Fremde Milieus und tiefe Abgründe

<strong>Mit der nächsten </strong>Wahlperiode ab 2014 ist Hubert Finkes ehrenamtliche Tätigkeit beendet. Foto: Susann Matschewski
Mit der nächsten Wahlperiode ab 2014 ist Hubert Finkes ehrenamtliche Tätigkeit beendet. Foto: Susann Matschewski

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29. März 2013, 07:13 Uhr

Wittenberge | Vor dem Landgericht Neuruppin wird verhandelt. Es geht um Körperverletzung mit Todesfolge. Auf der Anklagebank sitzt ein Wittenberger. Er soll eine Frau so lange geschlagen haben, bis sie das Bewusstsein verlor und später verstarb. Hubert Finke erinnert sich an diese Verhandlung noch ganz genau - gleich zu seiner Anfangszeit als Schöffe war er mit diesem Fall konfrontiert. Er saß damals mit im Gerichtssaal. Seine Aufgabe war es, als ehrenamtlicher Richter im Namen des Volkes Recht zu sprechen.

Für Finke war es die erste Verhandlung, der er in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Schöffe beiwohnte. "Ich weiß noch, dass mir einige Zeugen und auch der Angeklagte bekannt vorkamen. Ich kannte sie nicht persönlich, aber ich hatte sie schon öfter auf der Straße in Wittenberge gesehen." Ein seltsames Gefühl sei das gewesen. "Ich war richtig bewegt", erinnert er sich. Ich hatte damals zum ersten Mal die Möglichkeit, in fremde Milieus abzutauchen, mir wurden plötzlich Abgründe offenbart, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie auch in unserer Kleinstadt vorkommen."

Mittlerweile war Finke bei vielen Verhandlungen und hat so einige Abgründe gesehen. Vom Erwachsenenstrafrecht am Landgericht Neuruppin wechselte er für seine zweite Wahlperiode 2008 zum Amtsgericht Perleberg. Dort ist er seither als Jugendschöffe tätig. Die aktuelle Wahlperiode endet am 31. Dezember 2013. Dann ist das Ehrenamt für Hubert Finke beendet, denn länger als zwei Wahlperioden darf ein Schöffe nicht tätig sein.

Dass der 63-Jährige im Strafrecht landete, war gar nicht seine Absicht, als er sich auf die Suche nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit machte und sich schließlich als Schöffe bewarb. "Mir schwebte eigentlich Arbeitsrecht oder Sozialrecht vor, weil ich mir dachte, dass ich dort auch etwas für meine Arbeit mitnehmen kann", erzählt Finke, der den hiesigen Außenbezirk des Wasser- und Schifffahrtsamtes Magdeburg leitet. Doch aussuchen durfte er sich das Rechtsgebiet nicht, wie er später erfuhr. Die Zuweisung erwies sich für ihn dann aber doch als sinnvoll: "Vor allem im Jugendstrafrecht lernte ich eine Menge. Ich bekam einen besseren Zugang zu den Auszubildenden in meinem Betrieb. Die Arbeit hat mir geholfen, die jungen Leute, die so genannte Szene, in der sie sich bewegen, besser zu verstehen."

Auch wenn es für Hubert Finke erschreckend war, wie viel Gewalt zum Teil unter den Jugendlichen herrscht: Von einer pauschalen Abwertung der Jugend hält er nichts. "Ich habe oft genug erlebt, wie jemand vor Gericht landete, der doch eigentlich ganz harmlos war. Der hat dann einmal in seinem Leben Mist gebaut und bereut das zutiefst. Der ist nicht gleich ein Verbrecher." Voller Respekt redet Finke in diesem Zusammenhang auch vom Umgang der Jugendrichter mit den jungen Angeklagten. "Ich habe bisher noch keinen Richter erlebt, dem es nur darum ging, zu bestrafen. Sie bemühen sich stattdessen, dem Jugendlichen klar zu machen, dass er etwas falsch gemacht hat, dass er aus dem Prozess etwas lernt und den Gerichtssaal ein Stück klüger wieder verlässt." Dennoch seien manche unbelehrbar. "Einigen sieht man an, dass sie schon gerichtserfahren sind, die geben sich ganz locker und cool. Da weiß ich schon, jegliche Belehrung wird ohnehin nicht fruchten."

In dem Moment, wenn sich der Richter und die Schöffen - zu jeder Verhandlung gehören zwei - zur Urteilsverkündung zurückziehen, hat Hubert Finke sich schon ein Urteil gebildet. Seine Meinung wiegt dabei genauso schwer wie die des Richters. Zwei Schöffen können dann schon mal den Richter überstimmen, denn nötig zur Urteilsverkündung ist lediglich eine Zweidrittelmehrheit. "In den meisten Fällen sind wir aber einer Meinung", sagt Finke. Nur selten komme es vor, dass die Ansichten weit auseinander gehen. Und selbst dann werde man sich schnell einig, fügt er hinzu.

Hubert Finke nimmt sein Ehrenamt sehr ernst. "Als Schöffe lernt man den Angeklagten erst bei der Verhandlung kennen, man sieht ihn dort das erste Mal. Ich sehe mir den Menschen dann sehr genau an, beobachte sein Verhalten, höre ihm aufmerksam zu und entscheide dann, ob und inwiefern er für mich schuldig ist. Schließlich kann man mit einer falschen Entscheidung ein ganzes Leben zerstören."

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