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Ausstellung in Perleberg : Flucht vor der eigenen Familie

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Maryam aus dem Iran und andere Frauen erzählen in einer Ausstellung von ihren persönlichen Schicksalen

von
erstellt am 13.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Seit Montag werden im Rahmen der Frauenwoche im Mehrgenerationenhaus Perleberg Fluchtgeschichten von Frauen erzählt. Manche Erlebnisse liegen Jahrzehnte zurück, manche erst wenige Monate, wie die Geschichte von Maryam.

Maryam führte ein erfolgreiches Leben im Iran. Sie hat studiert, arbeitete als Professorin an der Universität, betrieb ein eigenes Sportstudio, fuhr zwei Autos. Mit der Nationalmannschaft errang sie für ihr Land Medaillen in Karate und im Tanzen. Sie lebte in einem Haus mit großem Garten, sogar Fernsehspots gab es von der attraktiven Frau. „In meiner Heimat war ich wie eine Königin, jeder kannte mich.“ Als ihr Ehemann ihre versteckte Bibel fand, endete das glückliche Leben abrupt.

„Ich bin Christin und Christen werden im Iran nicht geduldet.“ Kaum habe der Ehemann ihr Geheimnis entdeckt, begann eine Tortur. „Er hat mich geschlagen, mit dem Messer geschnitten“, sagt sie und zeigt Narben auf ihren Händen. Einmal habe er sie durch eine Glastür geworfen. „Ich blutete am ganzen Körper.“ Ein anderes Mal drohte er, sie mit einem Hammer zu erschlagen. „Wo ist dein Gott? Rufe ihn, hole dir Hilfe von ihm“, habe er sie angeschrien.

Hilfe in der Familie hatte sie nicht zu erwarten. Mit Ausnahme ihrer kleinen Schwester seien alle Muslime, ihre Mutter gar Koranlehrerin. Nachdem ihre christliche Freundin ermordet worden sei, habe sie sich endgültig zur Flucht entschieden. Mit der damals neunjährigen Deniz auf dem Rücken ging es zu Fuß durch Wälder und über Berge.

Seit 14 Monaten leben sie in Deutschland, seit elf in Perleberg. „Hier fühle ich mich sicher. Ich will nie wieder zurück“, sagt Maryam. Es sind ihre Worte, es ist ihre Geschichte, die wir nicht überprüfen können.

Andere Frauen wollen anonym bleiben, verschweigen ihren Vornamen so wie eine 19-Jährige Afghanin, die in der Ausstellung „Blume“ genannt wird und in deren Erzählung viele Fragen unbeantwortet bleiben. Mit 13 sei sie verheiratet worden. Ihr Mann sei Christ und mit dem habe sie im Iran leben müssen. Ähnlich wie Maryam seien auch sie aus Angst vor Verfolgung und der Polizei geflohen. Über die Türkei führte ihr Weg bis nach Perleberg.

Hier ließ Blume ihre Tochter zurück, floh alleine weiter nach Skandinavien. Warum? Wo und wovon hat sie gelebt? Darauf gibt sie keine Antworten. Von der Polizei aufgegriffen kam sie zurück nach Perleberg. Sie möchte sich von ihrem Mann trennen, liebe ihn nicht. Sie habe keine Kontakte zu anderen Flüchtlingen, sie werde von denen geschnitten und als Ehebrecherin angesehen. Und ihr Mann werde geschnitten, weil er sie wieder aufnahm. Blume hoffte, bald einen Sprachkurs belegen zu können, doch das habe ihr Mann ihr verboten.

Flucht gibt es, seit es Menschen gibt. Und so erzählt die Ausstellung auch von anderen Fluchtursachen. Anke floh aus der Großstadt. 40 Jahre lang habe sie in einer gelebt, ohne Natur und Ruhe unter Menschenmassen. Dann kaufte sie ein Bauernhaus in einem 113-Seelen-Dorf in der Prignitz und zog mit ihrer Familie vor sieben Jahren hierher. Jetzt sei sie zufrieden.

Maries Flucht liegt 72 Jahre zurück. Sie war noch keine sechs Jahre alt und berichtet, wie sie mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter aus dem heutigen Polen vor der heranrückenden Ostfront floh. Detailliert geht sie auf Episoden ein, schildert Erinnerungen an ihr Elternhaus in Sonnenburg.

Ihr jüngster Bruder wurde auf der Flucht geboren, er schlief im einzigen Gepäckstück – einem Koffer. Er starb wenig später. In Berlin, Parchim und Cottbus fand die Familie Unterschlupf, bevor Marie in die Prignitz kam und hier blieb.

 

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