Waldbrandkatastrophe : Flammendes Inferno in der Heide

Verloren und chancenlos steht ein Löschfahrzeug  auf einem Stoppelfeld vor einem brennenden Acker bei Eschede (Niedersachsen). Im August 1975 wütete in der Lüneburger Heide der verheerendste Waldbrand Deutschlands.
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Verloren und chancenlos steht ein Löschfahrzeug auf einem Stoppelfeld vor einem brennenden Acker bei Eschede (Niedersachsen). Im August 1975 wütete in der Lüneburger Heide der verheerendste Waldbrand Deutschlands.

Vor 40 Jahren ereignete sich in Niedersachsen Deutschlands größter Waldbrand / DDR-Wehren standen in Bereitschaft

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15. August 2015, 08:00 Uhr

Deutschlands größte Waldbrandkatastrophe ereignete sich in dieser Woche vor 40 Jahren. In der Lüneburger Heide wüteten tagelang die Flammen. Sie töteten Menschen, vernichten riesige Waldbestände. Selbst in der damaligen DDR waren die Flammen zu sehen, standen Feuerwehren in Bereitschaft, falls die Flammen die innerdeutsche Grenze überwunden hätten. Aktiv eingreifen konnten die DDR-Wehren nicht. Ein Rückblick.

Kreisbrandmeister Friedrich Meyer aus dem niedersächsischen Gifhorn ist 45 Jahre alt, als sein Herz versagt. Es ist Freitag, der 8. August 1975. Um 13.30 Uhr, hat er, Beobachter auf dem Feuerwachturm der Ortschaft Grußendorf, Alarm geschlagen. Meyer eilt schnell und beherzt an den Brandort im nahen Wald.

Mit Kameraden versucht er, den sich rasend ausbreitenden Flammen Einhalt zu gebieten. Als die Feuerfront zwölf Kilometer nordöstlich der Kreisstadt Gifhorn eine Straße überspringt, setzt sich Meyer in seinen Wagen und sagt: „Ich kann nicht mehr.“ Es sind seine letzten Worte. Die größte Waldbrandkatastrophe Deutschlands – nach den verheerenden Bränden von Primkenau in Oberschlesien 71 Jahre zuvor – nahm ihren Lauf.

Erst am 18. August 1975 war das Flammeninferno in der südlichen Lüneburger Heide, in den Kreisen Gifhorn, Lüchow-Dannenberg und Celle, unter Kontrolle. Zu den Opfern zählten vor allem Feuerwehrleute.

Eine Gruppe war am 10. August bei Meinersen mit ihrem Fahrzeug von einer Feuerwand eingeschlossen worden, die fünf Männer verbrannten. Später verunglückte ein 21-jähriger Polizeibeamter tödlich, als er mutmaßliche Brandstifter verfolgte. Zur strafrechtlichen Verantwortung wurde am Ende niemand gezogen.

Die schwarze Rauchwolke war auch jenseits des Grenzzaunes zu sehen, Dieter Bolle aus Ziemendorf – er war bis 2012 Kreisbrandmeister in Stendal – berichtete, dass auch den Menschen in seinem Dorf „mächtig die Muffe ging“. Mitlöschen war nicht möglich, „da war ja was im Wege“, und zu lange durften sie sich nahe der Grenze auch nicht aufhalten, wurden von den Grenzern zurückgeschickt. Die Feuerwehr blieb allerdings in Bereitschaft, Tanklöschfahrzeuge wurden bereitgestellt, der Bereich regelmäßig abgefahren.


Die Katastrophe in Zahlen


8000 Hektar Wald und 5000 Hektar Moor und Heide fraßen die Flammen, gegen die 3000 Feuerwehrleute aus ganz Deutschland, 11 000 Soldaten sowie Tausende von Polizisten, Förstern, Zöllnern, Grenzschützern und Freiwilligen oft nur das Nachsehen hatten. „Es kam nach dem Tod der fünf Wehrmänner auch vor, dass Männer aus Angst, ebenfalls eingeschlossen zu werden, die Gefolgschaft verweigerten, wenn sie in eine Feuerspitze geschickt werden sollten“, berichtet Forstdirektor a.D. Peter Lex.

Lex gilt seit Jahren als Experte in Sachen Waldbrand. Sein Bemühen, die Landesregierung in Hannover auf die Mängel der Waldbrandfrüherkennung hinzuweisen, trug im Sommer 2009 Früchte, als die Erfahrungen mit einem optischen Sensorensystem im Raum Cottbus in der Heide umgesetzt wurden: Von zahlreichen Kamerastandorten in luftiger Höhe wird Rauch gemeldet, den die zu DDR-Zeiten für russische Weltraummissionen entwickelten Kameras in 16 000 Grautönen sichtbar machen: „Das übertrifft alle bisherigen Infrarotsysteme“, betont Lex.

Vier Tanklöschfahrzeuge und zwei Funkkanäle Damals hatte Lüchow-Dannenberg zwar noch 83 Feuerwehren, aber gerade mal vier Tanklöschfahrzeuge. Jede Sirene wurde einzeln per Knopfdruck in Gang gesetzt, die Feuerwehren verfügten über Funk, es gab aber nur zwei Kanäle, so dass immer nur einer sprechen konnte. Den Förstern hätte damals schon ein Kanal gereicht, sie hatten aber überhaupt keine Funkgeräte.

Heute verfügen die Wehren über mehr Allradfahrzeuge, über Vielkanal-Funkgeräte, Bundeswehr-Waldbrandeinsatz-Karten. Sie können Wasser aus in die Erde gelassenen ausrangierten Öltanks mit bis zu 100 000 Litern Fassungsvermögen zapfen, aus Seen, Fischteichen und Kiesgruben. Längst sind das Brandschutzgesetz und das Katastrophenschutzgesetz neu geregelt, so dass heute abenteuerlich anmutende Kompetenzgerangel auf verschiedenen Beamtenebenen nicht mehr denkbar sind, die 1975 viele Brandbekämpfer verzweifeln ließen.

432 Mal hat es in den zehn schicksalhaften Augusttagen 1975 in der Heide gebrannt - vier Mal kam es zu sogenannten Katastrophenbränden. Ermöglicht wurde das Inferno auch durch meteorologische Bedingungen: Seit mehreren Wochen herrschten hohe Temperaturen bis 35 Grad bei 20 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Am 8. August drehte der Wind von Ost auf Nordnordost, einen Tag später stand der Kiefernwald bei Eschede in Flammen, befeuert durch große, dazwischenliegende Stoppelfelder. Siedlungen wurden evakuiert.

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