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Der Prignitzer

20. November 2017 | 20:15 Uhr

"Es ist kein Job, es ist eine Berufung"

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erstellt am 13.Mär.2012 | 09:12 Uhr

Perleberg | Sieglinde Röhl und Christine Stammer sind Pflegemuttis, und das schon seit vielen Jahren. "Es ist kein Job, es ist vielmehr eine Berufung", da sind sich die beiden Frauen einig. Gleich mehrere Kinder haben sie jeweils in ihrer Obhut. Zu Hause bei Christine Stammer in Putlitz leben vier Pflegekinder, Sieglinde Röhl aus Eldenburg pflegt sogar fünf Kinder dauerhaft, hinzu kommt ein Tagespflegekind. Am Sonnabend erzählten sie im Rahmen eines Bewerberseminars für künftige Pflegeeltern von ihren Erfahrungen, beantworteten die Fragen der Teilnehmer, gaben Ratschläge, erzählten so manche Anekdote und versuchten, den Neulingen Ängste zu nehmen.

Feierabend gibt es bei ihnen nicht. Doch die beiden Frauen machen ihre Arbeit mit Leidenschaft - auch wenn sie diese wohl nie als solche bezeichnen würden. "Ich liebe meine Pflegekinder genauso wie mein Enkelkind", sagt Sieglinde Röhl, die selbst zwei erwachsene Kinder hat und schon seit 14 Jahren Pflegemutti ist. Da kann ihr Christine Stammer, die seit fünf Jahren anderen Kindern die leibliche Mutter ersetzt, nur beipflichten. Ihr eigener Sohn, der achtjährige Marty, komme gut mit den anderen Kindern aus. "Anfangs war es natürlich schwer für ihn", gibt sie zu. "Aber mittlerweile möchte er keines der Kinder mehr missen, fragt sogar nach ihnen, wenn sie mal nicht da sind."

Das Sorgerecht für die Pflegekinder obliegt nach wie vor den leiblichen Eltern, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr für ihre Kinder sorgen können. "Oftmals sind die Eltern überfordert mit der Kindererziehung, trauen sich die Elternrolle nicht zu, meist weil sie psychische Probleme haben", sagen die beiden Frauen, deren Ehemänner sie im Übrigen tatkräftig bei der Kindererziehung unterstützen.

Sobald das leibliche Elternhaus stabil genug sei, werden die Kinder wieder in ihr Zuhause zurückgeführt. So leben manche der Kinder nur wenige Monate bei ihren Pflegefamilien, andere bleiben Jahre. "Abschied nehmen fällt immer schwer", sagen sie. "Aber mit den Jahren bin ich gelassener geworden. Man lernt das Loslassen", fügt Sieglinde Röhl hinzu. Manchmal bleibe man hinterher noch in Kontakt, manchmal breche dieser ab. Das sei immer unterschiedlich, je nachdem, wie gut das Verhältnis zwischen Eltern und Pflegeeltern ist. Ob die Kinder denn gerne wieder zurückgingen, wollten die Zuhörer wissen. Das konnten beide Frauen bejahen: "Da gab es noch nie Probleme. Sie freuen sich auf ihre Eltern und sehen sie ja auch regelmäßig, während sie bei uns leben. Noch nie wollte ein Kind wieder zu seinen Pflegeeltern zurück,", sagt Christine Stammer. "Vielen ging es daheim nicht gut, bevor sie zu uns kamen. In der Zeit, in der wir für sie sorgen, wird das Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern wieder aufgebaut", so Sieglinde Röhl. "Kinder vergessen auch", weiß sie aus Erfahrung.

Es gibt nicht viele, die den Mut aufbringen und ein fremdes Kind bei sich zu Hause aufnehmen. Sieglinde Röhl und Christine Stammer haben sich getraut und es nicht bereut, im Gegenteil: "Man bekommt so viel Liebe und Dankbarkeit zurück. Und man bleibt selbst Kind, wenn man mit ihnen spielt", sagt Sieglinde Röhl lächelnd.

Das Bewerberseminar für potenzielle Pflegeeltern ist ein Angebot des Jugendamtes und findet einmal jährlich statt. Es dient der Information und Einweisung von Pflegebewerbern in ihr verantwortungsvolles Amt.

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