Die Große Liebe an der Elbe gefunden : Erst die Flucht, dann die Liebe

Gastfreundlichkeit: Zur Yalda-Nacht, einem iranischen Brauch anlässlich der Wintersonnenwende, haben Katja Schulenburg und Rasul Javadi verschiedene Speisen und Tee vorbereitet.
Gastfreundlichkeit: Zur Yalda-Nacht, einem iranischen Brauch anlässlich der Wintersonnenwende, haben Katja Schulenburg und Rasul Javadi verschiedene Speisen und Tee vorbereitet.

Rasul Javadi verließ den Iran und lernte in Wittenberge seine Verlobte Katja Schulenburg kennen

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29. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Wenn sich Katja Schulenburg und Rasul Javadi in die Augen sehen, funkeln diese deutlich. Das Paar ist verlobt, natürlich bis über beide Ohren verliebt und das merkt jeder, der einige Zeit mit den beiden verbringt.

Die Geschichte des Paares ist eine mit glücklichem Ausgang. Und das, obwohl Rasul Javadi das bei seiner Flucht aus dem Iran nicht geahnt hat. „Als Christ war ich immer in Gefahr, von der Polizei festgenommen zu werden. Ich habe aber doch nichts Schlimmes gemacht“, erzählt der 31-Jährige, der nach dem Militärdienst vom Islam zum Christentum konvertierte, mit leiser aber fester Stimme. Die Entscheidung, seine Heimatstadt Schiras und auch seine Familie zu verlassen, sei ihm nicht leicht gefallen. „Ich habe sie nun seit fast drei Jahren nicht mehr gesehen. Wir haben telefonischen Kontakt.“

Seit März 2015 ist Rasul Javadi in Deutschland. Anfangs lebte er in Eisenhüttenstadt, dann in Karstädt und nun in Wittenberge. Der 31-Jährige scheint angekommen zu sein. Er hat einen festen Arbeitsplatz in der Gärtnerei Haering – in Schiras hat die Familie eine fünf Hektar große Oase mit Palmen – dazu spielt Rasul Fußball in Weisen. Und im Oktober 2015 fand er seine Traumfrau. Katja Schulenburg lernte der Iraner damals über die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Wittenberge kennen, dessen Mitglied die 35-Jährige ist. „Anfangs konnte er kein Wort Deutsch. Da haben wir uns nur über Blicke verständigt“, erinnert sie sich. Gefunkt hat es letztlich bei einer Radtour der Gemeinde. „Ich hatte eigentlich gar keine Lust mitzufahren, habe mich dann aber doch aufgerafft. Zum Glück, denn Rasul war auch da“, erzählt Katja Schulenburg lachend.

Wie wichtig der Kontakt zur Familie ist, weiß Katja Schulenburg aus eigener Erfahrung. Ihren Vater lernte sie erst vor sechs Jahren kennen. „Er ist Kubaner und ich bin dorthin gefahren, um ihn zu treffen“, erzählt die junge Frau, die beim DRK-Pflegedienst in Lenzen arbeitet. Zu DDR-Zeiten absolvierte ihr Vater Xiomars eine Ausbildung zum Schlosser im hiesigen Nähmaschinenwerk, lernte dort eine Frau kennen und lieben – Katja Schulenburgs Mutter. Er ging dann nach vier Jahren zurück nach Kuba, Katja Schulenburg wuchs ohne ihren Vater auf. „Meine Mutter freute sich sehr, dass ich ihn in Havanna gefunden hatte. Ich habe immer gedacht, dass er kein Interesse an mir hat.“ Doch Xiomars suchte jahrelang nach seiner Tochter, jedoch ohne Erfolg. Über Umwege und das soziale Netzwerk Facebook klappte es dann 2010 doch.

Ein Wiedersehen mit der Familie ist der größte Wunsch von Rasul Javadi. Gerade in der Weihnachtszeit scheint die Sehnsucht besonders groß. Erst recht zur Yalda-Nacht vom 20. auf den 21. Dezember. An diesem Abend findet das Gespräch mit den beiden in ihrer Wohnung statt. Sie haben eine reichhaltige Tafel mit Früchten, Nüssen, Süßem und Tee zusammengestellt. „Es ist ein iranisches Fest zur längsten Nacht des Jahres. Ich weiß, dass er sich wünscht, es mit vielen Menschen und besonders mit seiner Familie zu feiern. Aber nun sitzen wir eben hier im kleinen Kreis“, sagt Katja Schulenburg und lacht. Vielleicht käme die Familie im kommenden Jahr zur Hochzeit der beiden, meint das Paar. Mit der Zeremonie wäre die deutsch-kubanisch-iranische Liebe perfekt. Was schätzen die beiden aneinander? „Rasul kann fast alles: Kochen, den Haushalt erledigen und auch handwerklich ist er begabt. Nur Gitarre spielen kann er noch nicht. Das soll ich ihm beibringen. Außerdem besitzt er eine atemberaubende Freundlichkeit. Auch als er kein Wort Deutsch konnte, ist er auf die Menschen zugegangen. Ich weiß, wie schwer das ist. Auf Kuba habe ich niemanden verstanden, weil ich kein Spanisch konnte“, so Katja Schulenburg. Er ergänze sie perfekt. „Ich bin mit meinem kubanischen Temperament eher aufbrausend und emotional. Er holt mich runter und sieht immer das Positive in den Menschen. Er schlichtet jeden Streit.“ Als Katja Schulenburg so von ihrem Verlobten schwärmt, sieht er sie etwas verlegen an. „Ich habe ihre positive Ausstrahlung sofort gemocht. Auch ihr Temperament und ihr reines Herz“, erwidert er die Komplimente. Beide sind sich einig, dass Liebe im Kleinen beginnt, „wie auch jeder Krieg“, fügt Katja Schulenburg an.

Natürlich haben sie auch über das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt gesprochen. Rasuls Augen werden traurig. „Alle Menschen sind vor Gott gleich. Warum macht man so etwas?“ Der Iraner ist froh, nun in Sicherheit zu sein. „Ich danke allen, die mir geholfen haben, wie die Gärtnerei Haering. Ich fühle mich sehr wohl und bin glücklich.“

Natürlich wurde zum Weihnachtsfest auch landestypisch gekocht. Auf den traditionellen persischen Kartoffelsalat mit Ei, Erbsen und Hühnerfleisch an Heiligabend freuten sich beide ebenso wie auf die deutschen Rouladen am ersten Weihnachtsfeiertag.  

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