Wittenberger Badeanstalt : Erinnerung an glückliche Sommer

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Die Tochter von Schwimmmeister Willi Stubbenhagen möchte vor dem Abriss noch einmal auf der Badeanstalt-Plattform stehen. Hochwasserschutz hat Vorrang

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08. März 2014, 12:00 Uhr

Das Landesumweltamt will die von Betonpfeilern im Elbdeich gehaltene Plattform, die bis vor gut zwei Jahrzehnten das Gebäude der ehemaligen Badeanstalt trug, abreißen. Diese Meldung im „Prignitzer“ ist bis Hannover gedrungen. Dort lebt Helga Timm. Ihre Wittenberger Bekannte Inge Golze hat ihr den Artikel aus der Zeitung ausgeschnitten und zugeschickt. Bei Helga Timm herrscht seit dem helle Aufregung. „Ich möchte unbedingt noch einmal auf dem Beton stehen, bevor der letzte Rest unserer Badeanstalt verschwindet“, sagt die agile Seniorin dem „Prignitzer“ am Telefon. Und fügt hinzu: „Ich habe auf diesem Beton, auch wenn es komisch klingt, meine Kindheit verbracht.“ Des Rätsels Lösung: Helga Timm ist die Tochter von Willi Stubbenhagen, dem wohl bekanntesten Schwimmmeister, den Wittenberge jemals hatte. Die Zahl derer, die bei ihm das Schwimmen elernten, geht in die Tausende, denn der 1900 geborene Stubbenhagen war über Jahrzehnte und bis kurz vor seinem Tode 1983 in der Badeanstalt anzutreffen. Für seine 1930 geborene Tochter ist diese Badeanstalt an der Elbe der Inbegriff einer unbeschwerten Kindheit. „Bis der Krieg ausbracht, hat unsere Familie dort aus Kindersicht wunderbare Sommer verbracht“, erinnert sich Helga Timm. „Im Frühjahr hat meine Mutter gepackt, unsere Deckbetten kamen auch mit, und dann sind wir in die Badeanstalt umgezogen. Es war wie Camping. Wir konnten zwei von den Umkleidekabinen für unsere Familie nutzen. Meine Mutter hat an der Kasse gesessen. Mein Vater war dann unten bei den Becken.“

Das Besondere an der Badeanstalt war ihre Zweiteilung. Auf der jetzt noch existierenden Plattform statt das optisch dekorative Haus mit den hölzernen Umkleidekabinen und der Kasse. Um das Gebäude herum führte eine Galerie. Von ihr gingen zwei Treppen ab. Sie führten nach unten, wo sich zwischen Deich und Elbe das Plansch- und die Schwimmbecken mit dem Sprungturm befanden.

Schon wenn man über die Eisenbahn- und später auch die Straßenbrücke kam, konnte man die Badeanstalt sehen, erinnert sich auch „Prignitzer“-Leser Frank Metschulat.

Das Landesumweltamt begründet den Rückbau, der mittelfristig geplant ist, mit dem desolaten Zustand der Betonstützpfeiler. Das zur Verfügung stehende Geld soll nicht in deren Sanierung fließen, sondern für dringende Maßnahmen im Hochwasserschutz verwendet werden.

So werden beispielsweise noch in diesem Jahr in den Deich hinter Hinzdorf Richtung Scharleuck Stahlspundwände gerammt, um ihm Standsicherheit zu geben. Im Industriegebiet Süd werden die Schutzwälle durch neue Abschnitte ergänzt.


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