Eichenprozessionsspinner : Forstwirte erringen einen Teilerfolg

Eichenprozessionsspinner
Eichenprozessionsspinner

Mittel Dipel ES zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners zugelassen

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04. März 2015, 20:00 Uhr

Schlagabtausch:  Das Umweltbundesamt verteidigt den Eichenprozessionsspinner und lehnt eine Bekämpfung ab. Das Landeskompetenzzentrum Forst befürwortet exakt diese. Redakteur Hanno Taufenbach hat beide Seiten angehört.

Kontra: Massive Schäden erwartet

Unstrittig ist nur ein Punkt: eine Bekämpfung der Raupen im Interesse der menschlichen Gesundheit. Das ist nach dem Biozidrecht möglich, und für diesen Einsatz ist das Mittel Dipel ES bis 30. April 2016 zugelassen. So steht es in der Datenbank der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Gestritten wird unter Experten dort, wo der Spinner in großen Waldgebieten auftritt. „Für diesen Fall befürworten wir keinen   Einsatz von Dipel ES oder anderen Insektiziden“, sagt Dr. Jörn Wogram, Leiter Fachgebiet Pflanzenschutzmittel im Umweltbundesamt  in Dessau, und liefert Argumente. Der Eichenprozessionsspinner ist eine heimische Art, die sich so oder so immer wieder ausbreiten würde. Eine großflächige Bekämpfung komme nicht in Frage. „Es kommt ja auch niemand auf die Idee, Zecken flächendeckend zu bekämpfen“, sagt er.

Mit einer großflächigen Bekämpfung „riskiert man massive Umweltschäden“, so Wogram. Da Dipel ES andere Schmetterlingsraupen mit abtötet, würden Nahrungsgrundlagen für Tiere fehlen, zum Beispiel für   Vögel und Fledermäuse.

Ein Eingreifen des Menschen sei abseits von Siedlungen auch nicht notwendig, da die Natur   die Bestände beim Eichenprozessionsspinner regelmäßig wieder normalisiere, die Population von allein zusammenbreche. Erste Anzeichen dafür gebe es in Berlin, wo nicht aus der Luft  bekämpft wurde.

Unter diesen Aspekten müsse ein Einsatz von Dipel ES abgewogen werden. Einschränkungen hat das Umweltbundesamt  erlassen, unter anderem ist der Einsatz in Naturschutzgebieten verboten und Teile einer Waldfläche müssen als Rückzugsraum ebenfalls unbehandelt bleiben. „Dagegen protestiert ein Teil der Forstwirtschaft“, sagt Jörn Wogram.

Die Behauptung von Forstwirten, dass Eichenbestände durch die Raupen absterben,  weist der Experte zurück. Deutschlandweit hätten Eichen  zwar Probleme, doch die hätten mehrere Ursachen, unter anderem reagieren die Bäume auf Klimawandel und veränderte  Grundwasserspiegel.

Druck auf die Eichenbestände gebe es auch durch die intensive Holznutzung, auch in Naturschutzgebieten. Aber die Raupen des Eichenprozessionsspinners vernichten  keine ganzen Bestände, so Jörn Wogram.

Pro:  Eichen brauchen Hilfe

Prignitz/Eberswalde Doch, die Raupen vernichten Eichenbestände, widerspricht Dr. Katrin Möller, im Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde zuständig für den Waldschutz in Brandenburg. „Wir beobachten ein massives, großflächiges und ein plötzliches Absterben von Eichen.“  Im Gadower Forst gebe es dafür Beispiele aber auch in Ferch an der A 10 und in anderen Bundesländern.

Wissenschaftler könnten sich auf sehr lange Beobachtungsreihen stützen, die teils schon aus den 80er und 90er Jahren stammen. Es gehe längst nicht mehr um eine „gefühlte Angst“, sondern um real sichtbare Folgen. Durch die Raupen kahl gefressene Eichen kränkeln und seien anfällig, sowohl für andere Schädlinge als auch gegenüber Witterungseinflüssen. Eine Eiche bildet ihre Wasserleitgefäße jährlich neu. „Ist sie   geschwächt, kann sie diese nicht voll ausbilden, erst recht, wenn sie mehrere Jahre nacheinander einen Kahlfraß erlitt“, beschreibt Möller.

Aus Naturschutzsicht seien    Eichen selbst ein Schutzziel. Und zu den Auswirkungen von Dipel ES  auf andere Tiere stellt sie fest: „Nach einem Kahlfraß fallen Eichen mehrere Monate als Nahrungsquelle für andere Arten aus.“ All das würden Naturschützer zu wenig berücksichtigen. Genau wie die Vorteile von Dipel ES:  „Es ist das selektivste Mittel, das es gibt und wirkt nur auf Schmetterlingsraupen“, erklärt die Spezialistin. Käfer oder Wanzen seien beispielsweise nicht betroffen. Dipel ES ist weder UV-stabil noch wasserresistent, wirkt nur wenige Tage. Und da  niemals alle Insektenarten gleichzeitig  schlüpfen, sei es nahezu ausgeschlossen, dass  eine ganze Art getroffen wird.

Im Januar haben  Eberswalder Experten tausende Eier des Eichenprozessionsspinners untersucht. „Wir rechnen mit einer Schlüpfrate von 100 Prozent“, sagt Katrin Möller. Auf befallenen Flächen wird es   wieder eine sehr starke Population geben und einen natürlichen Gegenspieler hätten die Raupen nicht.

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