt nicht mehr. Seit 60 Jahren gibt es die Wohnungsgenossenschaft und seit 50 Jahren den Kleingartenverein „Waldblick“ vis a vis der Blöcke in der Heinrich-Heine-Straße. All die Jahre habe man friedlich miteinander gelebt. Quasi vom Balkon aus konnten die Genossenschaftsmitglieder auf ihre Parzelle blicken. Und so sind 38 von ihnen auch im Kleingartenverein „Waldblick“.

Den Blick auf Wald und Kleingarten, den haben sie noch, aber direkten Fußes gelangen zumindest 22 nicht mehr auf ihre Parzelle. Ein Zaun versperrt seit Mitte Juli den Weg. Geschätzte anderthalb Kilometer Fußmarsch sind für manchen nun angesagt, um in das eigene kleine Paradies in Mutter Natur zu gelangen. „Für Jungsporne sicher kein Problem, doch die meisten hier sind mit ihrer Parzelle eben auch alt geworden. Unser Senior ist 87 Jahre“, überschlägt Dietlinde Nehls. Sie ist zugleich auch stellvertretende Vorsitzende der Sparte. Und es gebe etliche, die nahe der 80 oder gar darüber sind. Auch die anderen müssen nun über Umwege, Trampelpfade und Treppen zusehen, wie sie ihre Ernte nach Hause bzw. im Frühjahr die Pflanzen in den Garten bekommen. „Einige spielen notgedrungen schon mit dem Gedanken, sich von ihrem Garten zu trennen“, bestätigt eine Leserin, die nicht genannt werden möchte (der Name liegt der Red. vor). Denn „mit dem Zaun sind die Gärten nun quasi vom Wohngebiet abgeschnitten“, erläutert die Frau, die selbst einen Garten dort bewirtschaftet. Ein Stück Lebensqualität sei ihnen über Nacht genommen worden, sagt sie.

„Einen Zaun gibt es hier schon lange“, ergänzt die stellvertretende Vereinsvorsitzende, doch der trennte nicht komplett die Häuser von den Kleingärten. „Auf unsere Bitte wurde damals ein kleiner Durchlass etwa in Zaunmitte gelassen und der untere Teil war komplett offen“, so Dietlinde Nehls. Jetzt gelangt man nur über den Zugang an den Garagen in die Anlage.

Am einfachsten wäre ein Schlüssel fürs Tor für jeden, der es nutzt. Doch da führt offensichtlich kein Weg rein. Die Wohnungsgenossenschaft, sprich der Wohnungs- und Grundstückseigentümer, begründet die Nacht- und Nebelaktion, wie sie von den Kleingärtnern gesehen wird, mit der gesetzlichen Verpflichtung, „den Besitz instand zu halten, zu schützen, zu sichern und zu begrenzen“, wie es im Antwortschreiben des Aufsichtsrates heißt.

„Vor wem schützen?“, fragt unsere Leserin, „vor den Gärtnern, von denen die meisten inzwischen hochbetagt sind und mehr als die Hälfte selbst in den Blocks der Genossenschaft wohnt?“ Und sie moniert im gleichen Atemzug, dass die durch den Zaun geschützte Fläche über die Wege zwischen den Blöcken von der Heinrich-Heine-Straße aus frei zugänglich ist.

Nicht gerade erbaut von der Kritik aus dem „Waldblick“ zeigt sich der Kreisverband der Gartenfreunde, wie Dietlinde Nehls berichtet. Man hätte längst selbst die Initiative ergriffen und mit dem Vorstand gesprochen, erhielt sie zur Antwort. Der habe sich bereit gezeigt, eine Tür einbauen zu lassen mit Schlüssel.

Passiert ist bis dato nichts. Als die stellvertretende Vereinsvorsitzende selbst beim Vorstand der Genossenschaft nachfragte, klang das auch ganz anders. Man habe miteinander ge- aber nichts versprochen. Wolfgang Gelleszun, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft, macht gegenüber dem „Prignitzer“ unmissverständlich deutlich, dass für ihn nur der Kreisverband der Kleingärtner offizieller Verhandlungspartner sei. Und dem gegenüber habe man geäußert, dass man an einer Lösung arbeite. Wie diese allerdings aussehen könnte, „darüber habe ich keine Lust mit Ihnen (dem „Prignitzer“, Anm. d. Red.) zu diskutieren“, lautete die Antwort.

Uwe Falk, Leiter der Geschäftsstelle des Kreisverbandes der Gartenfreunde, den der „Prignitzer“ mit der Aussage des Vorstandes konfrontierte, zeigte sich über diese erstaunt und suchte daraufhin erneut den Kontakt. Noch gebe es offensichtlich Ungereimtheiten zwischen Pächtern und der Genossenschaft. Unter anderem ginge es um das unerlaubte Abstellen von Fahrzeugen, so Falk. Man wolle eine Mitgliederversammlung des Vereins einberufen, an der der Kreisverband teilnehme, um etwaige Differenzen auszuräumen damit letztlich wie gewünscht eine Zuwegung geschaffen werde.

Kommentar von Doris Ritzka: Zaunkönige

Der Zaun stehe, rechtlich habe man nichts falsch gemacht, und da gebe es auch kein Aber, so unmissverständlich der Vorstand der Wohnungsgenossenschaft. Zugleich verkündet er, dass man an einer Lösung arbeite. Wie immer die auch aussieht, man diskutiere sie nur auf offiziellem Weg, sprich mit dem Kreisverband der Gartenfreunde.

Ist mir und den Mitgliedern des Vereins „Waldblick“ recht. Zumal der Kreisverband auf Nachfrage des „Prignitzers“ nun offensichtlich auch an der Sache dran bleibt.

Wie gesagt, der Zaun steht, rechtlich habe man, sprich die Wohnungsgenossenschaft, nichts falsch gemacht. Doch das Recht hat auch eine moralische Seite.

 

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