Er sorgt für das Wichtigste: Wasser

250 000 Flüchtlinge in insgesamt zwölf Camps leben im Tschad.
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250 000 Flüchtlinge in insgesamt zwölf Camps leben im Tschad.

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13. September 2012, 09:22 Uhr

Eldenburg/Tschad | Wenn Urban Britzius im Flugzeug sitzt, legt er seinen Schalter im Kopf um. Für die nächsten Wochen blendet er das deutsche Alltagsleben aus, all die Annehmlichkeiten, die für uns selbstverständlich sind. Urban Britzius schaltet gedanklich auf Afrika um, auf den Tschad - eine der ärmsten Regionen der Welt. Seit 2004 ist der Agraringenieur für die Hilfsorganisation Help tätig, organisiert die Wasserversorgung im Flüchtlingslager Am Nabak. Vor gut einem Monat startete er zu einem neuen Einsatz.

250 000 Flüchtlinge leben nach offiziellen Angaben im Tschad, insgesamt gibt es zwölf Camps. Am Nabak liegt in einer trockenen Gegend. "Zehn Monate fällt kein Tropfen", sagt Britzius. Die restlichen Wochen ist Regenzeit. Doch selbst das habe in Zeiten des Klimawandels nicht viel zu sagen. "Eigentlich fallen 200 Milliliter doch in den vergangenen drei Jahren waren es jeweils nur etwa 20", schildert Britzius die Situation. Zum Vergleich: In Deutschland fallen 700 bis 1000 Milliliter jährlich.

Im Flüchtlingslager leben mehr als 11 000 Menschen. Sie brauchen jeden Tag etwa 160 000 Liter Wasser. Das ganze Jahr über. Ohne Wasser würde Chaos ausbrechen. Im Tschad zählt ein Krug Wasser mehr als ein Menschenleben. Urban Britzius ist derjenige, der die Wasserversorgung sicher stellt.

"Begonnen haben wir mit Lkw." Vier Tankfahrzeuge von der Größe eines Heizöltransporters holten das wertvolle Nass aus umliegenden Brunnen. Sie fuhren an 365 Tagen im Jahr jeweils acht Touren. 440 Liter Kraftstoff schluckten ihre Motoren täglich. 600 000 Euro jährlich kostete allein die Wasserversorgung für dieses eine Lager.

"Ich wollte, nein, ich musste, eine andere Lösung finden." Britzius grübelte, aber fand keine Lösung. Überall Sand. Experten suchten, aber fanden kein Wasser. In seiner Not fragte Britzius die Wüstensöhne. Ein alter, bei seinem Stamm angesehener Mann, ging mit ihm und zeigte genau, wo er zu graben hat. "Nicht fünf Meter weiter links oder rechts, sondern an diesem Punkt. Wir gruben und stießen in drei Metern Tiefe auf Wasser."

Was für Britzius und andere europäische Experten wie ein Wunder wirkte, zeigte nur einmal mehr, wie gut die Menschen in Afrika ihre Heimat kennen. Was dann folgte, glich in den Augen der Afrikaner einem Wunder: Britzius legte mehrere offene Brunnen in direkter Nachbarschaft zum Flüchtlingslager an. Mit Unterstützung der Bevölkerung baute er ein vier Kilometer langes Wassernetz auf, verlegte dies unterirdisch. Seitdem können die Flüchtlinge an mehreren Stellen Wasser holen. Pumpen sorgten stets für ausreichend Nachschub. "Für Notfälle haben wir drei Tanks mit insgesamt 300 Kubikmetern. Das reicht für drei Tage." Doch das gefeierte Versorgungssystem hat seine Tücken. "Hier weht beständig Wind, die feinen Sandkörner setzen sich in den Pumpen fest, alle zwei Monate müssen wir die Brunnen vom Sand befreien." Die magere Regenbilanz der vergangenen Jahre verschärft die Situation. "Teilweise transportieren wir Wasser wieder mit einem Lkw", sagt Britzius. Deshalb arbeitet er jetzt an einem neuen Konzept.

Solarpumpen könnten zumindest das technische Problem lösen. Sie würden gar nicht oder deutlich langsamer versanden. Ein erster Test hat begonnen. Die größere Herausforderung sieht Urban Britzius aber darin, das Wasser aufzustauen. "Manchmal regnet es bis zu 85 Millimeter in der Stunde. Das trockene Wadi verwandelt sich in einen reißenden Fluss."

Das Wasser fließe viel zu schnell ab, als dass ausreichend in den Boden dringen könne, um den Grundwasserspiegel anzuheben. Gelinge es, das Wasser zu halten, könnte sich die Situation deutlich entspannen. "Ich kenne Projekte in der Sahelzone, wo das gelungen ist. Dort gibt es heute wieder grüne Flächen", zeigt sich Britzius zuversichtlich.

Seine Zuversicht ist gepaart mit der Hoffnung, bis zu seinem endgültigen Abschied aus dem Tschad eine dauerhafte Lösung zur Wasserversorgung gefunden zu haben. Schon jetzt gilt er als der Dinosaurier unter den europäischen Helfern - egal, welcher Organisation sie angehören. "Manche bleiben Monate, manche schaffen ein Jahr." Ihm selbst gelingt seit acht Jahren der Spagat zwischen den zwei Welten.

Nur den Schalter umzulegen, sei zu wenig. "Bestimmte Sachen muss ich ausblenden." Zum Beispiel, wie gering Männer im Tschad Frauen und Kinder schätzen, wie sie mit ihnen umgehen. Thema Beschneidung bei Frauen. "Das ist hier eine völlig andere Welt, wir dürfen nicht unsere Wertvorstellungen anlegen. Ich will hier überleben", sagt der Prignitzer. Manches, was uns unvorstellbar, ja verurteilenswert erscheinen mag, werde dort seit Jahrtausenden so und nicht anders praktiziert. "Wer gibt uns das Recht zu sagen, dass nur wir die Dinge richtig sehen."

Hinzu komme die Mentalität der Menschen. "Es ist ein Kernfehler, in diese Länder mit der Einstellung zu gehen, ich zeige euch, wie es geht." Urban Britzius tritt den Menschen im Tschad auf Augenhöhe gegenüber. "Erst schauen, wie was gemacht wird, dann überlegen, wie man das nicht anders, aber vielleicht besser machen könnte", lautet seine Devise. Sein Auftreten, ja seine ganze Art schätzen die Menschen im Tschad. Sie haben ihm einen Namen gegeben, der ihre Wertschätzung ausdrückt: Shahib Almi - der Alte vom Wasser.

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