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Der Prignitzer

18. Dezember 2017 | 21:41 Uhr

Geschichte : Flucht per Bahn aus Ostpreußen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wie die Belegschaft des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes Osterode mit vier Zügen nach Wittenberge kam und hier aufgenommen wurde

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Das Reichsbahnausbesserungswerk Wittenberge war für zahlreiche Eisenbahner und ihre Familien buchstäblich Endstation, als sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat Ostpreußen vor der Roten Armee flüchteten. Mario Sembritzki von der Traditionsgemeinschaft Deutsche Reichsbahn ist bei Recherchen zu seiner Familienchronik auf die Transporte zur Evakuierung des Raw Osterode aufmerksam geworden und hat die Ereignisse anhand historischer Dokumente, darunter ein Bericht des stellvertretender Werkleiters, Reichsbahnoberinspektor Ernst Braun, aufgearbeitet.

Am 20. Januar 1945 erhielt die Bevölkerung von Osterode den Auftrag, die planmäßige Räumung der Stadt vorzubereiten. Es wurde bekannt, dass einzelne russische Panzer bereits wenige Kilometer von der Stadt entfernt gesichtet wurden.

Der Direktor des Raw Osterode, Reichsbahnrat Birkholz, beauftragte seinen Stellvertreter Braun, aus allen auf dem Werksgelände verfügbaren Wagen Flüchtlings- und Räumungszüge zusammen zu stellen. Durch das bahninterne Telefonnetz war die Werkleitung über die politische und militärische Lage der Region stets gut unterrichtet worden und deshalb auf diese Stunde nicht ganz unvorbereitet.


10  000 Menschen in vier Zügen
 

Schon Tage zuvor wurde mit einem Stab zuverlässiger Eisenbahner ein Plan für den Ernstfall ausgearbeitet. Es wurden in den letzten Tagen keine betriebsfähigen Güterwagen mehr vom Werk ausgeliefert und stattdessen als Reserve abgestellt. Nur so war es möglich, dass am 21. Januar vier Güterzüge – mit rund 10  000 Personen völlig überfüllt – die Stadt Osterode noch rechtzeitig vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen verlassen konnten.

Für alle vier Züge wurde vom Raw Begleitpersonal gestellt. Das Bahnbetriebswerk (Bw) Osterode stellte den Großteil des Lokpersonals.

Den letzten Zug brachte Ernst Braun selbst als Lok- und Zugführer innerhalb von zehn Tagen unter schwersten Bedingungen nach Wittenberge. Für diesen Räumungszug wurden bis zur letzten Minute noch Schadwagen in der Werkstatt hergerichtet. Die Lokomotive stellte das Bw Osterode, und der komplette Zug bestehend aus fünf Werkstatt- und Materialwagen, zwei Küchenwagen, einem Vorratswagen und 29 geschlossenen Güterwagen für die Gefolgschaft des Ausbesserungswerkes und zahlreiche Zivilisten aus der Stadt und der Umgebung verließ am 21. Januar um 16.30 Uhr den Bahnhof in Osterode.

Die Fahrt führte über Liebemühl, Mohrungen, Miswalde, Eschenhorst, Elbing, Marienburg, Simonsdorf, Hohenstein, Bütow, Eulenburg, Schwarzsee, Tempelburg, Ruhnow, Stargard, Löcknitz, Pasewalk und Neustrelitz und endete am 30. Januar um 4.30 Uhr in Wittenberge.

Die lange Fahrdauer brachte für die Flüchtlinge erhebliche Schwierigkeiten, denn die Güterwagen waren zum Teil unbeheizt. Wartezeiten an verschiedenen Punkten der Strecke nutzte das Werkstattpersonal, um die Lok von Hand zu bekohlen oder mit Wasser zu befüllen. Auch kleine Betriebsstörungen am Fahrzeugpark oder am Streckennetz konnten die Fachleute eigenhändig beheben – ein unschätzbarer Vorteil gegenüber anderen Flüchtlingszügen.

Aufgrund der guten Vorbereitung von Seiten des Raw Wittenberge konnte die Belegschaft aus Osterode bereits bis 10 Uhr in bereitgestellten Notunterkünften untergebracht werden. Auch die mitgeführten Küchenwagen zahlten sich jetzt aus – konnten mit ihnen doch die Eisenbahner aus Osterode mit einem warmen Mittagessen versorgt werden.


Keine Spur von Werkdirektor Buchholz

 

Nach Abfertigung des letzten Zuges aus dem Raw Osterode verließ auch Werkdirektor Birkholz die Stadt mit einer Wagenkolonne. Die Fahrt ging zunächst zur Reichsbahndirektion Königsberg, um Meldung zu machen und weitere Marschbefehle zu erhalten. Die Weiterfahrt führte über Elbing in Richtung Danzig. Auf dieser Strecke gerieten sie unter feindlichen Beschuss, infolge dessen sich die Mannschaften zu Fuß retten und nach Danzig durchschlagen mussten. Hier verliert sich die Spur von Werkdirektor Birkholz. Die überlebenden Eisenbahner erhielten schließlich im Raw Danzig den Befehl, sich ebenfalls nach Wittenberge durchzuschlagen. Hier trafen sie am 15. Februar ein.

Die Lokomotive, die den Räumungszug laut des Berichts von Ernst Braun von Mohrungen an bis Wittenberge gebracht hat, existiert offenbar noch heute. Eine Lok mit der Nummer 52  5803 steht auf dem Freigelände des Eisenbahnvereins in Staßfurt. Allerdings wurde ihr Zustand in den letzten Jahren immer schlechter, sie diente nur noch als Ersatzteilspender. Sie wurde angeblich 1965 im Raw Stendal komplett umgebaut und erhielt nicht nur die neue Nummer 52  8137, sondern auch zahlreiche neue Baugruppen.

Ob es sich bei der Staßfurter Lok wirklich um die 1944 bei der Firma Schichau in Elbing (Westpreußen) gebaute 52 5803 handelt, ist jedoch nicht eindeutig zu klären, da sich historische Quellen teilweise widersprechen.

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