Behinderte in Arbeit : Er ist der gute Geist im Haus

Seit knapp zehn Jahren arbeitet der taubstumme Uwe Linke bei einer Pritzwalker Reinigungsfirma. Die Behinderung nehmen seine Kollegen kaum noch wahr. Die Verständigung klappt per Lippenlesen und mit Händen und Füßen.
Seit knapp zehn Jahren arbeitet der taubstumme Uwe Linke bei einer Pritzwalker Reinigungsfirma. Die Behinderung nehmen seine Kollegen kaum noch wahr. Die Verständigung klappt per Lippenlesen und mit Händen und Füßen.

Agentur für Arbeit veranstaltet dritte Aktionswoche der Menschen mit Behinderung / Pritzwalker Unternehmen geht mit gutem Beispiel voran

svz.de von
04. Dezember 2013, 07:30 Uhr

„Am Anfang sind wir mit ihm fast verzweifelt“, gibt Frank Szczesny zu. Der Geschäftsführer der Jolmes & Partner GmbH, einer Firma für Gebäudereinigung mit Sitz in Pritzwalk, erinnert sich noch gut an die Startschwierigkeiten, die er mit seinem Angestellten Uwe Linke hatte. Das war 2004. Inzwischen ist der Jännersdorfer seit fast zehn Jahren in dem Unternehmen tätig. Dass er taubstumm ist, stellt heute kein Problem mehr dar. Szczesny ist zufrieden mit seiner Arbeit und möchte nicht mehr auf ihn verzichten. Dass Menschen wie Linke trotz Schwerbehinderung die Chance auf eine dauerhafte Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen, dafür setzt sich die Bundesagentur für Arbeit ein. Seit Montag läuft die nunmehr dritte bundesweite, von der Agentur initiierte Aktionswoche der Menschen mit Behinderung.


Rücksicht nehmen und Stress vermeiden


„Ziel ist es, Arbeitgeber auf die Beschäftigungspotenziale aufmerksam zu machen und für mehr Inklusion im Arbeitsleben zu werben“, erklärt Ina Kaiser-Hagenow. Sie ist als Teamleiterin des Arbeitgeber-Service in der Arbeitsagentur Neuruppin zuständig für denLandkreis Prignitz. Am Montag besuchte sie die Jolmes & Partner GmbH, die aktuell vier Behinderte sowie eine Praktikantin mit Handicap beschäftigt. Zwei von ihnen sind schwerbehindert. Neben Uwe Linke ist das seit knapp einem Jahr ein 27-jähriger Pritzwalker mit autistischen Zügen. Aufgrund seiner Erkrankung ist seine Arbeitszeit auf 20 Stunden pro Woche beschränkt. „Auf ihn müssen wir besonders Rücksicht nehmen“, erklärt Frank Szczesny. „Er verträgt keinen Stress, braucht eine vertrauensvolle Umgebung und viel Routine. All das versuchen wir ihm zu geben.“ Eingesetzt wird er in den Bereichen Industrie- und Außenreinigung, wobei ihm stets ein Mitarbeiter zur Seite steht, er nie alleine arbeiten muss. Uwe Linke hingegen arbeitet Vollzeit, er ist „unser guter Geist im Haus“, wie Szczesny sagt. Er fährt Ware aus, hält das Grundstück in Ordnung und ist für die Pflege der Firmenfahrzeuge zuständig.

Das Pritzwalker Reinigungsunternehmen ist nur ein Beispiel für erfolgreiche Inklusion auf dem Prignitzer Arbeitsmarkt. Zu den weiteren Arbeitgebern, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, gehören die RB Reinert Bauelemente GmbH in Lenzen, der Frisörsalon Coiffeur GmbH Wittenberge und das Zahnradwerk in Pritzwalk.


267 Prignitzer Schwerbehinderte sind derzeit arbeitslos


Grundsätzlich besteht laut Gesetz für jedes Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen eine so genannte Beschäftigungspflicht, wonach mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit Schwerbehinderung zu besetzen sind. Das sind 167 Unternehmen prignitzweit. Arbeitgeber, die diese Pflicht nicht wahrnehmen, müssen eine monatliche Ausgleichsabgabe entrichten, die von den Integrationsämtern erhoben wird. Jene Arbeitgeber hingegen, die Behinderte beschäftigen, unterstützt die Agentur für Arbeit unter anderem mit einem Eingliederungszuschuss. „Von Januar bis Oktober 2013 konnten wir 403 Schwerbehinderte in Arbeit vermitteln“, informiert Ina Kaiser-Hagenow. Zeitgleich seien aber auch 358 Schwerbehinderte von der Erwerbsfähigkeit in die Arbeitlosigkeit gerutscht. Zurzeit liege die Zahl der erwerbslosen Menschen mit einem starken Handicap in der Prignitz bei 247. „Und das, obwohl 191 von ihnen Fachkräfte sind“, so Kaiser-Hagenow. Überhaupt verfügen Schwerbehinderte ungleich häufiger über eine abgeschlossene Berufsausbildung als nicht-behinderte Arbeitslose, wie die Expertin erläutert.

Dass sie es trotzdem so viel schwerer haben, in Arbeit zu kommen, liege zum Großteil an den noch immer bestehenden Vorurteilen. Auch Szczesny konnte sich davon lange nicht freisprechen: „Ich hatte anfangs auch Bedenken, ob wir einen Taubstummen überhaupt beschäfigen können. Ich dachte nicht, dass das funktionieren könnte.“ Das zuständige Integrationsamt habe ihn schließlich überredet, es doch zu versuchen. Der an Autismus leidende junge Mann wurde über die Arbeitsagentur vermittelt. Ein festes Arbeitsverhältnis könne nach den Erfahrungen Szczesnys nur klappen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. „Die Arbeit muss auf die Person und deren Fähigkeiten zugeschnitten sein“, sagt er. „Wichtig ist aber vor allem, dass derjenige erst mal einen Fuß in die Tür bekommt, dann hat er gute Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt.“

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