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Der Prignitzer

23. November 2017 | 19:54 Uhr

Freie Schulen: Freund oder Feind?

vom

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erstellt am 23.Feb.2012 | 12:51 Uhr

Wriezen | Ihre Eltern sind unzufrieden mit staatlichen Schulen, sie legen Wert auf künstlerische Bildung, reformpädagogischen Unterricht oder die Vermittlung religiöser Inhalte: Rund zehn Prozent der Kinder in Brandenburg besuchen eine freie Schule. Private Bildungseinrichtungen sorgen für Vielfalt und erhalten Schulstandorte im ländlichen Raum. So auch im Oderbruch. Nachdem das staatliche Gymnasium in Wriezen wegen Schülermangels geschlossen wurde, war die Stadt froh, mit der Evangelischen Schulstiftung schnell einen neuen Träger gefunden zu haben. Während woanders die Schülerzahlen sinken, erlebt es großen Zulauf. Im Jahr 2007 noch mit 30 Schülern gestartet, richtet die Schule nun jedes Jahr zwei siebente Klassen mit insgesamt 50 Schülern ein und muss immer noch Bewerber abweisen. Wenn im kommenden Schuljahr auch der zwölfte Jahrgang belegt ist, gehen dort fast 300 Mädchen und Jungen zur Schule.

Die Finanzierung war für die Schule damals wohl noch das geringste Problem. Viel mehr hatte Schulleiter Michael Tiedje mit Vorbehalten zu kämpfen. "Dass der Landkreis uns zunächst skeptisch betrachtet hat, kann ich sogar verstehen. Schließlich haben wir die ganze Schulentwicklungsplanung durcheinander gebracht", sagt Schulleiter Michael Tiedje. Es habe auch Kampagnen gegeben. "Bei Informationsabenden wurde Stimmung gegen uns gemacht, da herrschte eine feindliche Atmosphäre." Eltern sei gesagt worden, dass die Schule keine Abiturprüfungen abnehmen dürfe, weil die staatliche Genehmigung nicht vorlag. Die kam erst kurz vor Schulstart.

Die Schule war vielen ein Dorn im Auge: Wieso darf ein privates Gymnasium mit 30 Schülern aufmachen, wenn woanders staatliche Schulen mit mehr Anmeldungen geschlossen werden? Es hieß, die "Eliteschule" gefährde die Existenz des staatlichen Gymnasiums im Nachbarort. "Viele dachten wohl, so wenig Schüler, das schaffen die gar nicht. Länger als ein Jahr wird sich das nicht halten", vermutet der Schulleiter. Groß war auch die Überraschung, als zur Schlüsselübergabe im Juni 2007 die Schule ausgeräumt worden war. Tische, Stühle, Tafeln - die die Stiftung dachte, noch nutzen zu können - fast alles weg, bis auf zwei Klassensätze.

Heute kommen auch die früheren Kritiker und wollen mit der Schule arbeiten und sie unterstützen. "Die merken jetzt, es läuft hier gut und wir sind etabliert", so der 42-Jährige. Nachdem sich die Anmeldezahlen der beiden staatlichen Gymnasien stabilisiert haben, soll das private in die Schulentwicklungsplanung mit einbezogen werden. Der Landrat spricht gar von einer "Schule des Landkreises". Außerdem ist sie in diesem Schuljahr erstmals mit auf dem Wahlzettel für die Grundschüler aufgelistet. "Früher standen wir offiziell gar nicht zur Auswahl, das hat natürlich für Verunsicherung bei den Eltern gesorgt." Nach jahrelangen Überprüfungen durch das Schulamt ist das Gymnasium jetzt eine "anerkannte Ersatzschule".

In den ersten zwei Jahren übernahm die Stadt die Hälfte der Kosten. "Das ist die schwierigste Zeit, wenn man für die wenigen Schüler alle Fächer vorhalten und alles neu einrichten muss", betont Tiedje. Danach erhielt die Schulstiftung genau wie alle freien Träger 94 Prozent der Lehrergehälter vergleichbarer staatlicher Schulen vom Land. Berücksichtigt man weitere Kosten wie Miete, Ausstattung, Verwaltung und technisches Personal sinkt der Zuschuss laut der AG freier Schulen auf rund 65 Prozent. Der Rest wird mit dem Schulgeld finanziert. Der Mindestsatz liegt in Wriezen bei 70 Euro und steigt mit dem Einkommen. Geringverdiener können sich vom Schulgeld befreien lassen.

Im kommenden Jahr sollen die 167 Brandenburger Schulen in freier Trägerschaft insgesamt rund 128,7 Millionen Euro erhalten - rund 4,8 Millionen Euro weniger als bislang veranschlagt. Bei manchen Schulen würde der Zuschuss damit unter die 50-Prozent-Grenze fallen. Um das aufzufangen, müssten sie größere Klassen einrichten, die Lehrergehälter kürzen oder die Elternbeiträge erhöhen. Das aber widerspricht dem Grundgesetz: Privatschulen bekommen eine staatliche Genehmigung nur dann, "wenn eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird" und "die wirtschaftliche Stellung der Lehrkräfte genügend gesichert ist". So wird der Vorwurf laut, der Staat wolle die private Konkurrenz ausschalten, indem sie dort wesentlich mehr spart.

Kleine Schulen ohne einen finanzstarken Träger im Hintergrund wie die Freie Schule Angermünde sehen sich in ihrer Existenz bedroht, geplante Neugründungen wie die der Hoffbauer-Stiftung in Potsdam liegen auf Eis. "Wir haben Rückmeldungen bekommen, dass mit der neuen Finanzierungsgrundlage Kredite auf der Kippe stehen", so Christoph Schröder, Vorsitzender der AG freier Schulen. Eines ist sicher: Sollten wie im vergangenen August nochmals Tausende Schüler und Lehrer gegen die Kürzungen demonstrieren, dann werden die Wriezener wieder mit dabei sein.

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