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Der Prignitzer

22. November 2017 | 17:50 Uhr

„Es braucht den unbedingten Willen“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Angelo Raciti geht mit der Gesangsausbildung in Deutschland hart ins Gericht – und lobt die Teilnehmer der Lotte Lehmann Akademie

von
erstellt am 15.Aug.2014 | 10:14 Uhr

Mit einem Galakonzert ging gestern Abend die Lotte Lehmann Akademie zu Ende, zugleich war es der Auftakt für die Lotte-Lehmann-Woche. Angelo Raciti ist seit 2003 künstlerischer Leiter der Woche und seit 2009 der Akademie. Im Vorfeld des Konzerts sprach Redakteur Lars Reinhold mit ihm über die Entwicklung der Akademie, die Qualität der Gesangsausbildung in Deutschland und „Wiederholungstäter“, die immer wieder nach Perleberg zurückkommen.

Herr Raciti, die 6. Lotte Lehmann Akademie ist zu Ende, die 17. Lotte-Lehmann-Woche hat gestern begonnen. Das sind viele Jahre Wachstum und Entwicklung. Wo steht die Perleberger Gesangsausbildung heute?

Angelo Raciti: Die sechste Akademie stand im Zeichen der Konsolidierung auf dem hohem Niveau, das wir unterdessen erreicht haben. Das Dozententeam hat sich über die Jahre aufeinander eingespielt und spricht die gleiche Sprache. Das meine ich nicht in Bezug auf die Nationalsprache – die Kurssprachen sind Deutsch und Englisch – sondern, dass man das gleiche meint, wenn man Schüler anleitet oder kritisiert. Das ist wichtig, weil man beim Singen den Vorgang der Tonerzeugung selbst nicht sehen kann und es demzufolge schwieriger ist, Probleme zu benennen, als in der Instrumentalausbildung, wo man beispielsweise die Handhaltung kritisieren kann. Da unsere Schüler bei mehreren Dozenten Unterricht haben, ist das eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.

Warum heben Sie den Punkt mit den verschiedenen Dozenten besonders hervor?

Die Akademie unterscheidet sich vom Gesangsstudium an einer Hochschule dadurch, dass die Teilnehmer mit mehreren Gesangsdozenten, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben, arbeiten können. Das gibt es an der Uni nicht. Da bestehen die Professoren meist darauf, dass ihre Schüler allein bei ihnen lernen. Selbst das Zuhören bei anderen Dozenten ist nicht gern gesehen.

Und wenn ein Hochschulstudent feststellt, dass er mit dem Prof nicht klarkommt?

Dann verliert er sinnlos Zeit. Nehmen wir an, dem Studenten wird im zweiten Semester klar, dass er keinen Zugang zum Dozenten findet, dann traut er sich vielleicht nicht, es gleich zu sagen. Der Antrag auf Dozentenwechsel dauert in der Uni-Verwaltung gerne seine Zeit, und schnell sind zwei Jahre vergangen, ohne dass der Student etwas gelernt hat.

Sie gehen mit der Gesangsausbildung hart ins Gericht.

Es sind Erfahrungen, die unsere Teilnehmer gemacht haben, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Hochschulen an sich sind auf die Weitergabe standardisierten Wissens spezialisiert. Gesangsausbildung ist meiner Meinung nach jedoch eher die Weitergabe von Tradition und Erfahrung. Dass das im Hochschulbetrieb funktioniert, bezweifele ich, zumal wir durch die Lotte-Lehmann-Woche, die Studienanfängern und interessierten Laien offen steht, immer wieder feststellen, dass es mitunter besser ist, mit unbeleckten Talenten zu arbeiten, als mit falsch ausgebildeten Absolventen.

Die Lehmann-Woche als Suche nach Rohdiamanten?

So könnte man es augenzwinkernd sagen. In diesem Kurzkurs wollen wir herausfinden – oder richtiger – sollen die Teilnehmer herausfinden, ob sie diesen Weg wirklich einschlagen und den Sängerberuf ergreifen wollen. Wir verstehen uns als Coaches, als Mentoren auf diesem Weg.

Tatsächlich gehören neben Gesangsstunden Mentaltraining, Körperarbeit und Schauspiel zum Akademieprogramm. Was hat das mit dem Singen zu tun?

Wir wollen nicht nur die sängerischen Fähigkeiten der Teilnehmer verbessern, sondern ihnen auch ein Instrumentarium an die Hand geben, mit dem sie selbst ihren Standort bestimmen können. Es ist heute die Ausnahme, dass Sänger nach der Ausbildung in einer festen Ensembleanstellung sind und aus einer einigermaßen behüteten, auch finanziell sicheren Situation heraus reifen können. Es wird zunehmend wichtiger, dass sie selbst erkennen können, wo sie stehen. Nur wer weiß, was er kann, kann sich erfolgreich vermarkten. Die Hochschulen bieten weder das, noch einen realistischen Einblick in den beruflichen Alltag. Den bekommen unsere Teilnehmer durch das intensive Lernpensum und die zahlreichen Konzertauftritte.

Liegt hier der Unterschied zur Hochschulausbildung?

Auf jeden Fall. Es gibt zahlreiche Akademieteilnehmer, die genau wegen dieser Unterstützung zu uns gekommen sind, beispielsweise Julia Milin. Sie hat 2010 die Akademie absolviert und am Anfang sehr deutlich gemacht, dass sie sich diesen umfassenden Support wünscht. Das war der Beginn einer regelrechten Verwandlung, sie blühte richtig auf.

Wieviel Arbeit müssen Sie und Ihr Team bei den Teilnehmern in dieser Hinsicht leisten?

Die meiste Arbeit müssen die Sänger selbst leisten, wir können sie dabei nur professionell unterstützen. Wieviel Hilfe der Einzelne in den jeweiligen Disziplinen braucht, ist individuell sehr verschieden. Was wir voraussetzen ist ein hohes Maß an Selbstreflektion. Außerdem braucht es den unbedingten Willen, etwas zu erreichen, voranzukommen.

Hat den nicht jeder Sänger?

Nein. Es gibt Leute, die haben wahnsinniges Talent, aber ihnen fehlt der Wille. Andere hingegen wollen alles, versuchen alles, haben aber nicht die stimmlichen Voraussetzungen. Das Akademieprogramm ist hart, je nach gewähltem Modul sind täglicher intensiver Gesangsunterricht, Sprach- und Stilcoaching sowie Workshops in Körperarbeit und Bühnentraining obligatorisch. Wem der Wille fehlt, der zieht das nicht durch.

Viele Branchen klagen über mangelhafte Qualität des Nachwuchses. Wie ist es im Opernbetrieb?

Aus Sicht der Lotte Lehmann Akademie ist es inzwischen so, dass wir aus genügend Bewerbungen die besten auswählen können. Meine Meinung zur Gesangsausbildung an den Hochschulen habe ich deutlich gemacht – die Qualität des Nachwuchses könnte insgesamt besser sein. Dennoch hatten wir in diesem Jahr wieder ein sehr gutes und motiviertes Teilnehmerfeld, auch Wiederholungstäter waren dabei.

Wiederholungstäter? Reicht eine Akademieteilnahme nicht für den Karrierestart?

Das würde ich so nicht sagen. Ich sehe es vielmehr als Bestätigung unseres vielseitigen Konzeptes. Die Sänger kommen wieder, weil sie hier wirklich etwas lernen können. Beispielsweise Eva Fiechtner, die 2012 drei Wochen Akademie absolviert hat und 2014 wieder mit von der Partie war. Gleiches gilt auch für die Lotte-Lehmann-Woche. Julia Böhme, die 2009 den Förderpreis in der Kategorie Anfänger gewonnen hatte, war seither in jedem Sommer dabei. Eine bessere Bestätigung für uns gibt es kaum.

Moderne Musikformen wie das Musical scheinen der Oper in der Publikumsgunst den Rang abzulaufen. Muss die Akademie hier reagieren und entsprechende Angebote schaffen?

Lotte Lehmann war eine ganz große Opernkünstlerin. Wir tragen diesen Namen und werden beim klassischen Opernrepertoire bleiben. Das Musical mag unterhaltsam sein, bleibt aber standardisierte Konfektionsware.

Die die Besucher gut unterhält, wie der Applaus bei den Elblandfestspielen zeigt ...

Ohne Frage. Das Problem besteht meiner Meinung nach darin, dass zeitgenössische Opernkomponisten dem Publikum kein Angebot machen, sich im Bereich der Oper nach Richard Wagner, Richard Strauss und Alban Berg nichts Innovatives mit breiter Publikumswirkung mehr entwickelt hat. Dazu kommt, dass das große Opernrepertoire des 19. Jahrhunderts in der Hochschulausbildung vernachlässigt wird. Sänger mit dem stimmlichen Potential sind ohnehin selten und werden vom heutigen Betrieb sehr schnell verschlissen. Dadurch gibt es immer weniger Sänger, die diese Klassiker wirklich gut singen können. Die Lotte Lehmann Akademie kann das nicht kompensieren, aber den Sängern zumindest ein Angebot machen, diese Kunst zu erlernen.

Danke für das Gespräch.

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