Flächendeckener Mangel vorprogrammiert

<strong>Dr.  Burghard Pockrandt (2. v. r.) und sein Team:</strong> Die medizinische Fachangestellte Jeanette Schröder, Schwester Regine Pockrandt, Arzthelfer Jörn Pockrandt (v. l.). Dr. Pockrandt feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag, fühlt sich topp fit und 'unsere Putlitzer Praxis war seit 1990 keinen Tag wegen Krankehit geschlossen'. <foto>Petra Ferch</foto>
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Dr. Burghard Pockrandt (2. v. r.) und sein Team: Die medizinische Fachangestellte Jeanette Schröder, Schwester Regine Pockrandt, Arzthelfer Jörn Pockrandt (v. l.). Dr. Pockrandt feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag, fühlt sich topp fit und "unsere Putlitzer Praxis war seit 1990 keinen Tag wegen Krankehit geschlossen". Petra Ferch

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28. März 2013, 10:07 Uhr

Karstädt / Prignitz | Ein nahtloser Übergang vollzog sich am 1. Februar in der Karstädter Zahnarztpraxis Dorow. Sanitätsrat Gerd Dorow übergab nach einer mehr als 40-jährigen Tätigkeit die Praxis an seine Tochter Dr. med. dent. Stefanie von Dahlern: Eine Fortschreibung zahnärztlicher Versorgung, die gerade auf dem flachen Lande nicht selbstverständlich ist.

"Unser Zahnarzt schloss vor einem Jahr seine Praxis. Ein Nachfolger fand sich nicht, so dass Putlitz derzeit ohne zahnmedizinische Versorgung ist und unsere Einwohner nach Pritzwalk, Meyenburg oder Berge fahren müssen", zeigt sich Bürgermeister Bernd Dannemann verärgert. Und auch der Ausweich Berge ist nur von kurzer Dauer. Rolf Rendler, der in diesem Jahr auf 40 Jahre Zahnarzttätigkeit zurückblickt, davon 38 Jahre in Berge, schließt zum 1. Juli seine Praxis. Einen Nachfolger fand er bisher nicht - trotz mehrjähriger Suche über die Fachzeitschrift und Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV). "Es ist schwer, einen Fremden aufs Land zu bekommen. Auch ist eine Einzelpraxis immer ein Risiko. Investiert werden müsste in neue Technik, da kommen schnell 200 000 bis 300 000 Euro zusammen. Und wenn vielleicht noch Miete zu zahlen ist, wird es eng", meint Rendler.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Brandenburg berechnet 1680 Einwohner auf einen Vertragszahnarzt. "In der Prignitz sind 54 Zahnärzte sowie drei Kieferorthopäden tätig, das entspricht einem Versorgungsgrad von 113,4 bzw. 120 Prozent. Zulassungssperren wie bei der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es bei uns nicht", hieß es von der KZV aus Potsdam. Das Beispiel Putlitz zeigt allerdings, dass statistische Überschüsse das wahre Bild zahnärztlicher Versorgung in einer Region verfälschen können.

Bei Hausärzten liegt die Messzahl bei 1323 Einwohnern auf einen Mediziner. "Für die 80 600 Prignitzer bräuchten wir 61 Hausärzte, aktuell sind es 54. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 89 Prozent", macht Ralf Herre, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin-Brandenburg (KV), das Defizit deutlich. Allerdings ist dieser pauschale Ansatz, wie auch bei den Zahnärzten, nicht objektiv. "Er verwischt, wo eine gute und eine weniger gute Versorgung besteht", so Herre. Notwendig sei eine kleinräumige Bewertung mit gesonderter Berücksichtigung städtischer und ländlicher Gebiete. Dazu soll es ab 1. Juli neue Messzahlen geben. Berücksichtigen müsse man allerdings auch, dass sich Einwohner ihren Hausarzt oft am Ort ihrer Arbeit und nicht am Heimatort suchen, so Herre.

Mit der differenzierten Bewertung können Hausarzt-Defizite im ländlichen Raum besser sichtbar gemacht werden. So gibt es in Berge seit 2005/2006 keinen Hausarzt mehr, eine Kontinuität war hier seit den 80er Jahren nicht mehr gegeben. Zuletzt unterhielt eine Ärztin aus Wittenberge im Ort eine Praxiszweigstelle. "In meiner Zeit in Berge ,überlebte’ ich fünf Hausärzte", meint Zahnarzt Rendler. Alle Versuche von Gemeinde und Amt Putlitz-Berge, wieder einen Hausarzt anzusiedeln, blieben bisher ohne Erfolg.

Und auch in Putlitz wird es eng. Wenn die altgedienten Ärzte nicht wären, sähe es schon lange mehr als mau aus, meint Bürgermeister Dannemann: "Friedhelm Quaas, 70-jährig, hat bis Ende 2012 praktiziert, Dr. Burghard Pockrandt, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, praktiziert zum Glück noch. Hoffnungslos überlaufen ist bereits jetzt Dr. Bernd Knacke. Wenn es in absehbarer Zeit keinen Nachwuchs gibt, müssen letztendlich die Tierärzte ’ran", meint Dannemann. Seine Sorge ist nicht unbegründet, denn mehr als die Hälfte der 54 Prignitzer Hausärzte ist 50 Jahre und älter, zehn von ihnen sind bereits über 60 bzw. 65 Jahre.

Dr. Burghard Pockrandt hätte bereits vor zehn Jahren seinen Arztkittel an den Nagel hängen können. "Ich gehe nicht in Rente, auch kürzer treten ist nicht drin. Ich höre erst auf, wenn man mich mit den Füßen zuerst aus der Praxis trägt", meint der langjährige Arzt, der mit seiner Vitalität das Ärztebanner in Putlitz hoch hält. "Was mich ärgert, ist die Schließung der Zahnarztpraxis in Putlitz und dass diese zur Wohnung umgebaut wurde. Damit ging ein Pfund verloren, mit dem wir hätten wuchern können, um wieder einen Zahnarzt zu gewinnen. Wie konnte die Kommunalpolitik das zulassen? In Meyenburg gibt es vier Zahnärzte, darunter eine Zahnärztin aus Putlitz, die täglich nach Meyenburg fährt", schüttelt Dr. Pock randt den Kopf.

Keinen direkten Hausarzt im Ort zu haben, sondern "nur" eine tageweise Sprechstunde, ist in vielen Orten inzwischen normal. So auch in Glöwen und Dallmin, wo bisher Hausärzte ansässig waren. Die Ortsbürgermeister sind froh, überhaupt solch eine Lösung gefunden zu haben. In Glöwen praktizieren die Bad Wilsnacker Ärztinnen Dr. Kathrin Buch (an einem Tag ganztägig) und Katia Stahl (an zwei Tagen nachmittags), zudem ist letztere Sprechstunde die Woche über halbtags mit einer Schwester besetzt. In Dallmin ist die Praxis der Perleberger Ärztin Sonja Gericke viermal in der Woche halbtags geöffnet und mit einer Schwester die gesamte Woche abgesichert.

"Wir sind als Prignitz für Ärzte scheinbar nicht interessant genug", konstatiert Catrin Goltz, Amtsärztin der Kreisverwaltung. Selbst die Stelle ihres Stellvertreters sei seit vier Jahren nicht besetzt. Auch suche man vergeblich nach einem zweiten Hautarzt für den Landkreis, denn mit nur einer Praxis in Pritz walk sei die Region klar unterversorgt.

Dass Großstädter durchaus den Weg in die Prignitz finden, allerdings zu wenige, zeigt das Beispiel der Amtsärztin: Catrin Goltz kam 1995 aus Berlin nach Bad Wilsnack, arbeitete hier in der Elbtalklinik, bevor sie in das Gesundheitsamt der Kreisverwaltung wechselte und seit 2009 als Amtsärztin tätig ist. Goltz begrüßt die Profilierung des Kreiskrankenhauses Prignitz als akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Rostock, setze man damit auch darauf, dass der eine oder andere junge Arzt nach Studienabschluss am Krankenhaus selbst bzw. in der Region verbleibt.

Ein gelenkter Einsatz junger Ärzte nach dem Studium wie zu DDR-Zeiten sieht Dr. Eberhard Arndt aus Pröttlin als eine Möglichkeit, die größten Probleme zu lösen. "Dieser Einsatz könnte so aussehen, dass Studenten während des Studiums ein ausreichend hohes Stipendium erhalten, welches dadurch ,abgegolten’ wird, dass sie anschließend für zwei-drei Jahre an den Orten höchster Versorgungsnot eingesetzt werden. Wenn sich diese Ärzte dort eingelebt haben, sich mit den Menschen und ihrer Arbeit identifizieren, kann daraus auch eine dauerhafte Beziehung werden", ist Dr. Arndt überzeugt. Gebürtig in Reetz, kam er 1987 nach Pröttlin. Eigentlich sollte er in Neubrandenburg eingesetzt werden, doch machte sich Dr. Hans Büchner, Ärztlicher Direktor der Poliklinik Perleberg, dafür stark, den jungen Mediziner zurück in die Prignitz zu holen. "Wir haben es nie bereut", unterstreichen Eberhard und Anke Arndt. Der Pröttliner feiert im nächsten Jahr seinen 60. Geburtstag. "Noch keine Gefahr für unsere Landarztpraxis, ich denke, mein Mann wird noch einige Jährchen arbeiten, solange es die Gesundheit zulässt", meint seine Frau, die ebenfalls in der Praxis tätig ist. Und die sollte auch nach seinem Ausscheiden fortbestehen, so Dr. Arndt, der hofft, vor seinem Aufhören einen jungen Arzt einarbeiten zu können.

Was die Rückkehrer-Quote betrifft, dürfte Karstädt als Landgemeinde in Brandenburg ganz vorn liegen, denn alle vier einstigen Medizinstudenten kehrten in ihren Heimatort zurück. Zahnärztin Dr. Stefanie von Dahlern studierte in Berlin, arbeitete dort in einer Gemeinschaftspraxis und übernahm jetzt, wie eingangs geschildert, die Praxis ihres Vaters. "Mich zog es zurück aufs Land, weil ich in der Stadt auf Dauer nicht leben möchte - Berlin war für mich zu viel Beton und Großstadt", meint die 36-Jährige Mutter von drei Kindern.

Jörg Hufnagel (47) absolvierte nach dem Medizinstudium seine Facharztausbildung am Stift Ludwigslust bzw. in einer Praxis auf der Insel Borkum, war dann in einer Reha-Klinik tätig, bevor er vor zehn Jahren die Praxis seines Vaters in Karstädt übernahm. "Wir stammen von hier und sind sehr glücklich, wieder in der Heimat zu sein", unterstreichen er und seine Frau Annette. Auch Zahnarzt Fred Abraham (49) bereut es nicht, nach dem Studium und der Assistenzarztzeit in Greifswald bzw. Hannover in den Heimatort zurückgekehrt zu sein. "Wir wollten wieder in Elternnähe wohnen", erklärten er und seine Frau Christiane. Abraham eröffnete im Oktober 1992, vor gut 20 Jahren, eine neue Praxis.

Vierter im Bunde der Rückkehrer ist Dr. Jörg-Karsten Schulz. Er kann 2013 das 25-jährige Bestehen seiner Hausarztpraxis feiern. Nach der Facharztausbildung in Brandenburg sollte er in der Havelstadt bleiben. Doch wie bei Dr. Arndt setzte sich Dr. Büchner dafür ein, dass Dr. Schulz eine unbesetzte Hausarztstelle in Karstädt übernahm. "Auch ich und meine Frau haben das nicht bereut. Wenn man vom Lande kommt, möchte man hierher zurück. Man muss aber auch den Draht dafür haben", meint der heute 57-Jährige. Als einen Nachteil für die Ansiedlung junger Ärzte und deren Familien auf dem Lande nennt Dr. Schulz die Ausdünnung der Schullandschaft, in der es bis auf Glöwen weiterführende Schulen nur noch in Pritzwalk, Perleberg und Wittenberge gibt.

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