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Der Prignitzer

25. November 2017 | 01:26 Uhr

Förderung für kleine Schlauberger

vom

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2012 | 11:16 Uhr

Potsdam | Wer eine Aufgabe nicht gleich versteht, hat hier schlechte Karten. Simon sitzt im Musikraum in der letzten Reihe und auf die Frage, wer sich "Max und Moritz" ausgedacht hat, beginnt er eine der Geschichten zu erzählen. Die Klassenkameraden quittieren die falsche Antwort mit Augenrollen, sie wissen es besser und melden sich lautstark zu Wort. Simon macht das nichts aus. Seine Lehrerin lässt ihn trotzdem ausreden, und er ist selbstbewusst genug, um sich nicht verunsichern zu lassen.

Simon Wichura besucht am Evangelischen Gymnasium Hermannswerder in Potsdam die Klasse 6 L, eine Leistungs- und Begabtenklasse mit musisch-künstlerischem Profil. Dieser Bildungsgang nannte sich früher Leistungsprofil- oder Schnellläuferklasse, weil die achte Klasse übersprungen wurde, und existiert in der heutigen Form seit dem Schuljahr 2007/08.

Statt erst zur siebenten Klasse, wechseln die Kinder schon zwei Jahre früher aufs Gymnasium. 35 Gymnasien in Brandenburg bieten Begabtenklassen mit sprachlichem, musisch-künstlerischem, gesellschaftswissenschaftlichem oder mathematisch-naturwissenschaftlich-technischem Profil oder solche, die individuelle Begabungen fördern. "In einer Klassen sitzen 25 bis 28 Schüler, 917 von 1224 geeigneten Bewerbern wurden im Schuljahr 2011/12 in eine Begabtenklasse aufgenommen", hieß es vom Bildungsministerium. Simon ist elf, aber wie er auf seinem Stuhl sitzt, einen Arm lässig über der Lehne, und auf die Frage, wie es ihm an der Schule gefällt, mit einem coolen "da pass ich mal" antwortet - da wirkt er glatt ein paar Jahre älter. Eigentlich gefällt es ihm ganz gut in seiner Klasse, nur dass er an der Grundschule mehr Freunde hatte. "Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen", setzt er noch mal an, "wir sind hier am Anfang richtig durch den Stoff gerattert und haben jede Stunde etwas Neues gelernt. Das war schon fast wieder zu schnell." Die Kinder lernen in einem 100 Jahre alten Backsteinbau auf der Halbinsel Hermannswerder, durch die Bäume schimmert die Havel.

Um an der Schule angenommen zu werden, haben die beiden ein Aufnahmeverfahren durchlaufen: Wer in die engere Auswahl kommen will, braucht eine Notensumme von höchstens fünf in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch oder Sachkunde. Dieser notenzentrierte Ansatz lässt allerdings die "Underachiever" ("Minder leister") durchs Raster fallen. Unkonventionelle Lösungswege werden in Regelklassen nicht unbedingt honoriert. Dort fühlen sich manche Kinder unterfordert, sind unaufmerksam, lustlos und werden als "Störer" wahrgenommen: Sie "erleben immer wieder, wie sie an den Leistungsanforderungen der Schule scheitern, obwohl sie doch eigentlich über besondere Denkfähigkeiten verfügen", heißt es in einem Ratgeber des Bundesbildungsministeriums.

Die Aufnahmegespräche fangen diese Benachteiligung nicht unbedingt auf, denn auch dort spielen Motivation und Kommunikationsbereitschaft eine Rolle: "Wer mauert, hat hier kaum eine Chance", sagt Dirk Hergemöller, Lehrer für Deutsch und Englisch am Gymnasium Hermannswerder. "Die Mädchen und Jungen müssen keine Multi-Talente sein. Wir wollen vor allem sehen, wie motiviert sie sind. Oft wird die Bewerbung ja von den Eltern befördert, aber auch die Kinder müssen wollen."

Außer guten Noten brauchen die Kinder eine Empfehlung von ihrer Grundschule und müssen einen Intelligenztest bestehen. Forscher sprechen von einer "intellektuellen Hochbegabung" ab einem IQ von 130, darunter fallen rund zwei Prozent der Bevölkerung. Die letzte Hürde ist das Aufnahmegespräch. In Hermannswerder wollen die Lehrer das kreative Potenzial der Kinder ohne angestrengte Prüfungsatmosphäre hervorlocken: Zuerst spielen die Bewerber ein Musikstück, zeigen ihre Bildermappe oder tragen ein Gedicht vor. Dann folgt eine Zeichenaufgabe: "Wir sehen uns an, wie die Kinder mit dem Material umgehen, ob sie in der Lage ist, ihre Phantasie aufs Blatt zu bringen oder sich einen bestimmten Stil anzueignen", erklärt der Pädagoge. Im Musik-Teil geht es um Rhythmusgefühl, Motorik und Hörbildung. Der letzte Teil des musischen Tests beinhaltet szenische Übungen: Wie reagiert das Kind auf seinen Spielpartner, was macht es aus einer Kiste voller Requisiten, wie sehr sind Spielfreude und Vorstellungskraft ausgeprägt? Und schließlich gibt es noch ein Gespräch mit dem Direktor.

Simon und Magdalena sind keine Wunderkinder oder Genies wie Einstein oder Mozart, sie sind lebhaft, interessiert, selbstständig und neugierig. Gute Zensuren fallen auch für sie nicht vom Himmel. Davon abgesehen, bedeutet die Aufnahme in die Klasse nicht, dass die Schüler später Musiker, Schauspieler oder Bildende Künstler werden müssen. In Kunst und Musik haben sie eine Stunde mehr Unterricht, in den anderen Fächern sind die musischen Anteile verstärkt: So spielen sie im Deutsch-, Geschichts- oder Englischunterricht Filmszenen oder historische Begebenheiten nach oder denken sich im Mathe-Unterricht Lieder aus.

Wenn sie schon in der fünften Klasse an die Schule kommen, sind die Kinder noch sehr entwicklungsfähig und wissbegierig. "Wir geben den Schülern mehr Input. Die Übungsphasen sind kürzer, der Lernfortschritt größer", sagt Hergemöller. Das macht auch den Lehrern Spaß. Die Stichworte sind "Akzeleration" - das heißt, der Unterricht wird beschleunigt - und "Enrichment" - es werden Fächer vertieft oder Themen mit aufgenommen, die nicht im Lehrplan vorgesehen sind. In den zusätzlichen Musik- oder Kunststunden unterrichten teilweise zwei Pädagogen. Bei Schulprojekten wie Theater, Chor oder Bigband, wo sich die unterschiedlichen Lernniveaus mischen, ziehen sie die anderen mit.

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