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Der Prignitzer

21. November 2017 | 15:15 Uhr

Filmreife Story übers Bier beim Bier

vom

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erstellt am 10.Apr.2012 | 10:27 Uhr

Perleberg | Jens Nering, seines Zeichens Kriminaltechniker, und Roberto Bölter, Schlosser von Beruf, sinnieren beim Feierabendbier über das Früher. Bier und Perleberg, wie passt das zusammen? Es passt, weiß Roberto Bölter und deutet auf eine Unmenge von Bierflaschen, die längst historischen Wert haben. Der Perleberger ist leidenschaftlicher Sammler all dessen, was mit seiner Stadt zu tun hat. "Entweder es wurde hier gefunden, hier mal hergestellt oder vertrieben."

Bereits als Zehnjähriger entdeckte er, dass Flaschen alles andere als langweilige Gebrauchsgegenstände sind. "Sie sind Belege für das, was hier einmal war, können Geschichten erzählen." Und auf diesen Pfad der Geschichte und Geschichten haben sich der Freizeitfilmer Nering und der Freizeithistoriker Bölter im Sommer 2011 begeben, immer der Spur des Wassers folgend.

Was sie da herausfanden, das halten sie in einem Film fest. Gut eine Stunde gespickt mit einer Vielzahl neuer Fakten und interessanter Gegebenheiten rund um Getränke und Handel im frühen Perleberg soll im Herbst als DVD vorliegen.

Ja, auch in Perleberg wurde gebraut. Die Hopfenstraße verdankt ihren Namen dem Hopfenanbau. Im Stadtarchiv lagert eine Brauordnung aus dem Jahre 1532. "Bier war damals Grundnahrungsmittel. Es war das sauberste, das reinste Getränk", berichtet Jens Nering. Wen wundert’s, bahnte sich in Nachbarschaft der öffentlichen Brunnen zumeist auch die Kloake in der Stadt ihren Weg. Häuser, die überwiegend an der Stepenitz lagen, wurden unter dem Aspekt begutachtet, ob hier das Brauen möglich ist. Und zwei Tage vor dem eigentlichen Brauen war die Stepenitz tabu für Mensch und Pferd, durfte keine Wäsche gewaschen und nicht ins Wasser gepinkelt werden.

Selbst Schulkinder wurden mit Bier groß, allerdings durften sie höchstens zwei Flaschen pro Tag trinken.

Um 1800 gab es noch sieben Brauereien in Perleberg, davor so gar massenhaft. Flaschensiegel belegen das. Neben der Brauerei hatten die Besitzer zumeist noch eine Destille, einen kleinen Kolonialwarenladen, denn alles wurde im Eigenvertrieb gehandelt. Der eine oder andere betrieb auch noch einen Ausspann oder eine kleine Wirtschaft.

Es waren die besser Betuchten, die nicht nur auf den Geschmack des natürlichen Mineralwassers kamen, sondern, die es dann auch nach Perleberg brachten. "Denn auf derartiges Wasser aus dem Quell der Berge, wollte man auch in der flachen Prignitz nicht verzichten. So nahm das natürliche Mineralwasser in Ermangelung eigener Quellen seinen Weg von Polen bzw. aus dem Süden Deutschlands nach Perleberg und wurde fortan in der Apotheke vertrieben, "denn es galt als Arzneimittel", erzählt Jens Nering.

Mit der Erfindung des künstlichen Mineralwassers 1830 und dem preußisch-königlichen Erlass wurde dessen Herstellung offiziell genehmigt. Fortan durfte auch der Perleberger Apotheker "Selters", sprich künstliches Mineralwasser, herstellen. "Das war einzig sein Privileg, da er eine arztnahe Ausbildung hatte", so Roberto Bölter. Erst später konnte, wer wollte, künstliches Mineralwasser herstellen und das wurde natürlich selbst vertrieben.

Aber nicht nur Bier und Wasser wussten die Perleberger herzustellen. Sie bauten auch Wein an. Der Weinberg bzw. die Golmer Berge künden noch heute davon. Doch so recht zu genießen war der Rebensaft nicht, "es fehlte einfach die nötige Sonne", fügt der Hobbyhistoriker an. Doch für die Senfherstellung war er gut zu gebrauchen.

So greift eines ins andere, "kommt man vom Hundertsten ins Tausendste", gesteht Jens Nering. "Im Film können wir Geschichte nur anreizen. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr wollen wir das, was einst war, bewahren und hoffen, dass der eine oder andere den Fundus über Perleberg noch erweitern kann", sagt Roberto Bölter. Kaum etwas wisse man noch über die Chemischen Werke von Perleberg, einzig, dass sie bereits 1797 gegründet wurden. Hingegen ist belegt, dass der Beyerteich einst künstlich angelegt, hier das Eis für die Eiskeller produziert wurde, dass die Perleberger, nachdem der eigene Wein nicht ihren Geschmack traf, solchen aus Frankreich und Österreich einführten und dass es bereits im 19 Jahrhundert ein Mittel gegen Trunksucht gab, was alte Perleberger Zeitungsausgaben belegen. "Vieles hat die Jahre nur überdauert, weil es zweckentfremdet genutzt wurde, vor allem viele Flaschen. So hatte ein Schäfer darin das Mittel gegen Klauenentzündung aufbewahrt", erinnert sich Roberto Bölter und deutet auf ein sehr altes Exemplar.

All das und vieles mehr soll auf DVD wieder in Szene gesetzt werden, illustriert mit alten Ansichten, Kopien von Urkunden und Erlassen. Der Stadt wieder ein Stück alter Identität zurück geben, das wollen Jens Nering und Roberto Bölter. Man darf echt gespannt sein auf Perleberger Historie zwischen Getränk und Handel.

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