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Der Prignitzer

21. Oktober 2017 | 08:56 Uhr

„Es geht nichts unter 1000 Meter“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Groß Pankows Bürgermeister Marco Radloff findet in Sachen Windräder klare Worte / Im Interview bilanziert er sein erstes Amtsjahr

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2017 | 13:59 Uhr

Bürgermeister Marco Radloff ist heute ein Jahr im Amt. Für den „Prignitzer“ sprach Redakteur Renè Hill mit ihm über seine persönliche Bilanz, den Nahverkehr, die Mülldeponie Luggendorf und die Situation bei den Windkrafträdern.

Herr Radloff, heute vor einem Jahr war Ihr erster Arbeitstag als Bürgermeister der Gemeinde Groß Pankow. Welches Fazit ziehen Sie?
Marco Radloff: Sicherlich hat es einige Mühe gekostet, mich in die einzelnen Fachbereiche einzuarbeiten. Auch wenn ich noch nicht in allem angekommen bin, kann ich durchaus ein positives Fazit ziehen.

Bei Ihrem Amtsantritt kritisierten Sie den Zustand des ÖPNV in der Gemeinde. In den Bürgergesprächen wird immer wieder festgestellt, dass die Angebote unzureichend sind. Hat sich was getan bzw. wo muss sich noch etwas ändern?

Definitiv hat sich etwas verbessert. Mit dem Landkreis Prignitz und der Arbeitsgemeinschaft Prignitzbus konnten zum Jahreswechsel einiges erreicht werden. Alle Orte werden jetzt auch in den Ferien angefahren. Dadurch sind die Bürger flexibler. Nachbesserungen sind aus meiner Sicht beim Komfortzuschlag nötig. Da einige Orte nur mit dem Rufbus erreichbar sind, ist dieser Ein-Euro-Zuschlag nicht in Ordnung.

Veränderungen sind aber auch beim RE 6 nötig. Es kann nicht sein, dass in der Woche der letzte Zug nach Berlin um 20.31 Uhr fährt und ich dort schon um 20 Uhr starten muss, um direkt nach Groß Pankow zu kommen. Von den Wochenenden ganz zu schweigen. Warum fahren die Züge in den Morgen- und Abendstunden nur ab bzw. bis Wittstock oder Neuruppin? Sinnvoll wäre aus meiner Sicht, wenn diese Züge auf der gesamten Strecke Berlin - Wittenberge - Berlin über Groß Pankow verkehren würden.

Wie gelingt es Ihnen, die 39 Ortsteile der Gemeinde bürgernah zu verwalten?
Marco Radloff: Mein großes Ziel ist und war der direkte Kontakt in alle Ortsteile. So versuche ich, an den Ortsbeiratssitzungen teilzunehmen. Hier bekomme ich Hinweise, wo die Probleme liegen. Dadurch realisiere ich auch meinen Anspruch, immer greifbar zu sein. In mehr als der Hälfte aller Ortsteile klappt es gut. Beim Rest arbeiten wir daran.

Aktuell ist die Deponie in Luggendorf das „heißeste Thema“. Eine starke Bürgerinitiative steht gegen die Entscheidungen der Gemeinde.
Ich bedauere es sehr, dass die BI den Standpunkt der Gemeinde nicht richtig nachvollziehen kann. Ich war bei vielen Veranstaltungen und habe immer wieder erklärt, warum die Änderung des Flächennutzungsplanes notwendig ist.

Auch hat die BI nicht verstanden, dass nicht die Gemeinde, sondern das Landesumweltamt über die Errichtung der Deponie entscheidet. Wir als Gemeinde wollen aber für den Fall vorbereitet sein, wenn die Deponie genehmigt wird, um auf Betriebszeiten, Laufzeiten, Größe, Kompensationsmaßnahmen Einfluss nehmen zu können, benötigen wir diese Änderung des Flächennutzungsplanes.

Der Planfeststellungsbeschluss des Landesamtes ist losgelöst vom Flächennutzungsplan der Gemeinde. Der Prozess ist angeschoben. Ob im Ergebnis eine Deponie platziert wird, wird sich zeigen. Alle Bürger können in diesem Prozess ihre Bedenken äußern und Einsicht in die Unterlagen nehmen.

Auch das Thema Windkraft ist in der Gemeinde nicht unumstritten. Wie sieht das der Bürgermeister?
Es ist ein Problem. Den aktuellen Entwurf der Regionalplanung schätze ich als verfehlt ein. Die Windräder rücken wieder dichter an die Wohnbebauung heran, 750 Meter Abstand sieht der Entwurf vor. Ich persönlich hätte die 10H-Regelung begrüßt.

(Bei der 10H-Regelung müssen Windkraftanlagen einen Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden einhalten. – Anm. d. Red.)

In dieser Frage darf das Kulturgut Mensch nicht weiter vernachlässigt werden. Es ist nicht zu akzeptieren, dass der Abstand zum Lebensraum des Rotmilans 1000 Meter betragen muss, aber zum Menschen nur 750 Meter. Und es ist nicht zu akzeptieren, dass, je dichter man an Berlin heran kommt – zum Beispiel im Bereich Oranienburg – weniger Windräder stehen. Dort, wo mehr Menschen und Abnehmer sind, wird aber kein Strom produziert.

Die Gemeinde wird ihre Stellungnahme zum Entwurf der Regionalplanung bis zum 30. August abgeben. Wir werden im Flächennutzungsplan sowie im Bebauungsplan die Standorte für die Windräder festlegen. Für uns geht nichts unter 1000 Meter Abstand. Wenn wir uns nicht komplett der Windräder erwehren können, so schaffen wir wenigstens das.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Landkreis? Wo sehen Sie Ansätze für ein besseres Zusammenspiel?
Im Großen und Ganzen bewerte ich die Zusammenarbeit mit dem Landkreis positiv, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Die Ankündigung, die Kreisumlage voraussichtlich um drei Prozentpunkte zu senken, ist ein positives Signal. Dennoch denke ich, dass das Thema Kreisumlage noch einmal diskutiert wird.

Klamme Haushalte bestimmen fast überall das Bild in Brandenburgs Kommunen. Auch in Groß Pankow musste ein Haushaltssicherungskonzept aufgestellt werden. Sparen ist angesagt. Wo wollen Sie auf keinen Fall den Rotstift ansetzen?
Ich sage es an dieser Stelle klipp und klar: Freiwillige Aufgaben, wie beispielsweise die Finanzierung der Dorfgemeinschaftshäuser, dürfen nicht wegfallen. Sie haben eine absolute Prämisse und sie werden immer reger genutzt. Auch die Bezuschussung des Kita-Essens, die Versorgung von Kita-Kindern und Schulkindern mit einer eigenen Küche soll bleiben.

Aus meiner Sicht sollte das Kita- und Schulessen überhaupt nichts kosten. Auch die Jugendarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Landjugend ist fortzusetzen. Erst jüngst fand wieder das deutsch-polnische Jugendcamp in Groß Woltersdorf statt. All diese Aufgaben gilt es, auch in Zukunft bestmöglich darzustellen.

Was sind Ihre nächsten Vorhaben?
Es steht so viel an. Ein besonders interessanter Punkt ist die Installation eines oder mehrerer Seniorenbeiräte oder Seniorenstammtische in den Ortsteilen. In den Gesprächen mit Vertretern der Ortsbeiräte kam immer wieder die Frage auf, wie Seniorenarbeit gestaltet werden kann.

Ist das einjährige Bürgermeistersein ein Grund zum Feiern?
Feiern werde ich nicht. Aber dieser Tag ist für mich ein Grund zur Freude. Fest steht, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, mich vor einem Jahr zur Wahl zu stellen. Diesen Schritt habe ich nicht bereut. Wenn ich aus den Resultaten der Ortsbeiratssitzungen kleine Erfolge verzeichnen kann, so ist das für mich Ansporn, weiter zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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