Uli Borowka in Perleberg : „Es war eine brutale Zeit“

Die Chance auf ein signiertes Buch ließen sich die Gäste nicht entgehen.
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Die Chance auf ein signiertes Buch ließen sich die Gäste nicht entgehen.

Ex-Fußballstar Uli Borowka liest in Perleberg aus seinem Buch „Volle Pulle“ und spricht über sein Doppelleben als Profi und Alkoholiker

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23. Mai 2017, 21:00 Uhr

Schonungslos, offen und ehrlich. So schilderte der ehemalige Fußballer Uli Borowka die „brutalen Erlebnisse“ als Suchtkranker bei der Lesung aus seinem Buch „Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“ in der sehr gut gefüllten Aula des Perleberger Gottfried-Arnold-Gymnasiums. Borowka kam auf Einladung des Perleberger Bürgervereins, der die Veranstaltung in Kooperation mit Birgit Hamann und dem Kreissportbund Prignitz organisierte.
„Ich war 16 Jahre Profi und 16 Jahre Alkoholiker. Außerdem 14 Jahre abhängig von Medikamenten“, begann Uli Borowka. Das führte nicht nur zu verpassten Trainingseinheiten. Er fuhr betrunken Auto und war gewalttätig gegenüber seiner ersten Ehefrau. Das war für ein Großteil der Öffentlichkeit lange die unbekannte Seite des Kickers.
Die andere Seite: Der Defensivspieler bestritt 388 Partien in der Bundesliga für Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen, absolvierte sechs Länderspiele für die Nationalmannschaft. Seine sportlichen Erfolge: Deutscher Meister 1988 und 1993, Pokalsieger 1991 und 1994 sowie Gewinner des Europapokals der Pokalsieger 1992.
Bereits zu diesen Zeiten war Uli Borowka alkoholkrank. „Wenn ich nicht mittrainieren konnte, hieß es, ich habe Magen-Darm-Grippe“, erzählte der heute 55-Jährige aus seiner damaligen Zeit bei Werder Bremen. Unter Trainer Otto Rehhagel. Der ihn schützte, weil er sich in den Spielen immer auf seinen Abwehrmann verlassen konnte.

„Die Alkoholsucht hat viele Gründe. Zum Beispiel das Belohnungsprinzip. Gewinnst du, trinkst du darauf. Unentschieden ist ja auch nicht schlecht, darauf ebenfalls einen. Und wenn du verlierst, trinkst du sowieso“, erklärte er.
 

Der Absturz

 

Es folgte der Absturz. Seine Frau trennte sich von ihm, nahm die beiden Kinder mit. „Anfang 1996 wollte ich nicht mehr und habe einen Cocktail aus Wein, Bier und Tabletten getrunken. Aber ich hatte das Glück, nach 14 Stunden wieder aufzuwachen. Vier Jahre später erkennen ehemalige Weggefährten aus Gladbacher Zeiten die Probleme von Uli Borowka und handeln. Sie vermitteln ihm einen Platz in einer Suchtklinik.
Nach einem viermonatigen stationären Aufenthalt ist Uli Borowka trocken. Bis heute. „Aber es war eine brutale Zeit. Nach der Zeit in der Klinik – dort haben mir die Gespräche mit den Mitpatienten am meisten geholfen – habe ich noch zehn Jahre gebraucht, damit fertig zu werden“, sagte er. Und erinnerte sich an die Versuche, auch beruflich wieder Fuß zu fassen: „Ich schrieb 20 Bewerbungen und bekam 20 Absagen“.
Unterkriegen ließ sich der gelernte Maschinenschlosser nicht, dachte an die Krankheit. „Jeder Tag, den ich trocken bin, ist mehr wert als jeder Titel, den ich gewonnen habe“, wurde sein Leitspruch. Der half.

Der ehemalige Kicker kam wieder auf die Beine – auch privat. Seine zweite Frau hatte großen Anteil daran, dass Uli seine Erlebnisse in einem Buch (über ein zweites wird im Sommer verhandelt) verarbeitete. Vor rund vier Jahren gründete der Sportler den gemeinnützigen Verein „Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe“. Die Aufgaben: Kindern aus suchtkranken Familien dabei zu helfen, am sozialen Leben teilzunehmen, Präventionsarbeit leisten, beispielsweise durch Lesungen und Veranstaltungen mit Fanclubs oder Vereinen und eine Anlaufstelle für suchtkranke Profisportler sein.
Für den Verein und das drum herum entstandene Netzwerk reiste und reist Borowka viel. Hält Lesungen in Schulen, Gefängnissen oder Vereinen. „Wenn wir es schaffen, dass Jugendliche über Suchterkrankungen nachdenken, dann ist das großartig“, sagte er. Und mahnt zur Offenheit. Auch den Staat: „Die Bundesregierung spricht von 1,5 Millionen alkoholkranken Menschen, die wahre Anzahl liegt bei rund acht Millionen“.
Das Problem betrifft nach wie vor den Sport – auch den Nachwuchsbereich. „Wir haben vor kurzem in Emden erst den dritten Verein in Deutschland ausgezeichnet, der sich auf seinem Platz nachweislich an das Jugendschutzgesetz hält. Also keinen Alkohol an Personen unter 16 Jahren ausgibt“, teilte Uli Borowka mit. Der selber nicht gern Jugendspiele am Sonntagvormittag besucht, denn „von den 20 Zuschauern am Spielfeldrand hat doch mindestens die Hälfte bereits eine Bierflasche in der Hand. Dabei sollten die doch auch eine Vorbildfunktion für die Jugend ausüben.“

Zum Abschluss gab es noch einen privaten Einblick. Etwas zum Schmunzeln: „Zu Hause habe ich es auch nicht leicht“, bekannte Borowka, „meine Tochter Melina ist Bayern-Fan und schwärmt für Thomas Müller. Zu ihrem Geburtstag habe ich alte Kontakte genutzt und ihr ein Bayern-Trikot mit der Unterschrift von Müller besorgt“, berichtete er. Auch das schonungslos offen und ehrlich… 

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